22.01.2013
Ski Alpin

Tränen fließen nur aus Dankbarkeit

Nach seinem Trainingssturz vor zwei Jahren in Kitzbühel kämpfte Hans Grugger um sein Leben. Am Mittwoch kehrt der Salzburger erstmals auf die Mausefalle zurück. Die TT besuchte ihn in Bad Hofgastein.
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Chronologie – Der Weg zurück in ein normales Leben

20. Jänner 2011: Hans Grugger stürzt im ersten Kitzbühel-Training in der Mausefalle verhängnisvoll. Diagnose: Schädel-Hirn-Trauma, Brüche an der Halswirbelsäule, Rippenbrüche, Lungenquetschung, Einriss der Halsschlagader. In der Neurochirurgie in Innsbruck wird ihm ein Stück Schädelknochen entfernt, um Druck vom Gehirn zu nehmen. Grugger schwebt in Lebensgefahr.

27. Jänner 2011: Die Ärzte können die Gefahr eines Schlaganfalls bannen, der Gehirndruck sinkt und auch die gebrochenen Halswirbel führen zu keinen Komplikationen.

2. Februar 2011: Grugger ist bei Bewusstsein und kann ohne Maschinen atmen. Der Bad Hofgasteiner ist bereits ansprechbar, nimmt seine Umwelt vorerst jedoch nur bedingt wahr. Bei einer Pressekonferenz erklärt Claudius Thomé, Direktor der Universitätsklinik für Neurochirurgie, wie eng es in den Tagen nach dem Unfall war: „Das Risiko zu sterben liegt laut Erfahrungswerten bei 40 bis 50 Prozent.“

18. März 2011: Nach Wochen der Therapie darf der damals 29-Jährige das Landeskrankenhaus Hochzirl verlassen. Er gilt als „weitgehend genesen“.

7. Juli 2011: Der ÖSV lädt zum Sommertraining nach Bad Hofgastein. Grugger strampelt am Ergometer, schupft Medizinbälle und hält das Laufband auf Trab.

12. Oktober 2011: 265 Tage nach dem Horrorsturz zieht er am Rettenbachferner seine ersten Schwünge im Schnee.

24. April 2012: Der vierfache Weltcupsieger gibt in Innsbruck sein Karriereende bekannt.

23. Jänner 2013: Hans Grugger kehrt am Mittwoch erstmals auf die Mausefalle zurück.

Am Sonntag hat sich Ihr verhängnisvoller Sturz zum zweiten Mal gejährt. Welche Bedeutung hat nunmehr der 20. Jänner?

Hans Grugger: Schon eine große, weil der Tag mein Leben verändert hat.

Haben Sie gestern eine Kerze angezündet?

Grugger: Das nicht, ich war aber vormittags in der Kirche und dann bei meinen Eltern Mittagessen. Und weil Ingrid (Freundin Ingrid Rumpfhuber, Anm.) nicht da war, haben wir abends eine Dreiviertelstunde miteinander telefoniert und die Geschehnisse noch einmal Revue passieren lassen.

Wie man hört, kehren Sie morgen erstmals wieder auf die Mausefalle zurück?

Grugger: Ja, weil es mir wichtig ist, dass ich alles im rennfertigen Zustand stehe. Dass ist für mich doch authentischer, um mir die Unglücksstelle in Erinnerung zu rufen.

Soll heißen, dass Sie einen Schlusspunkt setzen wollen?

Grugger: Irgendwie schon. Ganz abschließen ist aber erstens nicht mein Ziel und zweitens, zumindest für mein Empfinden, nicht das Richtige, weil dieser Sturz eben zu meiner Lebensgeschichte dazugehört.

Sorge vor überbordenden Gefühlen?

Grugger: Ich bin selbst gespannt, was auf mich zukommt, aber ich habe gar nicht so eine große Angst, dass ich einen Weinkrampf oder Ähnliches kriegen könnte.

Was macht Sie da sicher?

