„Ich bin bekannt als fast grenzenloser Optimist“
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„Ich habe im Event-Marketing schon alles erlebt: vom Entsetzlichsten wie dem Air&Style-Unglück 1999 bis hin zum Über-Hype, den es bei vielen Großveranstaltungen gibt. Man muss es schaffen, das alles in eine Balance zu bringen, dann kann man Kraft daraus schöpfen“: Peter Bayer.Foto: Thomas
Murauer
Foto: TT / Thomas Boehm
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Zur Person
Geboren am 6. 4. 1971 in Au (Bregenzer Wald); verheiratet mit Isabelle, Sohn Marlon (2).
Ausbildung und Karriere: BWL-Studium in Innsbruck; Lehr- und Wanderjahre als Vermarkter u. a. der Internationalen Snowboard Tour und von Air&Style. 2006 Gründung einer eigenen Event-Vermarktungsfirma in Innsbruck.
Youth Olympic Games 2012: Im September 2009 wurde Bayer zum Geschäftsführer der YOG bestellt.
Auf wie viele Stunden Schlaf kommen Sie zurzeit?
Peter Bayer: Ich bemühe mich und schaffe es auch, pro Nacht sechs Stunden zu schlafen. Anders geht‘s nicht wirklich. Die heiße Phase dauert zwei Wochen lang, kein Mensch kann so lange mit nur drei Stunden durchhalten und auch noch funktionieren.
„Ihre“ Spiele sind endlich angelaufen – ist Ihnen jetzt leichter als noch vor ein paar Tagen?
Bayer: Von wegen „meine“ Spiele! Wir sind insgesamt fast 3500 unglaublich motivierte Menschen, die an diesen Spielen arbeiten. Die alle haben wesentlich dazu beigetragen, dass der Start, der bei jeder Veranstaltung das spannendste Thema ist, reibungslos über die Bühne gegangen ist. Wenn der ganze Apparat einmal in Schwung gekommen ist, ist er nicht mehr aufzuhalten.
Was ging Ihnen durch den Kopf, als endlich das Feuer am Bergisel entfacht wurde?
Bayer: Man versteht plötzlich, was der olympische Spirit wirklich bedeutet.
Nämlich was?
Bayer: Es gibt natürlich zunächst diese grundlegenden Werte von Pierre de Cubertin – Freundschaft, Respekt und Bestleistung. Für mich persönlich bedeutet dieser Geist aber auch, durchs Olympische Dorf zu gehen und zu erleben, wie die jungen Leute auf eine unglaublich gute, unkomplizierte Art miteinander kommunizieren, Freundschaften schließen, sich austauschen und voneinander lernen.
Worin besteht dieser Tage die Hauptaufgabe des YOG-Geschäftsführers? Welche Art von Problemen wird an Sie herangetragen? Wenn irgendwo das Toilettenpapier ausgeht, werden ja nicht Sie damit befasst werden.
Bayer: So ist es. Themen aller Art laufen im Operation Centre zusammen und werden nach Wichtigkeit gefiltert. Bei mir zur Entscheidung landen Dinge, die finanzielle Konsequenzen, Auswirkungen auf das Image der Spiele oder auch auf das Personal und die Moral der Mitarbeiter haben. Ich versuche, Spannungen zu verhindern oder herauszunehmen, wenn ich sie aufziehen sehe.
Sie haben in die Jugendspiele eine langjährige Erfahrung mit Großveranstaltungen eingebracht. Die YOG sind Ihre bisher größte Aufgabe?
Bayer: Absolut.
Worin liegt die besondere Herausforderung bei Jugendspielen?
Bayer: Der Kern ist, dass wir insgesamt zwölf Veranstaltungsorte zu bespielen haben, die alle parallel auf demselben Niveau und demselben Service-Level funktionieren müssen.
Warum ist das so schwierig herzustellen?
Bayer: Nehmen wir das Beispiel Seefeld: Eine nordische Weltcup-Veranstaltung schüttelt der dortige Skiklub aus dem Ärmel. Für die YOG müssen sich die Seefelder aber in ein Team einfügen, alle müssen das große Ganze verstehen, müssen wissen, worum es geht. Das Stichwort ist Integration.
Es gab und gibt viele skeptische Stimmen gegenüber diesen Jugendspielen. Nervt es Sie, dass Sie immer und immer wieder verteidigen müssen, was Sie tun?
