Zwischen Angst und Vertrauen
Vor den Podestplätzen in St. Moritz sind Sie in diesem Weltcupwinter sechsmal ausgefallen, verpassten zweimal in Ihrer Paradedisziplin Riesentorlauf die Quali für den zweiten Durchgang und hatten einige Plätze jenseits der 20. Wie groß waren da zwischenzeitlich die eigenen Zweifel?
Nicole Hosp: Ich war im Herbst im Training schon gut drauf, extrem fit und ohne Probleme. Und auf einmal ist bei den Rennen gar nichts gegangen. Ich bin oft voller Zweifel und ziemlich angefressen nach Hause gekommen, aber es wollte einfach nicht sein. Ich habe mir nichts vorzuwerfen gehabt. Aber eines ist auch klar: Wenn nichts geht und viele Ausfälle kommen, ist man weit weg von „locker“. Und mit Gewalt geht ja bekanntlich gar nichts.
Gab‘s auch die Angst, jetzt endgültig quasi „weg vom Fenster“ zu sein?
Hosp: Es gab Phasen, wo ich mir nicht mehr sicher war, ob ich‘s draufhabe. Aber dann habe ich wieder gespürt: Ich bin nicht weit weg.
Ihr Freund (Roland Schönegger) ist gleichzeitig auch im Serviceteam. War die Misere auch ein Belastungstest für die Beziehung?
Hosp: Nein, wir hatten keine Schwierigkeiten. Er ist immer hinter mir und an meiner Seite gestanden. Ich habe ja Ski und Schuhe gleichzeitig gewechselt und es hat in Sachen Material vielleicht am Saisonanfang ein bisschen Abstimmungsschwierigkeiten auf aggressivem Schnee gegeben. Aber so etwas kannst du im Sommer nicht testen.
Wie war das Gefühl, als Riesentorlaufweltmeisterin und Gesamtweltcupsiegerin (jeweils 2007) auf einmal abseits des Spitzenfeldes nicht mehr so interessant zu sein?
Hosp: Es ist ja ganz klar, dass der Kreis der Unterstützer kleiner wird, wenn‘s einmal nicht so läuft. Aber ich kenne ja schon von meinen langen Verletzungspausen jenen engsten Vertrauenskreis, der wirklich hinter mir steht, und weiß das zu schätzen. Andererseits waren auch viele andere Leute immer extrem positiv und aufmunternd zu mir und haben gesagt: „Wart nur ein bisschen, du kommst schon wieder.“ Ich hatte ja oft super Schwünge, nur hat selten ein ganzer Lauf oder eben ein ganzes Rennen gepasst.
Mit 28 Lenzen sind Sie in Sachen Skiweltcup aber noch lange nicht satt?
Hosp: Trotz meiner Erfolge habe ich mich nie satt gefühlt. Die Misere hat mich viel mehr angekotzt. Aber wenn du schon viel erreicht hast und plötzlich für deine Verhältnisse weit weg bist, bist du oft gleich nichts mehr wert. In unserem Team hat aber noch keine andere Läuferin den Gesamtweltcup gewonnen.
Apropos Gesamtweltcup: Raubt die Dominanz von Lindsey Vonn nicht viel an Spannung?
Hosp: Wenn oft die Gleiche gewinnt, nimmt das klarerweise etwas die Spannung heraus. Aber sie ist halt eine Ausnahmeerscheinung und man muss auch dankbar sein, gleichzeitig in ihrer Ära fahren zu können. Denn von dieser Sorte gibt es nur ganz, ganz wenige.
Zurück zur eigenen Person. Welche Ziele verfolgen Sie noch?
Hosp: Es gibt noch viele Ziele, wie einen Abfahrtssieg: Dann hätte ich in allen Disziplinen gewonnen. Das ist genauso ein Riesentraum von mir wie Olympiagold. Und natürlich möchte ich in meiner Paradedisziplin Riesentorlauf zu alter Stärke zurückfinden.
Als selbst ernanntes „Rennpferd“ kann man von Ihnen also noch einiges erwarten?
Hosp: Ich hoffe, dass die beiden Stockerlplätze in St. Moritz die endgültige Wende waren und ich wieder da anschließen kann, wo ich vor meinen Verletzungen (Hosp verpasste u. a. wegen eines Kreuzbandrisses die komplette Saison 2009/10) aufgehört habe.
Wie belohnen Sie sich selbst für die heißersehnte Rückkehr aufs Podium?
Hosp: Ich belohne mich mit einer dreitägigen Pause zuhause in meinem Haus auf meiner Kachelofenbank.
Das Gespräch führte Alex Gruber