Grugger: Als ich mir erstmals meinen Sturz angesehen habe, hatte ich einen ordentlichen Bammel vor dem Drücken des Play-Knopfes. Aber was letztlich in mir hochgekommen ist, war recht emotionslos. Ich hatte nicht wirkliche eine Beziehung dazu und habe gewusst, dass es dem Fahrer, der da so regungslos im Schnee liegt, wieder recht gutgeht.

Haben Sie zufällig auch den Sturz von Max Franz in Beaver Creek gesehen?

Grugger (verdreht die Augen und atmet tief durch): Ja, und diese Bilder sind mir unheimlich nahegegangen, da war ich emotional echt angeschlagen. Ich kann die Gefühle schwer beschreiben, aber der Stressfaktor war enorm. Noch dazu kenne ich den Max sehr gut.

Mussten Sie auch weinen?

Grugger: Das weiß ich nicht mehr. Ich war jedenfalls heilfroh und dankbar, dass es mein Körper nicht mehr zugelassen hat, dass ich mich je wieder eine Abfahrt hinunterstürzen muss. Ab und zu gibt es aber schon Momente, wo es mir die Tränen rausdrückt.

Zum Beispiel?

Grugger: Wenn ich im Fernsehen einen Bericht über einen Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma sehe. Dann wird mir immer aufs Neue bewusst, welch großes Glück ich gehabt habe. Wenn die Rettungskette nicht derart optimal funktioniert und es nur fünf oder zehn Minuten länger gedauert hätte, wäre ich vielleicht tot oder ein Pflegefall. So geht es mir gut, auch wenn ich nach wie vor Defizite in der Aufmerksamkeit und Probleme mit der Fußkoordination habe.

Aufmerksamkeitsdefizite?

Grugger: Für Nichtwissende ist es, so glaube ich, nicht zu erkennen. Aber wenn ich einen stressigen Tag habe, werde ich gegen Abend unaufmerksam. Das kann so weit gehen, dass ich vor dem Fernseher sitze und nichts mehr aufnehmen kann, ganz so, als wäre ich abwesend.

Was Sie nicht abhält, Studiumspläne zu schmieden?

Grugger: Ich habe die Hotelfachschule in Bad Hofgastein abgeschlossen und muss erst einmal die Studienberechtigungsprüfung ablegen. Geographie und Psychologie sind erledigt, bis Sommer fehlen mir noch Deutsch, Englisch und Biologie.

Und dann?

Grugger: Würde ich gerne Sport und Geographie auf Lehramt studieren. Mal schauen, wie mein Fuß mitspielt, denn die Aufnahmeprüfung ist nicht ohne. Gerade im Leichtathletikbereich habe ich schon noch ziemliche Defizite, weil die gestörten Nervenverbindungen die Schnelligkeit und Sprungkraft immens hemmen.

Wie würden Sie Ihr gegenwärtiges Lebensgefühl beschreiben?

Grugger: Sehr positiv. Mir taugt es zu lernen. Im Sommer habe ich erst richtig Schwimmen gelernt, davor war ich unterwegs wie eine siebzigjährige Oma. Ich hatte schon Panik, wenn ich mit dem Kopf unter Wasser musste. Inzwischen kraule ich ganz passabel und bin in der Nähe des Limits für das Sportstudium. Das taugt mir total, weil es für mich auch eine Bestätigung ist, dass mein Körper noch lernfähig ist, dass man auch mit einer gewissen Behinderung etwas erreichen kann. Wenn etwas im körperlichen Bereich wieder funktioniert, ist das fast schöner als ein Weltcuprennen zu gewinnen.

Da steht ein Globus aus Puzzlesteinen. Gibt es einen besonderen Flecken bzw. ein Puzzleteil, den Sie bereits näher ins Auge gefasst haben?

Grugger: Ja, das Okavango-Delta in Botswana. Darüber habe ich bereits so viel gelesen, da möchte ich unbedingt einmal hin. Die Flora und Fauna, einfach grandios. Auch Ushuaia an der Südseite der Großen Feuerland-Insel wäre ein Traum.

Das Gespräch führte Max Ischia

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Di, 22.01.2013
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