13.01.2012
YOG 2012

Zurück in die Vergangenheit

Die ersten Olympischen Jugendwinterspiele sind ein Versuchsballon des Internationalen Olympischen Komitees, der ausloten will, wie weit sich das Konzept wieder entkommerzialisieren lässt – ein ehrenwerter Versuch.
Links: Tony Nash und Robin Dixon (GBR) im Zweierbob in einer Bahn, die 1964 noch aus natürlichem Eis bestand. Oben: Toni Innauer bei den Spielen von 1976 – die Sprungski hatten bereits Markennamen. Unten: viel Freude, weniger Kommerz – der Wunschgedanke der Jugendspiele.Fotos: image (2), Hetfleisch
Foto: Jan Hetfleisch
   

Von Manuel Fasser

Innsbruck – Olympia ist nicht mehr das, was es einmal war. Und das weiß auch ein 69-jähriger orthopädischer Chirurg aus Belgien, der seit 2001 oberster Hüter der olympischen Flamme ist: Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und Erfinder der Olympischen Jugendspiele (YOG), deren Winterausgabe heute in Innsbruck Premiere feiert. Die YOG sollen die Jugend für Sport begeistern und die olympische Bewegung wieder ein Stück weit zu den Ursprüngen führen: sich zu treffen, sich zu messen und einander kennen zu lernen.

Zurück zu den Ursprüngen, denn der Kommerz hielt Einzug in die olympische Bewegung. Ob zu deren Vor- oder Nachteil ist Diskussionsstoff alljährlicher Debatten. Rogge selbst gilt als Kritiker einer überzogenen Kommerzialisierung – und schwimmt dennoch im Fahrwasser der Konzerne, für welche die Spiele im Überangebot aus Werbemöglichkeiten nach wie vor eine Konstante sind.

Während in der Breite insbesondere der Lokalsport eine nie da gewesene Individualisierung erlebt, kämpft der institutionalisierte Sport – Vereine und Verbände – bis hinauf zu Bundesliga-Fußballclubs mit Finanzierungsproblemen. Das IOC hingegen kann sich vor Anfragen kaum wehren. Neben der Individualisierung ist die Olympiasierung ein Megatrend des postmodernen Sports, der neben globalen Helden nach Selbstverwirklichung schreit.

Eine Entwicklung, die auf Raten kam: Waren die ersten Olympischen Winterspiele von Innsbruck im Jahr 1964 noch zu beinahe 100 Prozent öffentlich finanziert, wuchs der Einfluss der Privaten zwölf Jahre später bereits milde, jedoch markant an. Mit dem Rücktritt von IOC-Präsident Avery Brundage (1972), der als Verfechter des kommerzfreien Sports galt, öffneten sich die Tore für Sponsoren.

Dass Skilegende Karl Schranz bereits vier Jahre vor Innsbruck II wegen einer Kaffeewerbung auf einem Trikot, das er Monate zuvor bei einem Fußballspiel trug, von den Spielen von Sapporo (1972) abreisen musste, lässt erahnen, wie konfliktreich sich die ersten zarten Versuche der Kommerzialisierung gestalteten. Längst vergessene Spaltungslinien wie Profi- und Amateurstatus beschäftigten noch den Sport.

Was die ersten Olympischen Spiele von Innsbruck brachten – Zeitzeugen werden sich erinnern –, waren enorme Investitionen in die öffentliche Infrastruktur. „Die Spiele von 1964 sorgten für einen ungemeinen Innovationsschub. Es war plötzlich Geld da, das zuvor nicht da war“, erinnert sich der Innsbrucker Historiker Michael Forcher, der damals als Journalist für eine Wochenzeitung tätig war. 19 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs katapultierte sich Innsbruck zurück auf die Weltbühne und setzte mit den Spielen ein Zeichen. Man wollte wieder wer sein. Und man war auch wieder wer. Selbst der Schah von Persien samt Gattin ließ sich am Bergisel blicken.

Zwölf Jahre später, die erste Ölkrise beutelte eben das Wirtschaftswunderland wach, war die Euphorie bereits kleiner, wie Forcher erzählt: „Die Begeisterung war schon bei Weitem nicht mehr so groß wie jene 1964. Der Ruf nach einfachen, günstigen Spielen war laut geworden.“ Zu Recht, wie der Fortlauf zeigen sollte: 1979/80 rüttelte ein zweiter Ölschock die Erste Welt. Politiker taten sich schwerer, öffentliche Gelder in Prestige­bauten wie Bobbahnen, Eishallen oder Schanzen zu investieren. Die Bevölkerung verlangte nach Parks, Schulen und Radwegen.

Die Olympische Bewegung selbst entdeckte zeitgleich das Fernsehen für sich und mit ihm die Vermarktungsrechte. Juan Antonio Samaranch, der 2010 verstorbene Langzeit-Präsident des IOC, leitete eine Entwicklung ein, die damals als modern erschien, bis heute jedoch als umstritten gilt: die totale Kommerzialisierung. Die Sommerspiele von Seoul 1988 (Korea) markierten die Zeitenwende: Erstmals floss gleich viel privates wie öffentliches Geld in den Topf. Den Umbruch hin zum Kommerz vollzogen die US-Amerikaner: Los Angeles 1984 konnte 225 Millionen Dollar Gewinn erzielen – bei gleichzeitig sehr niedrigen öffentlichen Zuschüssen. Los Angeles waren die ersten Spiele in der olympischen Geschichte, mit denen Geld verdient werden konnte. Die Folge war eine Tendenz zur Übervermarktung der nachfolgenden Spiele.

Zuletzt, das zeigten die Spiele von Peking 2008, überschattete Gigantomanie den olympischen Gedanken: 40 Milliarden Euro – ein in einem nicht demokratischen Land wie China nicht nachprüfbarer Betrag – sollen in die Spiele geflossen sein. China ging es mehr darum zu zeigen, eine Macht zu sein, die in der Lage ist, perfekt inszenierte Spiele aus dem Boden zu stampfen. In kleinerem Stile, wenngleich nicht weniger spendierfreudig, zeigten sich Barcelona (1992) und Athen (2004) beim Bau von Sportstätten. Beide Städte plagt noch bis heute die Schuldenlast von damals.

Dagegen wirken die veranschlagten 23,7 Millionen Euro an öffentlichen Geldern, die in die Innsbrucker Jugendspiele fließen sollen, wie ein Versuchsballon – was die YOG auch sind: IOC-Präsident Roge will ausloten, inwieweit er mit den Jugendspielen die Zielgruppe an die Spiele der Erwachsenen binden kann. Und inwieweit sich Spiele entkommerzialisieren lassen. Anders als bei den Spielen der Großen wird auch auf Flaggen und Nationalhymnen verzichtet, was den Chauvinismus, eine Geisel des Sports, in Grenzen weisen soll. Ein ehrenwerter Versuch.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Fr, 13.01.2012
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