„In der Wüste gab es keinen Zucker“
Herr Al-Sultan, Sie starten heuer erstmals mit eigenem Team, finanziert von der Tourismusbehörde von Abu Dhabi – kein Land, dessen Einwohner für Ausdauersport bekannt wären.
Faris Al-Sultan: In Abu Dhabi wird wenig Sport betrieben und es gibt darüber hinaus ein genetisches Problem, welches Sport umso wichtiger machen würde: Leute im arabischen Raum sind von ihrer Genetik nicht darauf ausgelegt, so viel zu essen, speziell so viel Zucker. Menschen sind an ihren Lebensraum angepasst und in der Wüste gab es nun mal nie Nahrung im Überfluss. Heute sorgen körperliche Untätigkeit und üppige Ernährung für ernsthafte Probleme wie Übergewicht und Diabetes.
Sprich: Sie sind das Testimonial für Gesundheitssport in Abu Dhabi?
Faris Al-Sultan: Ja, aber nicht nur. Es geht auch um die Bekanntheit des Namens Abu Dhabi, um die Urlaubsdestination und um die Bewerbung der Trainingsbedingungen.
Ihr Vater kommt aus dem arabischen Raum.
Faris Al-Sultan: Richtig, mein Vater ist sunnitischer Iraker, sozusagen ein Cousin von Saddam Hussein (lacht), lebt aber seit 1978 in Deutschland.
Und Ihre Verbindung zu den Emiraten?
Faris Al-Sultan: Mein Vater hat dort Bekannte, die Deutschland immer wieder besuchten und umgekehrt. 1999 habe ich angefangen, in den Emiraten zu trainieren, was sich bis heute fortsetzt. Aus dieser Verbindung wuchs eine Sponsorvereinbarung, die nun in unserem Abu-Dhabi-Team ihren Ausdruck findet.
Sie sprechen Arabisch?
Faris Al-Sultan: Nein. Leider nur sehr rudimentär.
Vergleicht man Triathlon und Radsport, fällt auf: Es fehlen Klassiker. Die Masse kennt Hawaii – und fertig.
Faris Al-Sultan: Auf der Kurzdistanz ist das alles entscheidende Rennen Olympia. Die neue World Championship Series ist ein Versuch, die Kurzdistanz auch zwischen den Spielen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, was ich für gut und wichtig halte. Verglichen mit der Langdistanz (Ironman, Anmerkung) ist es bei kurzen Rennen schwieriger, Dramatik zu vermitteln. Es fehlt diese Einsamkeit, diese Überraschungen, die einen Ironman ausmachen.
2005 konnten Sie die Ironman-WM auf Hawaii gewinnen. War eine Olympiamedaille auf der Kurzdistanz nie ein Wunsch?
Faris Al-Sultan: Doch, absolut! Kurzfristig habe ich 2003 versucht, in die Punktejagd auf der Kurzdistanz einzugreifen. Ich muss aber zugeben: Das war nicht meine Welt. Damals war ich im Schwimmen sicherlich stark genug. Radeln war nie ein Problem. Nur zum heutigen Laufniveau muss ich ganz klar sagen: Das würde ich nicht können!
Triathlon zersplitterte in zig Unterbewegungen – vom Wintertriathlon über XTerra bis hin zum Aquathlon. Versteht das der Konsument?
Faris Al-Sultan: Nein, das glaube ich nicht. In Wirklichkeit gibt es jedoch Kurzdistanz und Ironman. Alles dazwischen ist für die Szene wichtig, dem Konsumenten jedoch gleichgültig. Dieses Problem kennen aber auch andere Sportarten, ich denke etwa ans Gewichtheben mit seinen 32 Klassen. Es tut sich keiner mehr an, das verstehen zu wollen. Die Leute wollen wissen: Wer ist der Beste?
Sie exponieren sich als vehementer Anti-Doping-Kämpfer. Glauben Sie, herrscht im Triathlon eine andere Mentalität als im offensichtlich verseuchten Radsport?
Faris Al-Sultan: Ich denke, Triathleten sind anders, weil es – verallgemeinernd ausgedrückt – andere Leute sind. Wenn man einen typischen Läufer, einen typischen Schwimmer, einen typischen Radler mit einem typischen Triathleten vergleicht, dann entdeckt man immer andere Typen von Menschen. Im Radsport kommt hinzu, dass man die ganze Struktur – das Team – braucht, um was erreichen zu können. Und wenn dein Trainer, dein Mechaniker, dein sportlicher Leiter, dein Teamchef allesamt Radprofis waren und gedopt haben, dann stellt sich gar nicht die Frage, dass dies nicht normal sein könnte. Ich will damit nicht sagen, dass jeder Radfahrer gedopt ist – das weiß ich nicht. Die Struktur im Radsport setzt sich jedoch aus Leuten zusammen, die vielfach bereits einmal gesperrt waren. Diese Struktur gibt es im Triathlon nicht. Die meisten Triathleten sind Amateursportler, die besser wurden.
Anders als Norman Stadler konnten Sie bislang Ihren Hawaii-Triumph nicht wiederholen. Heuer vielleicht?
Faris Al-Sultan: Ich bin erst 32, mir steht noch alles offen, auch ein erneuter Sieg. Nach 2006 ging es bei mir leider leicht bergab, was daran lag, dass ich meinen Weg noch nicht richtig gefunden habe. Jenen vom jungen Wilden, der Tag und Nacht trainiert, hin zum seriösen, reifen Vollprofi. Es war schwierig sich einzugestehen, nicht mehr so trainieren zu können, wie mit 25. Mit 32 kannst du nicht jeden Tag die volle Leistung abrufen. Den Ironman gewinnen dennoch meist ältere Athleten.
Das Gespräch führte Manuel Fasser



