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Formel 1

Strebsamer Vettel: Erfolgshunger ist noch lange nicht gestillt

Mit 25 Jahren und 145 Tagen ist Vettel der mit Abstand jüngste Dreifach-Weltmeister der Formel-1-Geschichte - und längst ein kompletter Rennfahrer.

Sao Paulo - Der dritte WM-Titel ist vielleicht sein wertvollster. Auf dem Weg zum Hattrick waren für Sebastian Vettel zahlreiche Hürden zu überwinden. Der Deutsche präsentierte sich dabei praktisch fehlerlos. Im Gegensatz zur vergangenen Formel-1-Saison hatte er nicht von Beginn an ein alles überragendes Auto zur Verfügung. Mit seiner akribischen Arbeitsweise brachte Vettel Red Bull zurück auf Kurs. Die Belohnung folgte am Sonntag beim Finale in Brasilien.

Mit 25 Jahren und 145 Tagen ist Vettel der mit Abstand jüngste Dreifach-Weltmeister der Formel-1-Geschichte - und längst ein kompletter Rennfahrer. Den Willen zur Weiterentwicklung hat der Champion aber nie verloren. Mittlerweile kann er Rennen nicht nur aus der Pole Position gewinnen, sondern fährt wie Anfang November in Abu Dhabi selbst vom letzten Startplatz aus auf das Podest.

Im Duell mit Ferrari-Star Fernando Alonso, auf und neben der Strecke mit allen Wassern gewaschen, bewies Vettel Nervenstärke. Sein Schlüsselerlebnis dürfte der erste WM-Titel gewesen sein, den er dem Spanier 2010 in Abu Dhabi im letzten Rennen entrissen hatte. Dadurch ist eine enorme Last von seinen schmächtigen Schultern gefallen. „Es war mein Lebenstraum“, gestand der Zimmermannssohn aus dem 25.000-Einwohner-Ort Heppenheim in Hessen.

Seit dessen Erfüllung geht Vettel viel entspannter durchs Leben. Und auch die Fehler, die er in der Vergangenheit vereinzelt gemacht hat, sind seit dem Vorjahr, in dem er die WM nach Belieben dominiert hatte, passe. An seiner professionellen Arbeitseinstellung hat sich durch die Erfolge nichts geändert. Noch immer verbringt der Ausnahmekönner Stunden mit seinen Ingenieuren. Vettel ist und bleibt ein Perfektionist. Hinter der Fassade des umgänglichen Blondschopfes verbirgt sich ein Erfolgsbesessener.

Vergleiche mit Landsmann und Rekordweltmeister Michael Schumacher drängen sich auf, wenngleich Vettel über seinen einstigen Spitznamen „Baby-Schumi“ längst erhaben ist. Mit Red Bull hat er eine ähnliche Erfolgsdynastie aufgebaut wie einst Schumacher bei Ferrari. Wie lange sie andauert, ist allerdings offen. Vettels Vertrag bei den Bullen endet 2014, immer wieder wird über einen Wechsel zu Ferrari spekuliert.

Den Reiz des italienischen Traditionsteams hat Vettel nie bestritten, seine emotionale Bindung zu Red Bull ist allerdings groß. Bereits als Zwölfjährigen hatte der Getränkekonzern den Youngster in sein Junior-Programm gesteckt. Sein größter Förderer, ein fast väterlicher Freund, ist Red Bulls Motorsportchef Helmut Marko. Konzernchef Dietrich Mateschitz gehen die Superlative für seinen Goldjungen ohnehin längst aus.

Aus marketingtechnischer Sicht ist der Weltmeister aus dem eigenen Stall für die Bullen ein Segen - auch wenn Vettel seinen einst unbeschwerten Umgang mit der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren schrittweise abgelegt hat. Wohlüberlegt sind sie mittlerweile, seine Interview-Antworten. Vettel weiß, dass gerade im Medienzirkus Formel 1 jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird.

Sein Privatleben hält er aus dem Rampenlicht fern. Freundin Hanna, die er seit der Schulzeit kennt, begleitet ihn im Gegensatz zu vielen anderen Kollegen nie zu den Rennen. „Sie nehmen Ihre Frau ja auch nicht mit zur Arbeit“, ist Vettel geneigt, auf diesbezügliche Fragen zu antworten. „Privat ist privat.“ Auch für den bescheiden gebliebenen Multimillionär, der in der Schweiz auf einem abgeschiedenen Bauernhof im Kanton Thurgau in der Nähe des Bodensees wohnt.

Seine Freizeit verbringt der Österreich-Fan Vettel gerne in Zug am Arlberg bei Topgastronom Joschi Walch, einem engen Freund der Familie. „Meine Eltern haben mich sehr bodenständig erzogen“, erinnert der Hesse. Vater Norbert, ein Zimmermann, begleitet ihn noch immer zu einigen Rennen. Da kann es auch einmal vorkommen, dass Vettel eine gemeinsame Nacht im Wohnwagen jener in einem glamourösen Hotel vorzieht.

Im Wohnwagen waren Vater und Sohn Vettel schon Ende der 1990er Jahre durch Deutschland getourt. Bereits mit vier Jahren soll der Champion um sein erstes Gokart gebettelt haben, das erste Kart-Rennen bestritt er mit sieben. Vettels Talent war früh erkannt. Nach der Aufnahme in den Red-Bull-Nachwuchs gewann er 2004 in der Formel BMW ADAC unglaubliche 18 von 20 Rennen, ein Jahr später absolvierte er für BMW die ersten Formel-1-Tests.

Es folgten Rekorde über Rekorde: jüngster Pilot mit einem WM-Punkt (2007 in den USA als Ersatzfahrer für BMW), jüngster Mann auf Pole Position und jüngster Grand-Prix-Sieger (2008 in Monza für Red Bulls Zweitteam Toro Rosso) sowie jüngster Weltmeister. Mit drei WM-Titeln steht Vettel mittlerweile auf einer Ebene mit den ganz Großen seines Sports. In Serie sind sie vor ihm nur dem Argentinier Juan Manuel Fangio und Schumacher gelungen. (APA)