Show mit Stein und Besen
Von Christoph Mair
Innsbruck – „Curling? Ach, das wo die mit dem Besen, das ist doch kein Sport.“ Im ski-affinen Österreich mehr als ein Vorurteil, schon eher ein Dogma. Aber eines, das während der ersten Olympischen Jugend-Winterspiele kräftig ins Wanken geraten ist.
Denn der hierzulande verächtlich als „besseres Eisstockschießen“ abgekanzelte Mannschaftssport entpuppte sich bei den YOG als Zuschauermagnet. Die Curling-Bewerbe in der Messehalle waren unter jenen, die am schnellsten ausgebucht waren. Was macht die Faszination aus? Es muss wohl die Mischung aus Geschick und Strategie sein, die die Disziplin auch als „Schach auf dem Eis“ geadelt hat.
Für absolute Curling-Neulinge zu Ziel und Regeln des Spiels nur so viel: Zwei Viererteams versuchen pro Spielabschnitt (end) möglichst viele ihrer acht Steine nahe ins Zentrum eines Zielkreises zu bringen. Der Weg des über die Eisbahn gleitenden Steins kann durch das Wischen mit dem Besen beeinflusst werden. Letzteres kann zu Schwerarbeit ausarten. Damit wäre auch die Frage nach dem Sport beantwortet.
Was zu jener nach dem Eis führt, dessen Präparierung einer Wissenschaft ähnelt. Zumindest behaupten das die Eismeister des Welt-Curlingverbandes (WCF), von denen es rund 20 gibt. Einer von ihnen, der Deutsche Joachim Fritz, selbst begeisterter Curler. Er hat während der Spiele Pause und Zeit für einen kurzen Einblick in die Curling-Geschichte und -Technik parat. „Curling kommt aus Schottland“, erzählt der stv. Eismeister. Aus dem 16. Jahrhundert stammen die ältesten erhaltenen, freilich noch nicht genormten Curlingsteine. Noch heute würde der beste Granit für die rund 20 Kilogramm schweren Brocken aus einem Steinbruch an der schottischen Atlantikküste stammen. Doch der ist inzwischen so begehrt, dass in vielen Steinen nur noch ein Einsatz unten an der Lauffläche aus dem preziösen Material besteht. Unten konkav geformt, läuft der Stein auf der Eisbahn auf einem Ring. Über die Reibung bildet sich ein dünner Wasserfilm, der über die Schrubberei beeinflusst werden kann. In der fast philosophischen Betrachtung von Curling springt Joachim Fritz plötzlich auf: „Ich muss pebbeln!“, ruft er und verschwindet kurz. Komische Ausdrücke haben diese Deutschen für ihre Bedürfnisse. Aber als der Eismeister mit einem Wassertank auf dem Rücken und einer Art Zerstäuberspritze wieder erscheint, erschließt sich langsam, was er meinte: „Pebbles“ sind gefrorene kleine Wassertropfen auf der Eisfläche, die über die Reibung den Stein ins Drehen (curling) bringen. Weil sie sich abnutzen, müssen sie immer wieder erneuert werden.
Letzte Frage: Wo liegt der Reiz des Curlings für die Zuseher? Tenor in der Messehalle: Es ist spannend, man muss ständig dranbleiben. Stimmt, Curling lässt sich kaum nebenher verfolgen.
Einer, der um die Faszination weiß, ist Skisprunglegende Toni Innauer. Vor etwa 15 Jahren hat er als Teammitglied des akademischen Skiclubs Innsbruck an einem Vierkampf im Schweizer Grindelwald teilgenommen und war natürlich beim Skispringen (mit Alpinskiern) gesetzt. Gewonnen hat er aber das Curling, das laut Innauer mehr ein „Zielschießen“ war. „Darauf bin ich heute noch ein wenig stolz, auch wenn ich sportlich den Anschluss verloren habe“, schmunzelt Innauer. Dabei lasse sich der Telemark aus dem Skisprung für die Anschubposition beim Curling nutzen. Den curlingerprobten Schweizern, die extra trainiert hätten, habe er einen Strich durch die Rechnung gemacht, erinnert sich Innauer.
Apropos Schweiz: Die hat sich bei den Jugendspielen im gemischten Teambewerb Gold vor Italien und Kanada geholt, Österreich wurde 14. Die offene Frage ist, ob uns das, anders als im Skisport, kaltlässt?
aktualisiert: So, 20.01.2013 03:33



