21.06.2012
Ski Alpin

Besser einlochen als einfädeln

Österreichs Ski-Herren stimmen sich beim Golfspiel in Kaprun auf den kommenden Winter ein. Dabei ist die vergangene Saison noch immer präsent und steckt einigen ÖSV-Athleten in den Gliedern.

Aus Kaprun:

von Florian Madl

Kaprun – Man möchte meinen, Skifahren sei ein toller Saisonjob. Ein halbes Jahr ohne Spesenaufwand durch die Weltgeschichte reisen, schnell abfahren und dabei noch Preisgeld einstreifen.

Wer sich am Golfplatz Kaprun allerdings umsah, der sah sich eines Besseren belehrt. „Ich habe bis jetzt praktisch durchtrainiert, dafür nehme ich mir Anfang Juli ein paar Tage frei“, plauderte der Hochfilzner Romed Baumann aus dem Nähkästchen. Solche wie der Gschnitzer Manfred Pranger oder der Schladminger Klaus Kröll verbringen ihre Arbeitstage in physiotherapeutischen Einrichtungen.

Der Tiroler Slalom-Weltmeister sucht dort seine Bandscheibenprobleme in den Griff zu bekommen: „Mein tägliches Brot“, grinst der bald 35-Jährige und schlägt ab. Golfspielen beherrscht er zwar nicht so wie Skifahren, aber das hat dafür auf Wettkampfebene ein Ablaufdatum – ein Jahr, vielleicht ein zweites, da legt sich Pranger nicht fest. Und dann vielleicht doch verstärkt am Golf-Handicap feilen. Einer Studie zufolge, erzählt der Kapruner Geschäftsführer dienstbeflissen, verlängere der Sport die durchschnittliche Lebensdauer um fünf Jahre.

Und Klaus Kröll? Dem macht sein Motocross-Unfall samt Sprunggelenksverletzung noch etwas zu schaffen, aber in Skischuhen schaut die Welt ohnehin anders aus. Auch Marcel Hirscher hatte mit einem Unfall zu kämpfen – mit seinem PS-schweren Auto nämlich. Weniger die körperlichen Folgen des Zwischenfalls als die medialen machten ihm in der Folge zu schaffen. „Manche mussten daraus zwangsläufig eine Sensationsgeschichte kreieren. 23-jähriger Bursch, schnelles Auto – das passte ins Klischee.“ Für Auflockerung sorgte im Herzen des Gesamtweltcupsiegers nicht einmal der Fußball. Der niederländisch-österreichische Doppelstaatsbürger nahm das EURO-Aus der Oranjes aber vergleichsweise gelassen hin: „Der Beste soll gewinnen.“ Das sagte der Salzburger schon vor dem Weltcup­finale – und dort gewann er.

Urlaubsreif wähnte sich kurzfristig übrigens auch Cheftrainer Mathias Berthold, und zwar nach dem Urlaub. Vier Tage begleitete der Vorarlberger die befreundeten Rocker der Band Nazareth auf ihrer Tournee. „Das Musikerleben hat es in sich. Danach bist du mehr geschlaucht als vorher.“ Was ihm die Band zu seinem 47. Geburtstag im Rahmen des Besuchs wohl für ein Ständchen spielte? Möglicherweise den Hit „Expect No Mercy – erwarte keine Gnade“: Die Gegner im Weltcup kennen schließlich auch keine.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 21.06.2012
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