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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 08.02.2013

„Integration ist Holschuld“

Laut Kritikern müssen Eltern in Tirol für die Integration ihrer Kinder kämpfen. Die Schulbehörde bekennt sich zur gemeinsamen Schule.

Von Alexandra Plank

Innsbruck – Andreas ist fünfeinhalb Jahre alt und im Herbst schulpflichtig. Sein soziales Verhalten ist nach Ansicht seiner Eltern normal, er geht auf Kinder zu, er ist mobil, hat aber eine allgemeine Entwicklungsverzögerung. „Was die Sprachentwicklung und die Motorik betrifft, ist er auf dem Niveau eines Zweieinhalbjährigen“, sagt seine Mutter Susanne Marini. Sie würde sich wünschen, dass ihr Sohn eine integrative Klasse besuchen kann und damit ein nahtloser Übergang vom Integrationskindergarten in die Schule möglich ist.

Marini ist überzeugt, dass von einer Integration alle Kinder profitieren. „Er kann sich von den anderen Kindern etwas abschauen, aber auch die anderen können von ihm etwas lernen.“ Die Vorstellung, dass ihr Kind ausgesondert werden könnte, stimmt sie traurig. „Das Niveau der Sonderschulen ist gut, mir geht es aber darum, dass alle Kinder zusammen lernen können und auch als Erwachsene keine Berührungsängste haben.“

Seit 20 Jahren haben Eltern in Österreich die Wahlfreiheit, ob sie Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in eine Regel- oder in eine Sonderschule schicken. Eine Wahlfreiheit, die in der Praxis nicht gegeben sei, kritisiert Marianne Liener-Kapper von der Familienberatung des Vereins „Integration Tirol“. „Für die Eltern ist es immer noch ein Kampf, wenn sie sich für die Integration entscheiden“, sagt Liener-Kapper. Sie bezeichnet Sonderschulen als „5-Sterne-Ghettos“, die großzügig ausgestattet seien, während für die inklusive Schule zu wenig Geld in die Hand genommen werde. Die Vorbehalte gegen Integration sind vielfältig: Nicht jedes Kind sei integrierbar, schwerbehinderte Kinder würden nur herumsitzen und das Niveau der Integrationsklasse könnte sinken.

Werner Andergassen, Bezirksschulinspektor für Innsbruck Land/West, bekennt sich zur gemeinsamen Schule. „Mit allen Eltern, die eine Integration wünschen, gibt es Gespräche, bei denen am Ende in der Regel für alle Beteiligten zufriedenstellende Lösungen herauskommen.“ Er verweist auf aktuelle Zahlen (siehe nebenstehenden Artikel). „Integration ist sicher die Zukunft und wir sind laufend bemüht, die Rahmenbedingungen in den Schulen zu verbessern. Es ist falsch, dass die Sonderschule präferiert wird.“ Eine Stigmatisierung der Sonderschulen lehne er ab, „weil die unterrichtenden Sonderpädagogen hervorragende Arbeit leisten. Und viele Eltern ihre Kinder dort sehr gut betreut wissen“, so Andergassen.

Die grüne Klubobfrau Christine Baur verweist auf die UN-Konvention, die das Recht auf eine inklusive Schule festschreibt. „Die Beispiele Südtirol und Außerfern, wo es keine Sonderschulen gibt, zeigen, dass Integration funktioniert. Wir sprechen uns klar für die Abschaffung der Sonderschulen aus.“

Die Gesamtschule, die Landeshauptmann Günther Platter für eine „Frage der Vernunft“ hält, wäre ein Ausdruck für inklusive Schule. Die Tendenz gehe in Tirol aber in Richtung Sonderschule: „Während die Schülerzahlen sinken, steigen sie an den Sonderschulen“, so Baur. Laut Angela Woldrich, vom Projekt zur integrativen Pädagogik an der Uni Innsbruck, ist noch viel zu tun. „Integration ist in Tirol derzeit noch eine Holschuld der Eltern“, lautet Woldrichs Resümee.