„Es reicht nicht, eine Bande zu kaufen“
Aus Badgastein: von Florian Madl
Dietrich Mateschitz erscheint im Sitzungssaal des Badgasteiner Hotels „Grüner Baum“, Ruhe kehrt ein. Einem höflichen, ja geradezu bescheidenen Einstieg lässt der Mann im blauen Polo-Shirt Zitate des Philosophen Viktor Frankl und Witze über die österreichische Mentalität folgen. „Wenn ein Amerikaner am Gehsteig geht und einen Ferrari vorbeifahren sieht, denkt er sich: „Den will ich eines Tages auch haben.“ Der Österreicher denkt sich: „Eines Tages wird auch der zu Fuß gehen.“ Soweit alles, wie man es vom Mann mit der Aura eines Zhen-Buddhisten erwartet hätte.
Plötzlich, als breche ein Sommergewitter über Badgastein herein – das sollte später auch passieren – wandelt sich das Bild. Der Mann, dessen Vortrag die 200 Zuhörer im Rahmen einer jährlichen Sportjournalistentagung offensichtlich fesselt, legt diesen undurchdringlichen Mantel der Erhabenheit ab: „Wenn ich was hasse, dann ist es Borniertheit und Dummheit.“ Und Gründe, über die sich der Firmengründer mokieren konnte, erlebt er seiner dicken Haut und seiner „hohen Schmerzgrenze“ zum Trotz zuhauf: Da fällt Mateschitz ein Linzer Eishockey-Trainer ein, der den Red-Bull-Erfolg ausschließlich dem Geld zuschrieb.
Da regt sich der Steirer über den Weltfußballverband FIFA auf: „Wer glaubt, Fehlentscheidungen gehören zum Fußball, der irrt.“ Und plädiert für die Einführung des Videobeweises.
Und auf das Privatfernsehen angesprochen gerät Mateschitz auch außer sich: „Wenn man 110-kg-Frauen in Netzstrümpfen und High Heels auf die Bühne holt, beleidigt das meine humanistische Bildung.“
Ein Stichwort, denn der Tausendsassa will schon bald ein Red-Bull-TV als globalen Anbieter präsentieren, das 2009 gegründete Spartenprogramm Servus-TV im Alpen-Donau-Raum dient ihm dabei lediglich als Pilotprojekt: „Dort wollen wir unser Handwerk erlernen.“ Red Bull stehe schließlich nur dann auf einem Produkt, wenn die Qualität stimme. Buchstäblich ein „geflügeltes Wort“.
Der 66-Jährige spielt auf die Philosophie der Marke im Sportsponsoring an, das dem Unternehmen immer noch ein Drittel vom Umsatz (4 Milliarden Euro) wert ist. Es reiche allerdings nicht, „fünf Quadratmeter Rollbande und einen Formel-1-Frontflügel zu kaufen“. Man müsse dahinterstehen, als Gesamtanbieter auftreten – nur gelinge das 90 Prozent der Unternehmen nicht.
Viele, die das anders interpretieren, würden mit einem Sack voll Geld shoppen gehen, „und das sei auch dumm“. „Ich bin kein Abramowitsch, der mit dem Geld spazieren geht. Wir definierten Sportsponsoring von Anfang an qualitativ, nicht quantitativ.“ Wenn dann, wie in Monaco, Red-Bull-Autos vor einer Milliarde TV-Zuschauer gewinnen, dann wähnt sich der Mann mit dem Charisma eines Alleskönners am Ziel. Am Zwischenziel.
Seine Philosophien nimmt man dem Millionär gerne ab, sie überlebten seinen Aussagen zufolge die Krise: „Wir fielen mit unseren Umsätzen nicht ab, bauten sogar unseren Marktanteil aus. Das heurige Geschäftsjahr geht als das erfolgreichste in unsere Geschichte ein.“ In 22 Jahren verzeichnete Red Bull noch nie Zuwächse von zwölf Prozent, und dabei ging Mateschitz durchaus unüblich vor: „Anstatt zu sparen, haben wir ein neues Kostenbewusstsein entwickelt und weiter investiert.“ Nur Kontinuität gewähre langfristig den Erfolg, nicht das sprunghafte Befinden.
Das gelte auch für den Bereich Fußball, wo in Salzburg mit Trainer Huub Stevens und SportdirektorDietmar Beiersdorfer zwei Experten die Philosophie verinnerlicht hätten. Langfristig soll die Mannschaft in Leipzig in der Champions League mitmischen, in Salzburg soll eine U-20-Auswahl nach dem Vorbild einer College-Mannschaft Talente formen.
Ein ehrgeiziger Plan, das weiß Dietrich Mateschitz. „Aber wenn du es nicht versuchst, ist das der sicherste Weg, etwas nicht zu schaffen.“ In diesen Momenten hat der Mann am Mikrofon etwas von einem Prediger. Und er scheint wie zu Beginn des Auftritts in seiner Mitte, behaftet mit der Aura eines Zhen-Buddhisten. Die 1:39 Stunden sind wie im Flug vergangen. Mit einem bescheidenen „Auf Wiedersehen“ fliegt Dietrich Mateschitz ab. Sein Hubschrauber wartet bereits.



