07.08.2012
Olympia

Sprintstar Usain Bolt und die Magie der 41 Schritte

Der Jamaikaner Usain Bolt verteidigte in 9,63 Sekunden seinen 100-m-Olympiasieg. Der Laufstil begeistert, polarisiert aber die Sportwelt. „Science Buster“ Werner Gruber kennt die Gründe für Bolts Dominanz.
Alles im Auge – während sich Yohan Blake (Silber/links) und Justin Gatlin (Bronze) gratulierten, zog Usain Bolt seine bekannte Show ab.Foto: APA/Fohringer
Foto: APA/HELMUT FOHRINGER
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Die fünf schnellsten 100-m-Läufe

1. Usain Bolt (JAM) 9,58 Sekunden 16. August 2009 Berlin 2. Usain Bolt (JAM) 9,63 5. August 2012 London (Olympia) 3. Usain Bolt (JAM) 9,69 16. August 2008 Peking (Olympia) 3. Tyson Gay (USA) 9,69 20. September 2009 Shanghai 5. Tyson Gay (USA) 9,71 6. August 2009 Berlin

Von Markku Dattler

London – Usain Bolt ist nicht nur ein begabter Schauspieler, der Jamaikaner hält auch seine Versprechen ein. Er hatte angekündigt, bei den Sommerspielen in London 2012 zur „Legende“ werden zu wollen, seit Sonntag hat der 25-Jährige das geschafft. Bolt gewann das 100-Meter-Finale in 9,63 Sekunden vor seinem Landsmann Yohan Blake und dem US-Amerikaner Justin Gatlin. Er ist der erste Sprinter, der den Titel auf der Laufbahn verteidigen konnte, schreiben die einen. Er ist nach Archie Hahn (1906) und Carl Lewis (1988) bereits der dritte, meinen andere. Die Polemik zeigt, dass Leichtathletik und Olympia tatsächlich um eine Legende reicher sind ...

Mit diesem Auftritt steht fest, dass Bolt schmerzfrei laufen kann. Zurückbleiben wird daher seine Konkurrenz auch über die 200 Meter, die heute mit den Vorläufen beginnen. Das i-Tüpfelchen folgt zum Abschluss bei der 4 x 100-Meter-Staffel. Bolt könnte London mit drei Goldmedaillen im Gepäck verlassen. Er sagt: „Ich muss allen zeigen, dass ich der Größte bin.“

Mit dem souveränen Antritt begannen auch die erneuten Analysen über Laufstil, Tempo, Zeit und physikalische Kräfte. Versorgt mit Zeit, Größe (1,93) und Schrittzahl (41) lieferte Neurophysiker und „Science Buster“ Werner Gruber eine Expertise.

Bolts Familie, so Gruber, stamme aus Afrika. Darum sei sein Nabel um knapp drei Zentimeter höher gelagert als bei Europäern. Seine Beine sollen 110 Zentimeter von der Sohle bis zur Hüfte messen, der damit besonders hohe Körperschwerpunkt bewirke den markanten Laufstil. „Seine Eltern“, wirft Gruber ein, „spielen eine ganz wichtige Rolle.“ Nicht, dass sie nur daheim oder auf der Tribüne die Daumen drückten, sondern „sie hatten ja größten Anteil daran, welche Muskeln, deren Fasern, genetisch weitervererbt werden“. Es ist der Unterschied zwischen „Typ-I-Fasern“ (langsam oxidativ) und „Typ-II-Fasern“ (schnell oxidativ). „Für Sprinter ist es wichtiger, schnell zu sein, als hohe Kräfte zu entwickeln. Deshalb braucht er viele schnelle Muskelfasern.“

Dennoch, ohne tägliches Training, so der Einwurf, gehe im Sport doch gar nichts. Werner Gruber verneint. „Durch Training lassen sich schnelle Muskeln nur um einen geringen Anteil steigern. Zum Sprinter muss man geboren sein – genauso wie zum Kugelstoßer.“

Bolt gilt zwar als einer der schwächsten Starter, bringe aber ob seiner Größe und Kraft eine schnellere Beschleunigung zustande. „Untersuchungen haben gezeigt, dass das hintere Bein für die horizontale Beschleunigung wichtig ist, während das Bein, welches sich am vorderen Bereich des Startblockes befindet, für das Aufrichten des Körpers wichtig ist. Bessere Sprinter haben mehr Kraft im hinteren Bein“, erklärt Gruber, der seit 1999 am Institut für Experimentalphysik der Uni Wien arbeitet. Die schlechteren müssten mit den Händen nachhelfen ...

Nach dem Abstoß komme die Reibung ins Spiel. Bolt trägt spezielle Laufschuhe, deren Sohlen von exakt gesetzten Spikes geziert sind. Für den Populärphysiker ein Anhaltspunkt, aber: „Durch Reibung können wir uns am Boden abstoßen. Steigen wir auf eine Banane, fällt die Reibung weg. Wir treten auf der Stelle und fallen meist um.“

Sobald Bolt unterwegs ist, wird es spannend. Der Körper muss bewegt werden, von den Beinen, wirft Gruber energisch ein. Sie bewegen Rumpf, Arme und Kopf. Der Schwerpunkt des Körpers wird pro Schritt um drei Zentimeter gehoben und kontrolliert gesenkt. Diese Hubleistung mache rund zwölf Prozent der Gesamtleistung aus. 80 Prozent der verfügbaren Energie werde in die Beschleunigung investiert. Der Rest steht den Armen zur Verfügung. Bolts maximale Schrittlänge beträgt 2,95 Meter, „er braucht 41 Schritte, alle anderen 43. Er gewinnt, logisch!“

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Di, 07.08.2012
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