Zahl der Sonderschüler steigt
Von Katharina Zierl
und Marco Witting
Innsbruck – Die Zahl der Sonderschüler steigt – auch in Tirol. „Das bekannte Phänomen, dass zunehmend Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache in Sonderschulen untergebracht werden, spielt da mit“, sagt die Tiroler Sozialwissenschafterin Petra Flieger. Dass Kinder mit Sprachdefiziten in Sonderschulen landen, „muss ich entschieden ablehnen“, sagt dazu Tirols Bildungslandesrätin Beate Palfrader. Migrationshintergrund dürfe nie dazu führen, „dass Kinder in die Sonderschule kommen“, erklärt die Landesrätin. Vielmehr müsse man dort voll auf Integration setzen und bereits von klein auf durch gezielte Sprachförderung „Defizite beseitigen“. Der Migrationshintergrund dürfe nicht die Ursache dafür sein, „dass Menschen nach ihrer Ausbildung nicht dieselben Berufschancen haben wie alle anderen“, ist Palfrader überzeugt.
Auch Josef Federspiel, Landesschulinspektor für Sonderpädagogik, spricht von einer „klaren Weisung“, wonach Sprachdefizite kein Grund für die Sonderschule sein dürften: „Das kann niemals Ursache für sonderpädagogischen Förderbedarf sein.“ Diverse „gesellschaftspolitische Entwicklungen“ hätten dazu geführt, dass es mehr Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) gebe. „Teilweise fehlen den Kindern heutzutage gewisse Grundkompetenzen, auch die Anzahl an Verhaltensauffälligkeiten hat zugenommen“, sagt der Landesschulinspektor für Sonderpädagogik.
Entscheidend sei in diesem Zusammenhang, „dass die Eltern frei entscheiden können, ob ihr Kind in eine Sonderschulklasse oder eine Inte- grationsklasse kommt“. Kein Kind besuche in Tirol gegen den Willen der Eltern eine Sonderschule, fügt Federspiel hinzu.
Landesschulratspräsident Hans Lintner weist ebenfalls auf die große Bedeutung der freien Wahlmöglichkeit hin und fordert: „In jedem Bezirk soll eine Sonderschule bleiben.“ Der Vorwurf, dass Kinder mit Migrationshintergrund in diese Bildungseinrichtungen abgeschoben würden, sei Lintner „fremd“. Die Situation in Reutte, wo es keine Sonderschule mehr gibt, hält der Landesschulratspräsident für „nicht bedarfsgerecht“.
Anders sieht das Sozialwissenschafterin Flieger: „Das Außerfern ist Vorreiter in Sachen Inklusion. Seit Jahren gibt es hier keine Sonderschule mehr, und das funktioniert exzellent.“
Als „begrüßenswert“ bezeichnet Palfrader, dass Schwung in die Diskussion rund um die Zukunft der Sonderschulen gekommen ist. „Ich erhoffe mir von Bundesseite aber jetzt endlich konkrete Vorschläge“, sagt die Landesrätin. Von einer im Raum stehenden gänzlichen Abschaffung der Sonderschulen hält sie nichts. Vielmehr müsse man über andere Möglichkeiten nachdenken: „Sinnvoll wäre es, verschiedene Bildungseinrichtungen unter einem Dach unterzubringen.“ Eine Lösungsvariante, die auch Federspiel zusagt: „Werden Sonderschulstandorte ausgebaut, könnte man alles integrieren. Den meisten Eltern geht es darum, dass ihre Kinder, wenn sie sonderpädagogischen Förderbedarf haben, im selben Schulzentrum untergeracht sind wie alle anderen.“
Hintergrund für die Diskussion ist die Ratifizierung der UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung durch die Republik im Jahre 2008. Sie sieht vor, dass Schüler durch ihre Behinderung nicht vom Besuch einer Schule auszuschließen sind. Im Unterrichtsministerium verweist man auf einen „laufenden Prozess“. Modellregionen, wie jene in Reutte, stünden aber definitiv zur Debatte.
Ein Blick über die Grenzen nach Südtirol zeigt, dass es dort keine Sonderschulen gibt – bei sehr guten Ergebnissen im PISA-Test. Ganz anders in Österreich: Neben Tirol stieg auch im Burgenland, Niederösterreich, Kärnten, Steiermark und Vorarlberg die Zahl der Sonderschüler. Gleichzeitig ist die Zahl der Pflichtschüler rückläufig.



