Scheiber: „Ich werde heuer besser schlafen als letztes Jahr“
Von Alex Gruber
Innsbruck – Nein. Von Angstschweiß auf der Stirn war ebenso wenig zu sehen wie von zittrigen Knien. Florian Scheiber mimte beim gestrigen Spaziergang durch die Innsbrucker Innenstadt die personifizierte Gelassenheit. Die Ruhe vor dem Sturm auf die Streif gründete in mehreren Faktoren: Der Ötztaler kennt die Streif aus Trainingstagen vom Vorjahr, kam 2012 nur deswegen nicht zum Renn- einsatz, weil der Super-G ausfiel und er am Abfahrtstag zeitgleich um seinen Gesamtsieg in der Europacupwertung kämpfen musste. Und Scheiber hat das erste Mal in einer Rennsaison vor dem Klassiker in Kitzbühel alle schweren Abfahrtsrennen (Lake Louise/11., Beaver Creek/4., Gröden/22., Bormio/21. und Wengen/26.) in den Beinen.
„Ich werde sicher besser schlafen als letztes Jahr. Ich kenne die Streif und weiß, wie alles reagiert. Ich bin sehr gut vorbereitet, fühle mich wohl und konnte in diesem Winter unheimlich viel Erfahrung sammeln.“ Sein (Form-)Check hält der Herausforderung Mausefalle, Steilhang, Hausbergkante und Co. stand. Hofft er zumindest. „Natürlich ist Kitzbühel vom Überwindungsgrad die schwierigste Abfahrt und man muss sich sofort auf die Geschwindigkeit einstellen. Die Horrorgeschichten kennt man ja hinlänglich.“
Die mentale Aufbauarbeit begann am gestrigen Abend mit dem nötigen Videostudium, bei dem sich Scheiber neben seinen letztjährigen Trainingsfahrten natürlich auch die Siegerlinie von Didier Cuche (SUI) reinzog – gemeinsam mit Zimmerkollege Max Franz. „Und vor den Rennen in Wengen habe ich mir den Feuz (der verletzte Schweizer gewann letztes Jahr am Lauberhorn, Anm. d. Red.) angesehen.“
Eine Karriere baut man Stein auf Stein, ein Rennen Detail auf Detail. Deswegen kräftigte der leichteste ÖSV-Abfahrer (87 kg) – „alle anderen haben über 90 Kilo“ – gestern noch seinen Rumpf, um die Spannung von Start bis Ziel zu halten. Nach Platz vier in Beaver Creek ist selbst die Chance auf eine WM-Teilnahme noch groß: „In Kitzbühel entscheidet es sich. Wenn mir vor zwei Monaten einer gesagt hätte, dass ich eine Chance auf einen Schladming-Start habe, hätte ich‘s nicht geglaubt. Ich gehe davon aus, dass es für die WM-Abfahrt eine interne Qualifikation geben wird.“
Nach langen Jahren im Wechselspiel zwischen Europa- und Weltcup weiß der Zoll-Vertragsbedienstete, wie schnell man beispielsweise nach einer Verletzung im Nirgendwo landen kann. Und dass auch in Platzierungen um die 20 reichlich Entwicklungspotenzial steckt: „Wenn mir letztes Jahr einer gesagt hätte, dass ich in Wengen 26. werde, hätte ich es auch mit Handkuss genommen. Wenngleich ich diesmal mit meiner Fahrt nicht zufrieden war.“
Die Gegenwart führt heute (11.30 Uhr) im ersten Training nach Kitzbühel: „Ich bin gespannt auf die Piste. Wenn‘s schlagig sein sollte, wird‘s natürlich brutal“, wählt der Sölder Worte, die man vor dem Klassiker jedes Jahr vernimmt. Freundin Sara (24) wird mit Sicherheit um ihren Florian zittern. „Ich bin viel reifer geworden“, beruhigt er die Gemüter und marschiert zu seinem Wagen. Scheiber hat in der Gamsstadt die Hand an der WM-Zündung.



