„Läufer müssen sich bei Nase nehmen“
Das Leben des Hartmann „Harti“ Weirather
Seine Vita: Der Mann aus Wängle feiert übermorgen seinen 55. Geburtstag, zum Feiern wird der Abfahrtsweltcup-Sieger 1981 und Abfahrtsweltmeister 1982 angesichts seiner Verpflichtungen in Kitzbühel kaum kommen. Seit 1997 vermarktet der Tiroler das Event, das sich mittlerweile zur bedeutendsten heimischen Business-Plattform im Winter entwickelte.
Seine Firma: Im Jahr seines Rücktritts (1987 nach anhaltenden Rückenproblemen) gründete der Tiroler mit seiner Gattin Hanni die Sportmarketingagentur WWP (Weirather, Wenzel & Partner), womit er als Pionier im Bereich des professionellen Sportmarketings gilt. Auf zehn Standorte von Abu Dhabi bis Madrid (Real) verzweigte er sein Netzwerk.
Seine Familie: Sport liegt in der Familie – Gattin Hanni Wenzel (56/Liechtenstein) wurde 1980 in Lake Placid Olympiasiegerin im Slalom und im Riesentorlauf. Seine Tochter Tina (23/ebenfalls LIE), zweifache Juniorenweltmeisterin, stand im Ski-Weltcup mittlerweile sechs Mal am Podium; Weirathers Sohn Thomas schwingt auf nationaler Ebene erfolgreich sein Tennisracket.
Inwieweit bereitet Ihnen als Vermarkter der Hahnenkammrennen die WM in Schladming (ab 4. 2., Anm.) Kopfzerbrechen?
Weirather: Gar nicht. Zum einen haben wir langfristige Partnerschaften, zum anderen gab es nur einen Sponsor, der sein Budget in diesem Jahr vornehmlich Richtung Schladming verlagert hat. Kitzbühel steht für sich, ist eine immens starke Marke. Und auch was die Zuschauer betrifft, rechne ich mit keinen Einbußen.
Viele Athleten jammern, dass es immer schwieriger wird, einen Kopfsponsor zu finden. Nur Kitzbühel und Zagreb machen weit mehr als das vom Weltverband FIS festgelegte Mindestpreisgeld von 100.000 Schweizer Franken locker. Ist der Skisport weniger wert als früher?
Weirather: Ich mache diesen Job seit 25 Jahren und es hat sich diesbezüglich rein gar nichts verändert. Es war damals irrsinnig schwierig, Sponsoren zu finden, und es ist auch heute noch so. Die Läufer müssen sich selbst bei der Nase nehmen und sich auch abseits der Piste etwas einfallen lassen. Werner Grissmann hat ein Weltcup-Rennen gewonnen und war dennoch jeden Tag in den Medien, weil er irgendeinen Blödsinn verzapft hat. Oder ein Bode Miller: Der muss nicht gewinnen, weil er als Person begeistert. Oder Lindsey Vonn: Hat sie etwas mit Tiger Woods oder nicht? Das ist ein gefundenes Fressen für die Medien. Sport ist auch Show, und wer das begreift, hat es leichter.
Und doch ist es so, dass sich der große Geldkuchen auf einige wenige verteilt.
Weirather: Sport ist das gnadenloseste Auswahlsystem, das es gibt. Es ist im Skisport so, dass eine Handvoll richtig Kohle verdient. Dann kommt ein Riesenschnitt und dann ist bald einmal fertig. Oder Beispiel Formel 1: Ein Spitzenfahrer verdient 30 Millionen im Jahr, ein Junger muss 30 Millionen mitbringen, damit er überhaupt ein Cockpit bekommt. So ist das Geschäft.
Was verdienen denn die besten Skifahrer?
Weirather: Die ersten fünf haben die Chance, ein paar Millionen zu kassieren, die können sich ein Vermögen aufbauen und ein Leben lang davon zehren. Der Hermann Maier verdient heute noch gutes Geld, weil er sportliche Erfolge und Charisma hat. Früher gab es den einzigen Vorteil, dass es der Ausrüster-Industrie wirtschaftlich besser ging, da konnten auch mittelmäßige Läufer gut verdienen. Doch grundsätzlich sollte nicht das Geld der erste Motivationsfaktor sein. Meine Tochter hatte vier Kreuzbandrisse, ich habe sie nicht nur einmal gefragt, ob sie aufhören möchte. Aber sie ist so mit Herzblut dabei, da geht es keine Sekunde ums Geld. Wer sich hier in Kitzbühel mit Startnummer 50 hinunterwirft, wird nie etwas verdienen. Aber der will diese Herausforderung. Auch wenn er etwas zahlen müsste, würde er das tun. Wer das nur wegen des Geldes tut, hat hier nichts verloren.
