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Klagt AIG seine Retter?

Versicherung AIG zeigt US-Steuerzahler „Stinkefinger“

In den USA herrscht Empörung. Grund ist der Versicherungsgigant AIG, den Washington mit 182 Milliarden Dollar vor dem Bankrott rettete. Jetzt schließt sich der Konzern womöglich einer Investoren-Klage gegen seine eigenen Retter an.

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Washington – In Washington DC herrscht seit einigen Stunden dicke Luft. Finanzminister Timothy Geithner und Nationalbank-Präsident Ben Bernanke seien „außer sich“, heißt es aus der demokratischen Partei des Präsidenten Barack Obama. In der Bevölkerung macht sich ungläubige Wut breit. Und Neil Barofsky, der in der Finanzkrise nach der Lehman-Pleite Verantwortliche für die Wall Street-Rettungsmaßnahmen durch die Regierung, brachte die Stimmung auf den Punkt: „Eine mögliche Klage von AIG wäre ein gigantischer Stinkefinger für den Steuerzahler.“

Dabei ist es nur knapp eine Woche her, seit AIG in der Öffentlichkeit äußerst positiv aufgefallen ist: Landesweit liefen Werbespots des Versicherungsgiganten mit dem Titel „Thank You America - Danke Amerika“. Der Dank galt der Regierung und dem Steuerzahler, die 182 Milliarden Dollar in das Unternehmen pumpten, um es vor dem fast sicheren Bankrott zu retten. „205 Milliarden Dollar zahlte AIG an Amerika“, wurde darin vollmundig verkündet.

Sanierung im Rekordtempo

Und tatsächlich hatte AIG im Rekordtempo von nur vier Jahren die rekordverdächtig hohen zur Verfügung gestellten öffentlichen Gelder wieder zurückbezahlt. Die Rettung der AIG galt als Beispielhaft für gelungene staatliche Intervention, um Schlimmeres für die Weltwirtschaft zu verhindern. Mehr als 22 Milliarden Dollar verdiente die US-Regierung am Deal.

Umso überraschter reagierte die US-Öffentlichkeit auf die AIG-Ankündigung, einer möglichen Teilnahme an einer Klage gegen den Staat. „Die Definition von Dreistigkeit: AIG, gerettet vom Steuerzahler, das nun ein Verfahren erwägt“, stimmte etwa auch David Axelrod, Top-Berater von Barack Obama in den Chor der Empörten ein.

Der Verwaltungsrat des Konzerns wird wohl noch am heutigen Mittwoch darüber beraten und womöglich entscheiden, sich einer von Aktionären angestrengten Schadenersatzklage im Umfang von 25 Mrd. Dollar (19,28 Mrd. Euro) gegen die Regierung anzuschließen. Konkreter Grund sei eine mögliche Benachteiligung von AIG-Aktionären durch die staatliche Rettungsaktion, schrieb die „New York Times“ am Dienstag.

Überzogene Zinsen?

In ihrem Bericht zitierte die Tageszeitung aus einem Gerichtsdokument, in dem die AIG-Führung der US-Justiz zusagte, bis Ende Januar ihre Haltung zu der Sammelklage festzulegen. Der Zeitung zufolge sei schwer abzuschätzen, ob sich der Konzern der Klage anschließe oder nicht.

Die klagenden Aktionäre bestreiten zwar nicht, dass die Rettung auf dem Höhepunkt der Finanzkrise notwendig war. Allerdings halten sie das Ausmaß der Verstaatlichung für überzogen.

Der Regierung gehörten zeitweise bis zu 92 Prozent der Anteile des Versicherers. Zudem werfen die Aktionäre dem Staat vor, mit hohen Zinsen für die Rettungsmilliarden auf ihrem Rücken Geld verdient zu haben.

Die Regierung in Washington hatte im Mai 2011 mit dem allmählichen Ausstieg aus dem Konzern begonnen. Vergangenen Monat veräußerte das Finanzministerium dann die letzten Anteile an AIG.

„Wir meinen es ernst“

Der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Robert H. Benmosche, verteidigte am Dienstag das Vorgehen von AIG. „AIG hat seine Schulden mit Profit zurückbezahlt und wir meinen es ernst, wenn wir uns beim amerikanischen Volk bedanken.“ Dennoch habe der Vorstand keine andere Wahl und sei in erster Linie dem Unternehmen und seinen Anteilseignern rechtlich verpflichtet. „Wir wollen beim Board-Meeting am Mittwoch allen involvierten Parteien zuhören, um die Ansprüche besser zu verstehen. Wir glauben, dass wir in den kommenden Wochen eine Entscheidung treffen können.“ (paco, tt.com, APA)

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