Ein Hilfeschrei, der nicht nur von Babys kommt
Frühe Hilfe – Kinderschutz ab der Geburt
Frühe Hilfe. Wird vor allem in Zusammenhang mit dem Kinderschutz genannt. Hier geht es darum, so früh wie möglich Eltern in der Beziehungs- und Erziehungskompetenz zu stärken. Das schützt auch Kinder.
Modelle. Es gibt vielfältige Angebote von „Früher Hilfe“. Die meisten zielen auf Familien ab, die in einer schwierigen Lebenssituation sind.
Kosten-Nutzen. Deutsche Projekte belegen, dass sich „Frühe Hilfe“ auch finanziell rechnet: Sie erspart ein Vielfaches an Folgekosten. Infos: www.fruehehilfen.de
Steep. Ein Modell für Hochrisiko-Eltern (sozial schwach, niedere Bildung etc.), das auf Hausbesuchen und Gruppenangeboten basiert. Ein fertiges Konzept läge für Tirol vor.
Von Liane Pircher
Innsbruck – In Sachen Kinderschutz eint Tirol und Vorarlberg ein und dasselbe schreckliche Ereignis: Beide Bundesländer machten mit zu Tode gequälten Kleinkindern Schlagzeilen. Die Fälle „Cain“ und „Luca“ sorgten österreichweit für Aufsehen. In beiden Fällen wurde von allen Seiten betont, dass so etwas nicht mehr passieren dürfe.
Vorarlberg entwickelt sich mittlerweile zum Musterknaben und kann mit zig „Frühe Hilfe“-Programmen aufwarten. Das Land unterstützt gleich drei Pilotprojekte, die alle auf eines abzielen: So früh wie möglich Mütter und Väter in ihrer Beziehungs- und Familienkompetenz stärken. Und zwar mit direkter Hilfe, also nicht mit einem Gespräch in einer Ambulanz oder Beratungsstelle, nein, sondern direkt dort, wo Familie passiert: daheim, in den eigenen vier Wänden. Abgeschaut von Deutschland, wo seit Jahren beste Erfolge damit gemacht werden, weiß man, dass von solchen Maßnahmen vor allem sozial benachteiligte Familien profitieren. „Wir versuchen, die Mütter schon auf den Geburtsstationen zu erreichen und gehen direkt in die Familien hinein. Wir sehen, wie sie leben, und können bei Überforderung helfen, ohne dass wir gleich vom Jugendamt sind“, erklärt Veronika Bitschnau von der „Frühen Hilfe“ München. 17 Fachkräfte sind dort im Einsatz: „Wir sehen die Babys das erste Mal mit zwei Wochen und begleiten bis zu drei Jahre, wenn es notwendig ist.“
Dass die ersten Lebensjahre besonders sensibel und riskant sind, ist belegt: Schätzungsweise 5 Prozent aller Kinder wachsen in Verhältnissen auf, in denen ein Risiko für Vernachlässigung besteht. Zahlen, die auch für Österreich gelten. Nicht zuletzt deshalb drängt das Bundesministerium für Gesundheit in der Kinder-Gesundheitsstrategie (2011) dazu, flächendeckend Modelle der „Frühen Hilfe“ aufzubauen. Derzeit wolle man den Ist-Zustand in den Bundesländern erörtern, heißt es seitens des Ministeriums.
In Tirol herrscht in dieser Hinsicht tote Hose: Bei uns gibt es kein einziges Angebot, das dem Begriff „Frühe Hilfe“ gerecht werden würde. Um Risiken in Familien besser einschätzen zu können, sei die Prüfung der Eltern-Kind-Bindung immer wichtig, betont auch Silvia Rass-Schell. Die Leiterin der Jugendwohlfahrt verweist neben der Juwo auf bestehende Angebote.
Hebammenbesuche, Mutter-Kind- und Erziehungsberatungen sind wichtig, haben mit einer echten „Frühen Hilfe“ aber wenig gemein. Auch die zwei Mitarbeiter an der Schreiambulanz der Klinik Innsbruck sind zu wenig. Dabei gebe es bereits seit 2010 ein fertiges „Frühe-Hilfe-Konzept“ für Hochrisikofamilien in Tirol: „Das Projekt ist nicht umgesetzt worden, was an den vergleichsweise sehr hohen Kosten lag. Es sind auch fachlich und inhaltlich nicht alle Fragen geklärt worden“, heißt es dazu aus dem Büro von Soziallandesrat Reheis.
Verwundert über diese Aussage ist die Kinder-, Jugend-, und Erziehungsberaterin Christa Ochabauer. Sie hat einst das spezielle Steep-Konzept (siehe Infobox) erstellt: „Bis heute weiß ich nicht, warum es vom einen Tag auf den anderen in der Schublade verschwand.“ Alle Stellen seien sich einig gewesen, dass es so etwas in Tirol dringend bräuchte. Daran hat sich nichts geändert.



