23.01.2013
Toto Wolff im TT-Interview

„Ich hoffe auf den Trainereffekt“

Der neue Mercedes-Chef Toto Wolff (41) sprach mit der Tiroler Tageszeitung über Interessenkonflikte, den schnellen Erfolg und Baldriantropfen.
Von Williams zum Top-Formel-1-Team Mercedes – wie kam dieser Wechsel zustande?

Toto Wolff: Es ist alles recht schnell gegangen. Vor Weihnachten gab es den ersten Kontakt. Ich weiß gar nicht mehr, wer auf wen zugegangen ist, wahrscheinlich beide ein wenig. Lange habe ich nicht nachdenken müssen, denn eine solche Herausforde-
rung gibt es nicht alle Jahre.

Was sind jetzt Ihre ersten Aufgaben?

Wolff: Es gilt erst einmal, die Strukturen richtig zu verstehen. Was läuft wie, funktioniert es richtig oder könnte es auch anders gehen. Ich möchte mit den vorhandenen Ressourcen arbeiten. Das hat einmal die höchste Priorität.

Sie werden weiterhin Aktionär bei Williams bleiben, haben aber zugleich Anteile bei Daimler erworben. Besteht hier kein Gewissenskonflikt?

Wolff: Das Wichtigste war, dass ich bei Williams meinen operativen Posten aufgegeben habe. Sonst sehe ich keine Probleme und man kann nicht von heute auf morgen einfach aussteigen. Bei Daimler will man, dass Verantwortung übernommen wird, und so kam es zur Beteiligung. Ob es irgendwann zu Mehrheitsanteilen meinerseits kommt, wurde noch nicht besprochen.

Als Aktionär beim deutschen Rennstall wird auch das Geldverdienen nicht ganz unwichtig sein.

Wolff: In erster Linie geht es darum, Erfolg zu haben. Und wenn das einmal geschafft ist, wird sich auch das andere automatisch­ ergeben.

Bei einem Top-Team wie Mercedes sind die Erwartungen sehr hoch. Wird es ein Lehrjahr geben?

Wolff: Ich bin ein optimistischer Pessimist und hoffe auf den Trainereffekt. Zunächst möchte ich sauber analysieren, warum es im letzten Jahr nicht so gelaufen ist. Wir haben mit Lewis Hamilton (GBR) und Nico Rosberg (GER) eine starke Fahrerpaarung – ob das Formel-1-Auto 2013 funktioniert, werden wir in ein paar Wochen wissen.

Wie sieht die Aufgabenverteilung zwischen Niki Lauda (Aufsichtsratsvorsitzender), Teamchef Ross Brawn und Ihnen aus?

Wolff: Niki wird uns die Richtung vorgeben, Ross wird den technischen Bereich leiten und ich den kaufmännischen betreuen. Aber wie die Strukturen greifen, das muss ich erst kennen lernen.

Beim britischen Rennstall Williams konnten Sie in Ruhe arbeiten. Das wird bei Mercedes anders werden. Wie bereiten Sie sich auf dieses Abenteuer vor?

Wolff (lacht): Baldriantropfen – in hohen Mengen und am besten intravenös. Nein, ich freue mich auf diese Aufgabe. Ich habe noch nie für einen solch großen Konzern gearbeitet. Frag mich in einem halben Jahr noch einmal, wie es mir geht.

Auch die Flugmeilen werden immens in die Höhe schießen, oder?

Wolff: Ich möchte bei allen 20 Formel-1-Rennen und bei den größeren DTM-Events dabei sein. Aber die Weltreisen á la Norbert Haug werde ich etwas reduzieren. Trotzdem werden die Hotelzimmer meine neue Heimat sein.

Apropos DTM (Deutsche Tourenwagen Masters): Der ehemalige Formel-1-Pilot Robert Kubica kämpft um ein Mercedes-Cockpit?

Wolff: Das ist richtig. Wir wollen Robert diese Chance bieten. Er hat sich das verdient und wird am Wochenende in Valencia Tests absolvieren.

Sie haben bei Ihrem Antritt gemeint, dass Ihr Fokus auf gezielter Nachwuchsförderung liegen wird. Wie sieht das konkret aus?

Wolff: Die Nachwuchsarbeit von Mercedes war schon immer sehr gut. Mir liegen vor allem die Formel-3-Programme am Herzen und ich möchte die vielen jungen Top-Leute im Auge behalten.

Der deutsche Rennstall vertraut auf rotweißrotes Know-how – wird bei Mercedes-Siegen künftig die österreichische Hymne gespielt werden?

Wolff (lacht): Es bleibt bei der deutschen Hymne. Daran wird sich nichts ändern.

Das Gespräch führte 
Daniel Suckert

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 23.01.2013
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