Bayer: Im Gegenteil. Diese Problematik war mir sehr bewusst, als mir dieser Job angetragen wurde. Aber ich war damals schon überzeugt, dass Jugendspiele eine Riesenchance nicht nur für Innsbruck und Tirol sind, sondern für alle, die daran mitwirken – mich selbst eingeschlossen. Also habe ich die Herausforderung nach kurzem Nachdenken angenommen. Ich glaubte zu wissen, wie man den Sportfan in jedem von uns motivieren kann. Und die vergangenen Wochen geben mir Recht: Schon einen Tag vor der Eröffnung waren 75.000 von 80.000 Eintrittskarten vergeben.
Wie erklären Sie sich das?
Bayer: Letztlich haben die Innsbrucker halt eine Affinität zu Olympia.
Eine keineswegs ungebrochene, wie man an diversen gescheiterten Versuchen, Stimmung für eine dritte Bewerbung zu machen, gesehen hat.
Bayer: Aber eine aktuelle Umfrage besagt, dass zwei Drittel der Bevölkerung an einen positiven Effekt der YOG glauben. Das hängt meiner Meinung nach damit zusammen, dass unser Anspruch ist, Spiele für die Bevölkerung zu machen. Wir binden so viele Tiroler wie möglich ein. Das sind keine Spiele fürs IOC, sondern für die Menschen, die auch dann noch hier leben, wenn die Spiele Geschichte sind.
Was heißt „Spiele für die Bevölkerung“ konkret?
Bayer: Es machen allein 3000 Schülerinnen und Schüler mit, aber nicht an den Rennstrecken, um mit Fähnchen zu wachteln.
Was auch wirklich problematisch wäre.
Bayer: Deswegen haben wir genau das nicht getan, sondern die Schulsport-Challenge ins Leben gerufen und Schulklassen eingeladen, Länderpräsentationen zu erarbeiten.
Welche Einwände gegen die YOG halten Sie für berechtigt?
Bayer: Damit tue ich mich schwer. Ich bin im Team und meinem privaten Umfeld als beinahe grenzenloser Optimist bekannt. Ich lasse mich zwar von der Realität belehren, aber nur ungern und nur mit wirklich guten Argumenten.
Gab es in den letzten drei Jahren Augenblicke, in denen Sie selbst an der Sinnhaftigkeit der YOG gezweifelt haben?
Bayer: Nein. Was es gab, waren Momente, in denen ich darüber nachdachte, ob die strategische Ausrichtung der Spiele die richtige ist. Ist es richtig, einen sehr modernen, bunten, dieser Tage auch lauten Weg zu gehen – oder wäre Zurückhaltung besser? Wer ist unsere Zielgruppe? Oder anders gefragt: Wem soll ich es recht machen? Es gibt natürlich Hunderte Stakeholder, Interessenten und Menschen, die glauben, zu wissen, wie es gehört. Unterm Strich war die Entscheidung von mir relativ allein zu treffen. Meine Bregenzerwälder Sturheit war da hilfreich.
Nicht das IOC gibt vor, wie was zu laufen hat?
Bayer: Im Gegenteil, im IOC herrschte nach den ersten Sommerspielen in Singapur, die 220 Millionen Euro gekostet haben, Unsicherheit, wo es mit den Jugendspielen eigentlich hingehen soll. Das IOC hat uns stark unterstützt in unserem jungen, manchmal auch mutigen Weg.
Was hat Mut erfordert?
Bayer: Am besten lässt es sich vielleicht an der Technologie erklären. Allein die Datenintegration hat in Singapur 17 Millionen Euro gekostet. Uns wurde vom selben Unternehmen, einem IOC-Partner, ein Angebot über zwölf Millionen gestellt. Da musste ich kurz lachen. Einen Monat später: drei Millionen. Ich habe wieder abgelehnt und ein kleines Unternehmen ein Gegenangebot machen lassen. Jetzt kostet die Gesamtlösung 180.000 Euro. Und mittlerweile fragen andere nationale olympische Komitees beim IOC an, wieso das nicht immer so geht wie bei uns. Mit Hausverstand und ein paar Ideen kann man vieles bewegen, und es gibt in der IOC-Führung Leute, die dem gegenüber aufgeschlossen sind.
