Archiv

Letztes Update am TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe

Präsidenten-Stichwahl

Nach Schlammschlacht entscheiden Tschechen über ihren Staatschef

„Fürst“ Schwarzenberg gegen Linkspopulist Zeman: Die tschechische Stichwahl um das Präsidentenamt bietet Nervenkitzel bis zum Schluss Meinungsforscher sagen ein knappes Kopf-an-Kopf-Rennen voraus.

Prag - Rund 8,5 Millionen Tschechen sind heute und morgen aufgerufen, den Staatspräsidenten zu bestimmen. In Umfragen führt der frühere sozialdemokratische Ministerpräsident Milos Zeman leicht. Chancen kann sich bei der Stichwahl aber auch der rechtsliberale Außenminister Karel Schwarzenberg ausrechnen. In der ersten Runde der Präsidentenwahl vor zwei Wochen lagen Zeman und Schwarzenberg beinahe gleichauf.

Es handelt sich um die erste Direktwahl des Präsidenten in der Geschichte Tschechiens. Frühere Staatsoberhäupter wurden durch das Parlament gewählt. Ergebnisse werden am späten Samstagnachmittag erwartet.

Im Kampf um das prestigeträchtige Amt auf dem Prager Hradschin griff das Lager von Milos Zeman in die nationalistische Trickkiste. Präsidenten müssten ihr ganzes Leben in Tschechien verbracht haben, wettert das scheidende Staatsoberhaupt Vaclav Klaus. Und seine Frau Livia fügt gleich hinzu: Eine First Lady, die nur deutsch spreche, könne sie sich nicht vorstellen.

Schwarzenberg (75) ging 1948 als Kind ins Wiener Exil und kehrte erst nach der demokratischen Wende von 1989 zurück. Der amtierende Außenminister zählt zum Hochadel und fühlt sich als Europäer. Seine Frau, die Ärztin Therese von Schwarzenberg, lebt in Österreich. Nun ist der Wahlkampf für den beliebten Fliegenträger zu einer Art Staatsbürgerschafts-Test mutiert. „Jeder weiß, dass ich undeutlich nuschele“, muss er Kritik an seiner Tschechisch-Aussprache abwehren.

„Schweinegrippe oder Vogelgrippe“

Es sei „eine Wahl zwischen Scheinegrippe und Vogelgrippe”. Diese Worte des volltätowierten Künstlers Vladimir Franz, der selbst für das Amt kandidiert hatte, sind vielleicht etwas drastisch. Es scheint aber, als ob sich viele Tschechen zwischen den beiden Finalisten Zeman und Karel Schwarzenberg (75), nur schwer entscheiden können. Ein schmutziger Wahlkampf und Fehler auf beiden Seiten machen die Qual der Wahl nicht leichter.

Tschechische Medien sind voll von aufgelisteten Wahlkampf-„Lügen“ und „Hitparaden des Schmutzes“. Dazu gehört etwa der Vorwurf, dass in der Burg Hardegg von Schwarzenbergs Frau ein Bild von einem Hakenkreuz hänge. Als sich herausstellte, dass die Burg der Familie von Therese Schwarzenberg bereits seit fast 300 Jahren nicht mehr gehört, entschuldigte sich Zeman. Der Mitte-Links-Politiker kritisierte andernorts, eine Lehrerin habe das Schloss Cimelice in Böhmen nach der Rückgabe an die Familie Schwarzenberg verlassen müssen. Die 73-jährige wandte sich selbst an die Medien, um das richtigzustellen. Nicht die Schwarzenbergs sondern die Kommunisten hätten sie 1982 verjagt.

Prominente Frauen sind über eine andere Aussage Zemans empört: „Fürsten hatten das Recht auf die erste Nacht und deswegen degenerierten sie, weil sie ihre Sklavinnen nicht peinigen mussten und keine Energie dafür verwenden mussten. Während wir Knappen (Zemani, auf tschechisch) das Recht - nicht nur auf dem Gebiet der Sexualität - immer schwer erkämpfen mussten, und deswegen sind wir nicht degeneriert“, sagte Zeman. In ganzseitigen Inseraten erklärten daraufhin bekannte Schauspielerinnen und Künstlerinnen: „Wer kein anständiger Mann ist, kann kein guter Präsident sein.“

„Zeman greift an, Schwarzenberg ist passiv“

Aber auch Schwarzenberg wird kritisiert. Die Zeitung „Mlada fronta Dnes“ wirft ihm vor, ungenügend vorbereitet in die TV-Debatten gegangen zu sein. Er habe sich bei Aussagen korrigieren müssen und Dinge verwechselt. „Ungeschickt“ sei die Äußerung Schwarzenbergs gewesen, dass die Regierung des früheren Präsidenten Edvard Benes (unter heutigem Gesichtspunkt) für die Taten des Jahres 1945 vor das Tribunal in Den Haag gestellt würde, meinen die „Lidove noviny“. Benes gilt als Nationalheld.

Schwarzenbergs Team sei nicht viel eingefallen, um wieder eine „Welle“ wie beim ersten Durchgang der Präsidentenwahl in Bewegung zu setzen, sagt der Politologe Josef Mlejnek von der Prager Karls-Universität. In der ersten Runde vor zwei Wochen sah man überall in Prag Menschen mit Ansteckern „Volim Karla“ (Ich wähle Karel). Der „Fürst“ war „in“. Doch mittlerweile scheint er in die Defensive geraten zu sein. „Zeman greift an, Schwarzenberg ist passiv.“

Für den Prager Alterzbischof Kardinal Miloslav Vlk wurde der Bogen allerdings überspannt. Die „schmutzige Kampagne von Halbwahrheiten und Lügen“ gegen Schwarzenberg mache die Entscheidung leicht. Zur Wahl Schwarzenbergs gebe es keine Alternative, so der Kardinal.

Zemans Anhänger dagegen fühlen sich nicht abgeschreckt. Mirek, ein etwa 40-jähriger Kellner in einem Bierlokal in Prag, schiebt die Schuld für die Entgleisungen dem Wahlstab zu. „Zeman wäre ein guter Präsident.“ Mirek ist überzeugt, dass der ehemalige sozialdemokratische Premier das Volk besser repräsentieren würde. „Schwarzenberg kann nicht einmal die tschechische Hymne. Und seine Frau spricht kein Wort Tschechisch.“ Eine große Rolle spielen für ihn außerdem die kritischen Aussagen Schwarzenbergs zum Thema Benes-Dekrete. Ein Aufheben der Dekrete kommt für ihn nicht in Frage.

Auch Ex-Präsidentschaftskandidat Vladimir Franz hat sich entschieden. Für die „Schweinegrippe“, wie er selbst sagt. Er gibt seine Stimme Zeman. Der sei berechenbarer. (TT.com, APA)