09.06.2012
International

Flüchtlingsstrom aus Syrien wächst

Hunderttausende Syrer sollen bereits auf der Flucht sein. Die meisten irren noch im eigenen Land umher. Jene, die es ins Ausland schaffen, destabilisieren die Nachbarländer. Es droht ein Flächenbrand.
Foto: REUTERS
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Flucht vor der Gewalt in Syrien

Damaskus – Die seit 16 Monaten anhaltende Gewalt in Syrien treibt immer mehr Menschen in die Flucht. Die meisten von ihnen sind noch in Syrien selbst unterwegs, doch immer mehr schaffen es in die zumeist armen und instabilen Nachbarländer. Damit belastet der Konflikt zunehmend die gesamte Region; es droht ein Flächenbrand.

Caritas-Experte Stefan Maier zufolge sollen eine halbe Million Syrer auf der Flucht sein, die meisten von ihnen suchen Zuflucht in großen Städten wie Damaskus und Aleppo. „Dort gibt es aber so gut wie keine Strukturen“, sagt Maier.

Auch die Nachbarländer berichten von immer mehr Ankömmlingen aus Syrien. Offiziell sind es bisher 26.300 in der Türkei, 21.800 in Jordanien und 17.300 im Libanon. Die Dunkelziffer liegt höher, weil viele Flüchtlinge aus Angst um die Sicherheit ihrer Familien nicht aktenkundig sein wollen und sich nicht registrieren lassen. Unklar ist auch, was mit Hunderttausenden Menschen passiert, die vor der Gewalt im Irak nach Syrien geflohen waren und dort am Rande der Gesellschaft gelebt hatten.

Die Flucht selbst – besonders in den Libanon – ist lebensgefährlich. „Syrische Grenztruppen schießen den Flüchtlingen bis auf libanesisches Territorium nach. Immer wieder dringen syrische Truppen bis in den Libanon vor. Nachdem die syrische Armee das Grenzgebiet zum Libanon vermint hat, gibt es auch zahlreiche Minenopfer“, berichtet Maier.

Auf der Flucht sind nicht allein Gegner des Regimes von Bashar Assad. Unter den Flüchtlingen sind auch Angehörige von Minderheiten, die fürchten, dass nach dem Sturz von Assad Islamisten Blutbäder wie im Irak anrichten oder mit Hilfe aus den konservativen Golfstaaten sogar an die Macht gelangen könnten.

Von den Zielländern der Flüchtlinge ist nur die Türkei stabil und in der Lage, die Flüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen. Im Libanon verschärft der Bürgerkrieg in Syrien die Gegensätze zwischen Gruppen von Schiiten, Sunniten und Christen. Es kam bereits zu Schießereien zwischen Anhängern und Gegnern des Assad-Regimes. Und Jordanien ist schon jetzt das Land mit dem weltweit höchsten Anteil an Flüchtlingen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sind Palästinenser; dazu kommen Iraker und jetzt auch Syrer. Jordanien brauche dringend Hilfe, weil es einen sehr hohen Preis für seine „Großzügigkeit und Solidarität“ zahle, sagte UNO-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres am Freitag.

In Syrien selbst nimmt die Gewalt weiter zu. Nach Angaben von Regimegegnern hat die Armee am Freitag begonnen, die Oppositionshochburg Homs mit Granaten zu beschießen. Das syrische Militär hatte am Donnerstag auch Fahrzeuge von UNO-Beobachtern mit panzerbrechender Munition beschossen und auf diese Weise verhindert, dass die Beobachter Berichte über ein Massaker an Zivilisten prüfen konnten. Das sagte UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon.

UNO-Vermittler Kofi Annan warnte indessen vor einem regionalen Krieg: „Syrien ist nicht Libyen. Es würde nicht implodieren, es würde explodieren und die ganze Region mitreißen.“ (floo, APA, dpa)

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 09.06.2012
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