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Sensation bei Wahl

Yair Lapid - der „schönste Politiker Israels“ wird zum Königsmacher

Israels Ministerpräsident Netanyahu wurde bei den Palamantswahlen abgestraft. Der neue Polit-Star ist der populäre Fernsehmoderator Yair Lapid. Erst Mitte 2012 gegründet, ist die Zukunftspartei „Yesh Atid“ des „schönsten Politikers Israels“ nun zweitstärkste Kraft in der Knesset. Israels Presse ruft ihn schon zum „Königsmacher“ aus.

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Jerusalem - Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat bei der Parlamentswahl eine schwere Schlappe erlitten. Sein rechtes Bündnis Likud-Beitenu kam nur auf 31 der 120 Sitze in der Knesset - das sind 11 weniger als bisher. Um an der Macht zu bleiben, braucht er einen neuen Koalitionspartner.

Und da fällt in Israel nun einer neuer Name: Yair Lapid. Der frühere Fernsehmoderator sorgte nämlich bei der Wahl für eine Riesensensation. Newcomer Lapid schaffte mit seiner erst 2012 gegründeten Zukunftspartei mit 19 Sitzen aus dem Stand den Sprung auf Platz zwei im Parlament.

Der gut aussehende Mann mit dem grau melierten Haar - er wird als schönster Politikers Israels bezeichnet - wirkt wie ein liberales Gegenbild zu dem rechtsorientierten Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Lapids Familienname bedeutet auf Hebräisch Fackel - mit seinem Gang in die Politik will der verheiratete Vater dreier Kinder den Weg zu einem moderneren, gerechteren Israel leuchten.

„Ein neuer König ist gekrönt“

An Lapid führt bei der Regierungsbildung wohl kein Weg mehr vorbei. Er ist der „Königsmacher“, sind sich die Kommentatoren relativ einig. Die linksliberale Zeitung Haaretz schrieb sogar: „Ein neuer König ist gekrönt: Jair Lapid.“ Denn nur wenn Netanyahu mit der Zukunftspartei koaliert, kann er sich aus dem Schwitzkasten der vielen kleinen Siedler- und Rechts-Parteien befreien.

„Es gibt keine vernünftige Regierung ohne Lapid“, heißt es in der Haaretz. Lapid sei über Nacht zur wichtigsten Figur der israelischen Politik geworden. Im Armeerundfunk hieß es, Netanyahu werde keine andere Wahl haben, als Lapid das Amt des Außen-, Verteidigungs- oder Wirtschaftsministers anzudienen.

Für eine Koalition mit Netanyahu hat sich Lapid, anders als andere Repräsentanten des Mitte-Links-Lagers, ausdrücklich offen gezeigt. Noch in der Wahlnacht äußerte er sich dankbar für den überraschend großen Wählerzuspruch. „Danke“, schrieb er lapidar auf seiner Facebook-Seite.

„Neue, saubere Politik“

Lapid möchte die Prioritäten der israelischen Politik ändern, so das Parteiprogramm. Der ehemalige Fernsehmoderator und Anchorman will gegen Korruption, für Bildung und „Zwei Staaten für zwei Völker“ kämpfen. Dementsprechend auch der Name der Partei, der wörtlich übersetzt „Es gibt eine Zukunft“ heißt. Lapid verspricht eine „neue, saubere Politik“, wohl auch in Anspielung auf den kürzlich wegen einer Korruptionsaffäre zurückgetretenen Außenminister Avigdor Lieberman. Beobachter kritisierten sein Parteiprogramm aber als „zu schwammig“. Die Bevölkerung scheint den aus Fernsehen und Zeitung bekannten Saubermann jedoch zu lieben.

Der Tel Aviver will sich bewusst von aktiven Politikern abgrenzen. Er versteht die Mittelschicht, möchte sie entlasten, sagt er. Zudem will er eine gerechtere Sozialpolitik - unter anderem günstigere Wohnungen für Studierende und Veteranen des israelischen Militärs.

Im Bezug auf die Friedensgespräche mit Palästina signalisierte Lapid Bereitschaft zur Wiederaufnahme, wurde diesbezüglich jedoch nie konkreter. Im vergangenen November hatte er aber in einer Diskussion über den Nahost-Konflikt gemeint, die Israelis müssten „lernen, mit den Arabern zu leben“.

Vater war schon Justizminister

Bei der Abstimmung im Norden Tel Avivs hatte Lapid vorher gesagt: „Das ist das erste Mal, dass ich für mich selbst stimme. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, von dem mir auch mein Vater erzählt hat.“ Sein vor knapp fünf Jahren gestorbener Vater, ein Holocaust-Überlebender aus Ungarn, war Vorsitzender der liberalen Shinui-Partei und bis 2004 Justizminister. Deshalb kennt Lapid das politische Geschäft von Kindesbeinen an.

Doch auch seiner Mutter Shulamit, einer bekannten Autorin, ist er beruflich gefolgt: Lapid hat schon mehrere Kinderbücher und Romane veröffentlicht. Seine Frau Lihi ist eine in Israel sehr prominente Schriftstellerin und Zeitungskolumnistin. Sie sorgte vor einigen Jahren für großes Aufsehen, als sie offen über den Autismus ihrer Tochter sprach.

Kolumnist, Talkmaster, Anchorman, Autor

Lapid trat bis Mai vergangenen Jahres sowohl als Journalist und witziger Kolumnist der Zeitung Ma‘ariv sowie des Boulevardblatts Yedioth Ahronoth als auch als Talkmaster und Anchorman, beispielsweise bei dem israelischen Fernsehsender Channel 2, auf. Zudem schrieb der Hedonist Gedichte, Lieder, Bücher und Theaterstücke und betätigte sich als Schauspieler.

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