25.08.2011
Mix

238 Kilometer und noch einmal so viele Skurrilitäten

Das 30-Jahr-Jubiläum des Ötztaler Radmarathons: Am Sonntag wagen sich 4500 Rennradler auf die für ihre Auswüchse bekannte Runde.

Von Manuel Fasser

Sölden – Wo es Prestige zu ernten gibt, liegt die Schmach nahe. Ernst Lorenzi, Chef-Organisator des Ötztaler Radmarathons, über Auswüchse und Skurrilitäten der 254 Kilometer langen Runde über vier Pässe (238 km/5500 HM), die heuer ihren 30. Geburtstag feiert:

1Startnummern-Einstreifer: Eine skurrile Form, sich tatenlos vermeintliches Prestige einzustreifen, beobachtet Lorenzi seit vergangenem Jahr: „Wir zählten mehr als 100 Leute, die sich zwar anmeldeten und ihre Nummern abholten, jedoch nicht an den Start gingen. Und das trotz des schönen Wetters.“ Die Motivforschung lieferte nur Vermutungen: „Wir gehen davon aus, dass es vielen offenbar etwas gibt, wenn sie sich im Büro die Startnummer aufhängen können, um zu behaupten, sie seien mitgefahren.“ Offensichtlich, spekuliert Lorenzi, sei diesen Kandidaten selbst die Reise von Norddeutschland bis nach Sölden nicht zu weit – nur für einen Hauch von falscher Anerkennung. Lorenzi: „Diese Leute stören den Radmarathon, weil sie jenen, die wirklich fahren wollen, die Plätze wegschnappen. Das ist eine Unsitte.“

2Tiroler-Effekt: Eine nicht zu verachtende Zahl an Startern – „insbesondere Tiroler“ – habe Helfer im Einsatz, klagt Lorenzi. Dass diese ohne zu bezahlen an den Buffets mitnaschten, störe ihn weniger als der Umstand, dass dies das Ergebnis verzerre: „Wer nie vorne im Wind fahren muss, spart sich wertvolle Energie. Jene ohne Helfer genießen diesen Vorteil nicht“, sagt der Sölder. Lorenzi plädiert für Chancengleichheit.

3Motor-Effekt: Das Problem von Teilnehmern, die den einen oder anderen Pass im Kleinbus bezwingen, habe man „fast völlig in den Griff bekommen“, erklärt Lorenzi. „Wir haben vier Rennleiter, das Sprecher-Auto an der Spitze und den Besenwagen im Einsatz. Hinzukommen Dutzende Motorräder.“ Wer führt, stehe unter Beobachtung. Selbiges gelte für die schnellste Frau, die bei jeder Kurbelumdrehung überwacht werde. Lorenzi: „Wer unbedingt will, wird mit Sicherheit noch eine Möglichkeit finden, sich selbst zu belügen. Wichtiger ist mir, dass alle gesund ins Ziel kommen.“

4Schmutzfinken: Wenn 4500 Leute ein und dieselbe Runde fahren, fällt jede Menge Müll an, der mitunter unsachgemäß entfernt wird. Um das zu verhindern, initiierte Lorenzi eine Aktion scharf: „Wer beobachtet wird, wie er Müll außerhalb der vorgesehenen Zonen wegwirft, wird ohne Diskussion disqualifiziert.“ Wer glaubt, er sei gleichgestellt mit einem Rennfahrer der Tour de France, erntet im Ziel die Rechnung: Er wird aus dem Ergebnis entsorgt. Lorenzi: „Zu sagen, man habe nichts weggeworfen, gilt nicht.“

5Gekaufter Sieg: Im vergangenen Jahr, sagt Lorenzi, sei es womöglich zu einer Absprache auf den letzten Kilometern gekommen. Lorenzi: „In Gasthäusern hat jener, der den Sieg verkauft haben soll, damit geprahlt.“ Zwar könne der Umstand nicht bewiesen werden; er werfe aber ein schlechtes Licht auf die Veranstaltung und sei strikt abzulehnen. Unterm Strich sei der Ötztaler jedoch kein reinrassiges Rennen. Und falls doch, dann nur eines gegen sich selbst.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 25.08.2011
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