... eher in der Fußball-Regionalliga.
Weirather: Leider Gottes ist das richtig. Wenn ein Fußballer dem Ball gerade nachlaufen kann, verdient er richtig gutes Geld – und alleine in Europa sind das Zehntausende Fußballer. Das ist in unserem Sport leider nicht möglich. Mein Sohn spielt Tennis, auch das ist gnadenlos. Du hörst ja nur von den Millionen, welche die Besten kassieren. Bei den Hinteren ist es ein Überlebenskampf.
Hat der Skisport Zukunft?
Weirather: Den Skisport hat man schon so oft tot geredet. Er ist zwar in den letzten zwei Jahrzehnten geschrumpft, aber auf diesem Niveau geht es nicht mehr nach unten, ich sehe eher eine Gegenbewegung. Er wird immer eine konstante Größe bleiben, vor allem, weil es von Ende Dezember bis Ende Februar wenig konkurrierende Sportarten gibt. Dennoch wird der Skisport nie zum Megahype werden. Außer du hast so einen Typen wie Alberto Tomba. Er produzierte höhere Einschaltquoten als Fußball und Formel 1. Bis zu zehn Millionen hatte er alleine in Italien generiert.
Hat der Skisport nicht ein Altersproblem?
Weirather: Ich glaube, viele Skigebiete sind aufgewacht und steuern dem entgegen. Der Preis ist noch zu hoch für eine Familie, aber da werden neue Systeme entwickelt, sodass alles leistbarer wird. Die Kunst wird sein, die Jungen an den Berg zu bringen – dann sind sie ohnehin infiziert von diesem unbezahlbaren Naturerlebnis. Typen wie Marcel Hirscher und Felix Neureuther helfen dabei. Ich seh‘ das bei meinen Kids: Der Hirscher taugt ihnen, weil er sich nicht verbiegen lässt und „geil“ sagt.
In Österreich gibt es seit 2013 neue, strengere Anti-Korruptionsgesetze. Spürt man das als Vermarkter in Kitzbühel?
Weirather: Man merkt es schon, ja. Wir haben ja auch österreichische Sponsoren, aber eigentlich weniger Politiker, dafür ein sehr internationales Publikum. Das hilft uns natürlich. Man darf eines nicht vergessen: Das Engagement eines Sponsors hat einen geschäftlichen Hintergrund. Es gibt ja auch Firmen, die sich selbst intern Regularien auflegen, die strenger sind als die gesetzlichen. Es ist schon klar: Alles ist schwerer und teilweise megakompliziert geworden.
Finden Sie diese Regeln in Ordnung? Oder erachten Sie diese übertrieben?
Weirather: Klar ist, dass der Korruption ein Riegel vorgeschoben werden muss, dass da aufgeräumt gehört. Aber für die Privatwirtschaft muss es möglich sein, Kunden problemlos einzuladen, Produkte zu präsentieren und Veranstaltungen wie diese auch geschäftlich zu nutzen. Weil Kitzbühel eine Bühne bietet, wo man Kunden eben leicht hinbekommt. Darum muss man eben auch Politik und Privatwirtschaft sauber trennen.
Es gibt Bestrebungen, Kitzbühel als Wirtschaftsforum zu etablieren, Stichwort Kitz-Bizz.
Weirather: Das gibt es nach wie vor, nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit am Donnerstag. Wir haben einen Fehler gemacht und gedacht, wir können das mit den normalen Renngästen vermischen. Das geht nicht, die Manager wollen mehr unter sich sein.
Die zweitwichtigste Frage in Kitzbühel: Welche Prominenten kommen heuer?
Weirather: Selbst wenn ich es wüsste, würde ich es nicht sagen. Wenn nämlich einer sagt, dass er kommt, ist er noch lange nicht da.
Wie ist diesbezüglich die Herangehensweise?
Weirather: Wir fragen niemanden mehr, ob er kommen will. Wenn einer kommt, dann gut. Dann wird er nett behandelt, aber nicht überkandidelt.
Und wer muss ich sein, um bei Ihnen anrufen zu können, ehe der Rest von Ihrem Team erledigt wird?
Weirather: Grundsätzlich ist es so, dass wir ein paar Promis haben, die nichts zahlen – das sind die, die bei der Charity mitfahren. Aber sonst muss jeder ein Ticket haben.
Der Herr Schwarzenegger zahlt?
Weirather: Das sind Ausnahmen. Aber wenn du jedem eine Karte gibst, dann hast du irgendwann das Zelt voll, aber keine Karte verkauft.
Das Gespräch führte Max Ischia



