30.08.2010
Innsbruck

„Minderheiten-Landesräte diktieren, was in Tirol passiert“

Im TT-Sommerinterview sprach AK-Chef Erwin Zangerl von der Mehrheit, die sich gegenüber der Minderheit durchsetzen müsse.
AK-Chef Erwin Zangerl plädiert für mehr Einsatz der Landtage.Foto: Böhm
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Sozialpartner fragen

ÖGB: Auf die Arbeitnehmer rollen im Zuge der Budgeterstellungen neue Belastungen zu. Welche Maßnahmen setzt die AK, um dies zu verhindern? Zangerl: Wir haben uns klar gegen weitere Belastungen positioniert. Wir haben bereits vor einem Jahr eine Kampagne gestartet, wo sich zeigt, dass Arbeitnehmer viel bringen.

WK: Können Sie sich vorstellen, dass man die Arbeitsplatz- und Standortsicherheit dadurch stärkt, dass man mehr Flexibilität in der Arbeitszeit zulässt? Zangerl: Kinder flexibel kriegen und die Oma flexibel pflegen? Das wird von uns nicht unterstützt. Es braucht einen geregelten Arbeitsablauf.

IV: Glauben Sie, dass ein positives Klima der Sozialpartnerschaft auch weiterhin angestrebt werden sollte? Zangerl: Das ist mehr als notwendig trotz aller Unterschiede.

LWK: Was tut die AK zur Förderung gemeinsamer Mitglieder? Zangerl: Wir beraten sie. Außerdem werden alle Mitglieder gleich gut vertreten.

Führende Wirtschaftsvertreter sagen, die Krise ist vorbei. Wie geht es den Arbeitnehmern?

Zangerl: Für die Arbeitnehmer ist die Krise leider nicht beendet. Diese kämpfen noch mit vielen Problemen.

Machen Sie sich Sorgen aufgrund der Sparpakete?

Zangerl: Große Sorgen. Die Vorgangsweise der Bundesregierung, alle zu verunsichern, ist ein Wahnsinn. Wenn nicht bald auf den Tisch kommt, wo jetzt gespart werden soll, dann haben sich alle so eingemauert, dass sie ihre Positionen nicht mehr verlassen können.

Trifft dies die Arbeitnehmer?

Zangerl: Dagegen wird die AK kämpfen. Wir vertreten auf Landesebene die Mehrheit. Derzeit bestimmt leider die Minderheit über die Mehrheit. Das sehen wir auch in der Landesregierung, dass die LR Zoller-Frischauf und LR Steixner diktieren.

Landeshauptmann Platter wird mangelnde Durchsetzungskraft vorgeworfen. Wie sehen Sie das?

Zangerl: Bei dieser Zusammensetzung der Regierung und des Landtages hat er es schwer. Schlussendlich wird er zwischen den einzelnen Gruppen einen Ausgleich schaffen müssen. Er muss darauf schauen, dass die Menschen nicht gegeneinander antreten. Unzufriedenheit in der großen Masse zu erzeugen, nur weil einige wenige immer noch glauben, sie können so weitertun, das wird nicht gehen. Da ist der Herr Landeshauptmann Arbeitnehmervertreter genug, um das zu schaffen.

Sind AK-Ziele wie Null-, Sozialtarife bei Öffis oder billigeres Wohnen noch realitätsnah oder Wunschträume?

Zangerl: Das ist wie mit religiösen Schriften, man muss wissen, wo man hin will. Wenn man Derartiges aus den Augen verliert, ist man gescheitert. Denkt man nur ans Wohnen. Kein normaler Mensch kann sich einen Bauplatz leisten, außer wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Das Leitbild des Bundes scheint Zentralismus zu sein. Wie stehen Sie dazu?

Zangerl: So passieren weltfremde Entscheidungen fernab jeder Realität. Zentralismus ist heute eine Geisel, ein vampirartiges Aussaugen der Regionen, um die Wasserkopfbildung zu begünstigen. Wenn Landtage das zulassen, stellen sie sich selbst in Frage. Sie müssen sich gegenüber dem Bund behaupten.

Tut der Landtag insgesamt zu wenig?

Zangerl: Er ist in der Umklammerung der Parteien. Die Freiheit der Abgeordneten sehe ich nicht vorhanden.

Gibt es dort zu wenige Arbeitnehmervertreter?

Zangerl: Ich würde mir wünschen, dass der Landtag die Bevölkerung repräsentiert, dann müssten wir mehr als die Hälfte der Abgeordneten stellen. Mein Appell an die Arbeitnehmervertreter im Landtag: stärker für die Interessen der Beschäftigten einzutreten und sich ein Beispiel an den Bauern zu nehmen, sie sind Profis bei der Vertretung.

Wie stark werden die AK-Interessen vertreten?

Zangerl: Nur die Liste Fritz versucht Anträge der AK-Vollversammlung umzusetzen. Es wäre kein Verbrechen, wenn auch die Großparteien daran denken würden. Ich habe keinen Einblick in die Papierkörbe der Landtagsklubs, aber dort würden wir unsere Anträge vermutlich finden.

Das Gespräch führte Miriam Sulaiman

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 30.08.2010
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