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Letztes Update am TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe

Sexismus-Debatte

#Aufschrei: „Ich heule gerade, aber hört bloß nicht auf!“

Nach einem beklemmenden Porträt über den deutschen FDP-Politiker Rainer Brüderle in einem deutschen Magazin, ist eine Debatte über Sexismus im Alltag losgebrochen, die nicht nur im Internet die Wogen hoch gehen lässt.

Innsbruck – „Sie will nicht Bier holen gehen und kochen kann sie auch nicht“, schreibt ein Mann auf Twitter. Ein anderer erklärt: „Die Männer haben gewonnen als Frauen Poledancing als Sport entdeckt haben.“

Dahinter setzen sie den Hashtag #Aufschrei – damit jeder die Wortmeldung finden möge, der die gesammelten Meldungen von Menschen lesen will, die hier ihre Empörung über Sexismus im Alltag zum Ausdruck bringen. Solche und viele andere Herren haben offensichtlich nichts kapiert. Im besten Fall begegnen sie Menschen mit Zynismus, den sie nicht verdient haben. Im schlechtesten Fall meinen sie es ernst.

Es ist ein Teilen, ein Geben, ein Nehmen, das derzeit durch das Internet wogt. „Deutschland spricht über Alltagssexismus gegen Frauen, folgt #Aufschrei“, zwitschert die Frauenorganisation der Vereinten Nationen empfehlend auf Twitter. Und tatsächlich findet man unter dem Hashtag eine Lawine von Tweets in denen zu oft von zu vielen und zu hässlichen sexistischen Episoden erzählt wird, die für viele Frauen offenbar zum geschmacklosen Alltag gehören.

Eine Journalistin, ein Politiker, ein Anfang

„Ich heule gerade, aber hört bloß nicht auf“, schreibt eine Userin, die angesichts der vielen eindrücklichen Schilderungen emotionale Limits erreicht hat. Es geht vielen ähnlich – das kann man aus der Timeline deutlich herauslesen.

Begonnen hat alles mit einem Bericht einer Journalistin des deutschen Magazins „Stern“. Reporterin Laura Himmelreich erzählt unter dem Titel „Der Herrenwitz“ von ihrer Begegnung mit FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle beim Dreikönigs-Treffen vor einem Jahr. Von angeblichen Anzüglichkeiten Brüderles gegenüber der jungen Frau ist darin die Rede.

Die Berichterstattung wurde zuerst durchwegs kritisch debattiert. „Diese Art der Berichterstattung ein Jahr nach einem angeblichen Vorfall ist zutiefst unfair“, nahm Außenminister Guido Westerwelle seinen Parteikollegen in Schutz. „Stern“-Chefredakteur Thomas Osterkorn verteidigte Himmelreich und das Erscheinen des Artikels.

Die Kollegin habe Brüderle über einen längeren Zeitraum beobachten wollen. Am Anfang der Recherche habe ein unerfreuliches Erlebnis gestanden. „Im Laufe der Recherche hat sich gezeigt, das es offensichtlich ein Grundmuster seines Verhaltens gegenüber Frauen ist.“

Doch nach dieser anfänglich lauten Kritik hat sich die Debatte gedreht.

Korrekte Umgangsformen gefragt

Am Freitag rügten Prominente und Experten das vom Magazin „Stern“ beschriebene Verhalten des FDP-Fraktionschefs gegenüber Frauen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warb nach den Sexismus-Vorwürfen gegen Brüderle für korrekte Umgangsformen zwischen Politikern und Journalisten. Bundesfrauenministerin Kristina Schröder (CDU) ließ mitteilen, sexuelle Belästigung sollte unabhängig vom Einzelfall als Dauerthema diskutiert werden.

„Plump, geil und ekelhaft“ nannte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Knigge Gesellschaft, Hans-Michael Klein, das Brüderle vorgehaltene Benehmen. In den Zeitungen der WAZ-Gruppe (Samstag) sprach Klein von einem „heiklen Thema“. Anscheinend sei es „schwer in Mode“ gekommen, sich über Sexismus im Business zu beschweren. Das sei auch in Ordnung, solange es nicht in Hysterie ausarte. „Anbaggern an sich ist legitim. Es kommt aber auf die richtige Form an“, fügte Klein hinzu.

Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer meinte, seit die „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich Klartext geschrieben habe, sei Brüderle „kein Politiker mit Zukunft mehr, sondern ein Mann von gestern“. In ihrem Blog schrieb die 70-Jährige: „Das beklagte sexistische Verhalten disqualifiziert endlich auch den Mann.“

Die Kanzlerin, die Familienministerin, die Feministin, der Benimm-Experte: Alle beschäftigen sich mit dem Thema Sexismus. Nur der Auslöser der Debatte, Rainer Brüderle, schweigt. Er wird der Debatte allerdings genauso wenig ausweichen können, wie die deutsche – und auch die österreichische – Gesellschaft insgesamt.

Wer dieser folgt, dem wird auch rasch klar, dass jeder für Sexismus seine ganz eigene Definition hat. Die Grenze zwischen einem netten Flirt oder einem wohltuenden Kompliment und der sexuellen Belästigung ist schmal und nicht klar definiert. „Sobald ein Gespräch als unangenehm und als verbaler sexueller Angriff empfunden wird, ist eine Grenze überschritten“, sagt die Genderforscherin Katrin Späte vom Institut für Soziologie in Münster. „Diese Grenze muss jeder für sich selbst festlegen.“

„Öffentliche Diskussion ist wichtig“

Sexismus ist auch eine Frage der Persönlichkeit. Während eine sehr selbstbewusste Frau den Spruch über ihre „schönen Beine“ vielleicht noch als charmante Anmache empfindet und ihn mit einem Lächeln quittiert, geht der gleiche Spruch der schüchternen Kollegin womöglich viel zu weit. „Dass diese Diskussion nun öffentlich geführt wird, ist wichtig“, sagt Forscherin Späte. Auch, um sensibel für Übergriffe zu werden.

Dass das mit der aktuellen Debatte gelingt, zeigt Twitter: „Ich weiß gar nicht was ich zu #aufschrei sagen soll außer: dafür, weiter so! Und dass ich mich als Mann schäme, dass so etwas nötig ist“, schreibt ein Mann. Dass noch viel zu tun ist, wird ebenfalls erkennbar. Denn da steht eben auch: „will nicht wissen wieviel geschichten hier bei #Aufschrei erfunden werden nur um aufmerksamkeit zu bekommen. Sucht euch hobbys eh.“ Auch von Frauen, die doch selbst schuld seien, weil sie sich so aufreizend gekleidet hätten, ist wie so oft die Rede.

„Es ist nicht in Ordnung“, sagt Forscherin Späte, „wenn Frauen so dargestellt werden, als würden sie das provozieren und damit das Täter-Opfer-Verhältnis umgedreht wird.“ Nichts, auch nicht die äußere Erscheinung der Frau, könne rechtfertigen, dass jemand die persönlichen Grenzen eines anderen überschreite.

Sexismus in alltäglichen Situationen

Das geschieht schnell, denn Sexismus findet sich vielen alltäglichen Situationen: Da ist der Turnlehrer, der „Hilfestellung“ gibt und dabei zum Grapscher wird. Da ist die Frage nach den Kinderplänen beim Bewerbungsgespräch, der „Frauenbonus“ für Bundeskanzlerin Merkel, die als „Tittenbonus“ abgewertete Frauenquote.

Es geht ein „#aufschrei“ durch die Gesellschaft - zumindest online. Im Sekundentakt rattern beim Kurzmitteilungsdienst Twitter Kommentare zur aktuellen Diskussion über Sexismus ein. Die Kommentare reichen von eigenen Erlebnissen über Ermutigung der Betroffenen bis zur Abwertung der Debatte. Die Diskussion – man spürt es – ist notwendig. Also: „Hört bloß nicht auf!“ (paco, dpa)