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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 23.01.2013

Grugger schloss das letzte Kapitel

Der vor zwei Jahren im ersten Abfahrtstraining so verhängnisvoll gestürzte ÖSV-Abfahrer Hans Grugger stellte sich gestern Vormittag noch einmal der Mausefalle – und fand dabei Frieden.

Von Marlies Czerny (OÖN)

Kitzbühel – Das symbolträchtigste Bild an diesem sonnigen Mittwoch in Kitzbühel, dem zweiten Trainingstag, war nicht jenes, als Hans Grugger über die Mausefalle rutschte. Jene Stelle, an der er am 20. Jänner 2011 dem Tod knapp entronnen war; jener Ort, an dem sich gestern drei Kamerateams und sechs Fotografen positionierten: Wie wird es Hans ergehen, wenn er diese Unglücksstelle passiert und damit das letzte Kapitel seiner Horror-Geschichte schließt?

Nein, symbolisch für seine Vergangenheitsbewältigung auf der Streif war das Bild im Zielraum, das sich ganz unscheinbar abspielte – ohne Blitzlicht, ohne Reporter. Grugger stoppte mit Ingrid Rumpfhuber, der Frau an seiner Seite, bei Mario Scheiber, dem ebenfalls zurückgetretenen Teamkollegen. „Wir sind froh, dass wir da nicht mehr hinunter müssen“, sagte Scheiber, blickte auf die pickelharte Streif hinauf und rückte seine eineinhalbjährige Tochter Joleen im Arm zurecht. Er verkauft heute Versicherungen, Grugger lernt gerade auf seine Studienberechtigungsprüfung für Sport und Geographie (Lehramt). Grugger nickt: „Heute bin ich richtig erschrocken, wenn ich mir eine Abfahrt anschaue. Ich denk‘ mir nur: Das sind ja alles Verrückte und Gestörte.“ Unvorstellbar sei es für ihn, dass er auch einmal so unterwegs gewesen war.

So unvorstellbar ist es auch, als er an der Einfahrt zur Mausefalle steht. Dass er da unten in der Kompression blutüberströmt lag, mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma? Das ist in diesem Moment so weit weg von ihm wie seine Freundin Ingrid. Die Fotografen haben ihn umzingelt, ein bisserl verzweifelt sucht der 31-Jährige Blickkontakt zur Bad Ischlerin. Sie unternimmt mit ihm die offizielle Besichtigung eine Stunde vor Trainingsbeginn, steht ihm bei wie bei den ersten Schritten zurück ins Leben. „Komm her, bitte.“ Sekunden zuvor grüßte noch Klaus Kröll, es klopfte Michael Walchhofer auf die Schulter – es macht den Anschein, dass es jeden einzelnen Rennläufer freut, den Hans hier an dieser Stelle wiederzusehen.

Doch dieses Wiedersehen ist eigentlich ein Abschied. Grugger fährt mit Rumpfhuber ein in die 85 Prozent steile Mausefalle. Ein kleiner Moment der Zweisamkeit – bis zur Kompression. Hier warten die Reporter, die Fotografen. Und dürfen in Gruggers Gefühlswelt blicken. Dankbarkeit dominiert, ein bisserl Traurigkeit hat Platz. „Aber ich habe keinen Hass auf diesen Berg“, merkt Grugger an, „ich bin froh, dass ich dank der Ärzte so gesund dastehen darf.“ Tränen? „Ja, die gab es in der Mausefalle. Aber die waren wieder schnell vorbei.“

Für Rumpfhuber war es ein Versuch der Versöhnung mit der Streif, „ein guter Abschluss. Aber es ist schon noch hart, wenn ich in Innsbruck an der Klinik vorbeigehe. Da wird mir immer wieder schlecht beim Gedanken zurück an die erste Zeit.“ Ganz abschließen ginge ohnehin nicht, „das wird immer Teil unserer Geschichte sein“.

Eine Stunde nahm sich Grugger Zeit für die Besichtigung. Unten im Ziel, da warten wieder Reporter. Ob es ihn störe, dass ihn die Menschen als Streif-Opfer und nicht Sieger von vier Weltcup-Abfahrten in Erinnerung behalten? „Was heißt stören?“, fragt Grugger zurück. Natürlich wäre es ihm lieber, würde man sagen: „Der Grugger ist der ehemalige Weltmeister.“ Doch er könne gut damit leben, er lebt ja noch. „Ich bin heute zwar in einem anderen Tempo heruntergefahren als früher“, sagt er – und blickt noch einmal zum Zielhang hinauf. „Aber ich bin auch mit diesem Tempo sehr glücklich und zufrieden.“