Den Eindruck hat man von außen nicht immer.
Bayer: Ich behaupte nicht, dass alles super läuft. Aber man muss auch sehen, wie viele Menschen involviert sind. An uns schätzt das IOC die erfrischende Art, an die Dinge heranzugehen. Die Jungen im Team sagen uns schon: „Dies und jenes ist entsetzlich altmodisch, lasst uns das so und so machen, sonst kauft uns das keiner ab!“ Das macht wirklich Spaß.
Sie lieben Ihren Job?
Bayer: Und wie! Aber ich bin glücklich, sagen zu können, dass ich im Leben noch nie etwas gearbeitet habe, das mir keine Freude bereitet hätte. Daraus schöpfe ich Energie und eben meinen Optimismus. Wenn man konsistent an etwas arbeitet und sich auf die Sache konzentriert, statt darauf, was rundherum passiert, dann kann man vieles erreichen, was einem niemand zugetraut hätte. Das hat unser Team bewiesen und zu einem kleinen Teil habe das wohl auch ich bewiesen.
Wo liegen, abgesehen von Ihrer Sturheit, Ihre Stärken?
Bayer: Ich denke, ich kann schnell Zusammenhänge durchschauen und Ursachen erkennen. Und ich lasse mich kaum von Ausbrüchen beeindrucken – emotionalen oder anderweitigen.
Auch nicht von Ihren eigenen?
Bayer: Nicht einmal von meinen eigenen. Die gibt‘s natürlich und oft muss ich dann über mich selbst lachen. Im Prinzip ist es aber so, dass ich, so lange ich kann, zuhöre, die Situation analysiere, bewerte, und dann meinem Gegenüber eine passende Lösung anzubieten versuche. Das halte ich gerade im Event-Geschäft für sehr wichtig.
Weil die Branche davon lebt, Emotion zu erzeugen und zu verkaufen.
Bayer: Natürlich, darum geht‘s.
Wie gehen Sie mit Stress um?
Bayer: Ich fühle mich fast nie gestresst, weil mir Stress nur bereitet, was ich nicht gern tue. Äußerliche Stressverursacher kann ich gut abblocken, und vor allem habe ich gelernt zu unterscheiden, ob ich eine Situation beeinflussen kann oder eben einfach hinnehmen muss. Das fängt beim Wetter an. Es ist doch müßig, darüber zu reden, ob das Wetter gut oder schlecht ist. Interessant ist doch nur, ob ich eine Jacke brauche oder nicht.
Würden Sie gern einmal richtige Spiele organisieren?
Bayer: (lacht) „Traditionelle Spiele“ heißt das!
Ach so, das ist die IOC-Sprachregelung?
Bayer: Jawohl. Und ich kann diese Frage nicht auf Anhieb bejahen. Meine große Freude mit den Jugendspielen beruht vor allem darauf, dass sie einem viel kreativen Gestaltungsspielraum lassen. Es sind die ersten Winterspiele, dadurch hat man die Chance, ein bisschen Geschichte zu schreiben. Natürlich sind traditionelle Spiele die Krönung im Event-Geschäft, aber ich denke, dass ich persönlich besser zu Jugendspielen passe. Ich brauche meine Spielräume und reagiere nicht gern auf Zuruf.
Was werden Sie am 23. Jänner tun?
Bayer: Ich freue mich auf einen hoffentlich etwas ruhigeren Tag, aber im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist es am 23. für uns nicht vorbei. Was ich am 26. Jänner tun werde, sage ich Ihnen gern: Meine Frau hat mir einen zweitägigen Wellness-Urlaub geschenkt.
Und wenn Ende 2012 Ihr YOG-Vertrag ausläuft?
Bayer: Eine weitere zentrale Eigenschaft von mir ist, im Moment zu leben.
Übernehmen Sie wieder Ihre Firma, die in den letzten Jahren Ihre Frau geleitet hat?
Bayer: Sie führt die Firma sehr erfolgreich und gern. Und ich denke, es ist besser, wenn sie das auch weiterhin tut. Vor Anfang März werde ich aber nicht ernsthaft darüber nachdenken, wohin meine Reise geht. Sicher ist, dass mich das internationale Sportgeschäft auch nach mehr als 16 Jahren noch sehr fasziniert.

