28.11.2012
Gerhard Berger

„Ablenkungen sind Vettel fremd“

Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger (53) sprach mit der Tiroler Tageszeitung über seinen ehemaligen Schützling Sebastian Vettel, den Abgang von Rekordweltmeister Michael Schumacher und die Versuchung Formel 1.

Noch einmal zurück zu den so ereignisreichen wie dramatischen 71 Runden beim Formel-1-Finale in Brasilien?

Gerhard Berger: Das war ein ganz besonderer Nervenkitzel, der für jeden Zuschauer ein Traum ist. Sport auf höchstem Niveau und es ist auch der richtige Weltmeister geworden. Aber man muss auch Fernando Alonso (Ferrari, Anm.) ein ganz großes Kompliment aussprechen.

Apropos Weltmeister: Was sagen Sie zu der Leistung Ihres ehemaligen Schützlings Sebastian Vettel?

Berger (lacht): Was soll man da noch sagen. Was der Kerl mit 25 Jahren leistet, ist sehr beeindruckend. Vettel hat eine reelle Chance, Michael­ Schumacher und seinen Rekord anzugreifen. Und das sind schon unglaubliche Zahlen­, von denen wir hier sprechen.

Sie haben bei Toro Rosso (2008) das Ausnahmetalent hautnah erlebt – wie schafft es Vettel, bei dem immensen Druck nicht in die Knie zu gehen?

Berger: Seine ganz große Stärke ist, dass er sich nur für den Sport interessiert. Er steigt auf keine Spielchen ein, interessiert sich nicht für all die Ablenkungen. Bei ihm kommen so viele Themen erst gar nicht auf den Tisch. Für ihn gibt es nur Gesundheit, Kondition und Rennsport. Er ist immer voll bei der Sache und hat kein Interesse an den Nebeneffekten.

Dabei gibt es bei seinem sportlichen Erfolg genügend Verführungen, oder?

Berger: Er betritt diese Glamourwelt der Königsklasse gar nicht. Viele fangen an, sich fünf Häuser und sechs Boote zu kaufen – andere beschäftigen sich mit den Medien oder besuchen eine Party nach der anderen. Das entleert schleichend die eigenen Batterien. Diese Ablenkungen sind Vettel fremd und darum ist er so fokussiert.

Wie viel Mitleid haben Sie mit Fernando Alonso, der zum zweiten Mal gescheitert ist?

Berger: Der wird Ferrari jetzt ordentlich Druck machen. Eines ist klar, wäre er heuer in einem McLaren gesessen, dann hätte er Vettel viel stärker fordern können. Für ihn ist das alles natürlich sehr frustrierend.

Ist der Erfolg von Red Bull nur auf die Kombination Vettel und Designer Adrian Newey zurückzuführen?

Berger: Zuerst einmal ist da der Kopf, Didi Mateschitz, der die Ressourcen vorgibt und die Leute aussucht. Und dann kommt die ganze Truppe von Teamchef Christian Horner über Berater Helmut Marko bis hin zu den Mechanikern.

Momentan hat Mateschitz sehr viel Erfolg – glauben Sie, dass er langfristig der Formel 1 erhalten bleibt?

Berger: Der Didi hat so viel Spaß und Erfolg, da würde er nie nach einem Jahr ohne Triumph sich einfach so zurückziehen.

Wie sehen Sie den Abschied von Rekordweltmeister Schumacher?

Berger: Man darf ihm zu einer tollen Karriere gratulieren, die aber zum richtigen Zeitpunkt geendet hat. Seine Ära war in den 90ern und Anfang 2000 – jetzt ist es aber die Ära von Vettel.

Ein Blick voraus: Wie sehen Sie den Wechsel von Lewis Hamilton zu Mercedes?

Berger: Hamilton ist ein außergewöhnliches Talent, der aber sehr anfällig ist für die angesprochenen Ablenkungen. Für Mercedes ist er ein Gewinn, wenn er sich auf das Wesentliche konzentriert und Mercedes endlich technisch in die Gänge kommt.

Und wie sehen Sie den Mercedes-Einstieg von Niki Lauda?

Berger: Der Niki hat jede Menge Erfahrung und Mercedes hat reagieren müssen. Es ist bisher einfach zu wenig geschehen.

Ein Blick voraus: Können wir uns in der kommenden Saison wieder auf ein Duell zwischen Vettel und Alonso freuen?

Berger: In der Formel 1 weiß man nie, was kommt. Allein was sich heuer alles getan hat mit den Reifen, den vielen verschiedenen Siegern am Beginn der Saison – sogar Williams hat sich auf einmal wieder mit einem Sieg zurückgemeldet. Abwarten, was da noch alles kommt.

In der Königsklasse herrscht ein reges Kommen und Gehen. Es gibt Comebacks und Rücktritte – nur Gerhard Berger scheint dem Ruf der Formel 1 widerstehen zu können. Oder doch nicht?

Berger: Für mich hat sich dieses Kapitel erledigt. Ich genieße das Leben, schaue gerne aus der Ferne zu und höre mir auch alles an. Aber es ist für mich unterm Strich ganz einfach: Ich will nicht mehr auf Reisen gehen.

Das Gespräch führte Daniel Suckert

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 28.11.2012
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