Wengen: Die Entdeckung der Langsamkeit
Aus Wengen: Florian Madl
Wengen – Während Elektromobile die frischen Semmeln ins Hotel Bellevue liefern, rodeln Kinder in die örtliche Schule. Die beißende Kälte – gestern rutschte das Quecksilber auf minus 7 Grad – scheint ihnen nichts auszumachen, ebenso wenig das unüblich geschäftige Treiben in ihre Turnhalle: Die beherbergt dieser Tage die 280 Journalisten der jährlich stattfindenden Lauberhornrennen. Mit dem legendären „Brüggli-S“, einer Schlüsselstelle der Abfahrt, wissen hier schon die Achtjährigen genauso viel anzufangen wie mit dem Doppel-s.
70 Schüler sind es noch in Wengen, verteilt auf sechs Klassen, und jedes Jahr werden es weniger. Der Ort ist schließlich teuer, für ein 70-Quadratmeter-Appartment sind bisweilen 400.000 Euro zu berappen. Wer die nicht hat und beim kommenden Samstag-Lotto nicht den Jackpot knackt (derzeit 1,6 Mio. €), wird um keinen Besichtigungstermin anfragen. Die hohe Dichte an Zweitwohnbesitzern – in der Gemeinde liegt die Quote über 60 Prozent – treibt den Preis. Judith Graf Engi, Präsidentin Wengen Tourismus und Hotelchefin, spricht in diesem Zusammenhang von „kalten Betten“: „Die Ferienwohnungen stehen mitunter 50 Wochen im Jahr leer“, erklärt Graf Engi den Begriff – und ihrer Stimme entnimmt man Ärger. Ihren Mann Andi stört daneben der schleichende Verlust der Langsamkeit in Wengen, das Aufkommen von Trampelpfaden. „Die Leute kommen morgens aufs Jungfraujoch und trinken abends ein Bier in München.“ Das vernichte das Ambiente, für das sein Ort stehe.
Die Gästebetten bekommt man aufgrund der Tagestouristen nicht immer voll, auf 1000 Einwohner kommen 5000. In den vergangenen Jahren wurde deshalb viel in Wellness investiert, Solebäder und Sauna. Ski fahren im majestätischen Schatten der Bergriesen Jungfrau, Mönch und Eiger kann ja so anstrengend sein.
Den starken Schweizer Franken, der die Landsleute zum Skifahren nach Österreich treibt, diskutiert man hingegen nur am Rande. Der Kurs falle und steige ohnehin immer, nur Wengen bleibe das Jahr über gleich. Das gilt etwa für den Verkehr: Die Sache mit dem örtlichen Verkehrsverein erscheint auch deshalb etwas irreführend, weil sich Autos hier auf 1274 m über dem Meer nur mit Ausnahmegenehmigung durch den Ort schlängeln. Die Zahnradbahn, die Wengeralpbahn, verrichtet doch seit 120 Jahren beschwerdefrei ihren Dienst. 28 km/h – na und? Oder wer braucht eine Polizei: Die Beamten aus dem Tal kommen, wenn nötig, mit dem Quad. Und was soll in einem Dorf passieren, wo betuchte Zweitwohnbesitzer und erholungsbedürftige Reiche doch nichts anderes haben wollen als Ruhe. Wenn Öllieferungen anstehen oder Baumittel geliefert werden, muss allerdings auch das berücksichtigt werden: Die Kosten steigen um ein Drittel. Denn wenn sich anderswo ein Lkw einer Fuhre mit einer Fahrt entledigt und dem nächsten Auftrag entgegensteuert, pendeln in Wengen Elektromobile tagelang.
Wengen, das ist eine Spur Anachronismus mit den Grundzügen des modernen Tourismus. Japaner kommen zuhauf, die stört an den ausgestellten Skiern weniger die zusätzliche Null auf den Preisschildern als die Farbe der Latten. Und alle wollen sie, wenn nicht gerade die Lauberhornrennen stattfinden wie am Wochenende, aufs Jungfraujoch (3471 m). Die Bahn führt durch die Eigernordwand und symbolisiert im strukturschwachen Berner Oberland so etwas wie die Lebensader.
Flexibel, das lässt sich zweifelsfrei behaupten, ist in dieser Idylle Santos. Der Fast-Food-Verkäufer auf der Hauptstraße bietet über alle Kulturschranken hinweg von Brathuhn über Kebab alles an. Und am Eingang werben Flugzettel ungeniert mit leicht bekleideter Damen-Unterhaltung. Der Portugiese, dessen Hamburger übrigens nicht zu empfehlen sind, scheint nicht ins Ortsbild zu passen. Und doch geht er als einer von wenigen mit der Zeit. Gegen deren Voranschreiten wehrt sich Wengen nämlich sonst in vielerlei Hinsicht erfolgreich, ebenso gegen den Einfluss der Moderne. Und wo doch Handlungsbedarf besteht, wird Abhilfe geschaffen:
Bis vor zehn Jahren drohte ein Bauer den Fans im Zielraum der Lauberhornrennen mit einer Mistgabel und trieb seine Kühe ins Freie. Mit der Finanzierung eines neuen Stalls war auch dieser Unruheherd gelöscht, und Wengen hatte wieder seine Ruhe.



