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Arbeitslos

Jugendarbeitslosigkeit: Europas tickende Zeitbombe

Der soziale Friede in Europa ist gefährdet – vor allem in den südlichen Ländern. Die Arbeitslosenrate unter den Jugendlichen steigt immer weiter an. Will die EU eine verlorene Generation verindern, muss sie handeln und den Betroffenen eine Zukunft zu geben.

Von Jan Dörner

Brüssel – Den EU-Politikern ist es anscheinend gelungen, die gefährlichsten Brandherde der Schuldenkrise zu löschen. Doch die sich verziehenden Rauchschwaden machen nun den Blick frei für die Krise hinter der Schuldenkrise: Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg. Besonders bedroht sind junge Menschen, vor allem aus dem Süden Europas. Immer öfter wird vor einer „verlorenen Generation“ und daraus folgenden Gefahren für die politische Stabilität gewarnt.

Perspektivlosigkeit

Im vergangenen Dezember waren in den 27 EU-Ländern 5,7 Millionen Menschen unter 25 Jahren ohne Arbeit, das entspricht Berechnungen der EU-Statistikbehörde Eurostat vom Freitag zufolge im Durchschnitt mehr als 23 Prozent.

Doch während Deutschland mit einer Quote von acht Prozent am besten dasteht, gefolgt von Österreich mit achteinhalb und den Niederlanden mit zehn Prozent, droht den jungen Menschen aus dem Süden Europas die Perspektivlosigkeit: In Griechenland und Spanien hat deutlich mehr als jeder Zweite keinen Job, in Italien und Portugal ist mehr als jeder Dritte arbeitslos.

Deutschland und Österreich könnten von dieser Entwicklung sogar profitieren – die Bundesregierung wirbt im Internet gezielt um junge Fachkräfte aus dem Ausland.

„Im ersten Halbjahr 2012 sind insgesamt 29.900 Personen mehr aus Griechenland, Italien, Portugal und Spanien nach Deutschland zugewandert als von hier dorthin fortzogen“, analysiert der Deutsche-Bank-Experte Dieter Bräuninger. In Deutschland sei der Arbeitsmarkt „nahezu leergefegt“, während die Zahl der Arbeitslosen in den Südländern steige. „In dieser Situation sind die Wanderungen für alle hilfreich.“

Soziale Ausgrenzung

Doch ihre Heimat verlassen wohl nur wenige der Betroffenen. Die „explodierende“ Jugendarbeitslosigkeit „bedroht eine ganze Generation“, fürchtet daher EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy. „Als Folge kehren immer mehr Menschen einfach dem Arbeitsmarkt den Rücken und setzen sich der sozialen Ausgrenzung aus.“

Das gelte bereits für 13 Prozent der 15- bis 24-Jährigen. „Das ist ein menschliches Drama und eine soziale Notsituation.“ Luxemburgs Regierungschef Jean-Claude Juncker warnt davor, „die Tragödie der Massenarbeitslosigkeit und ihre Risiken für den sozialen Frieden zu unterschätzen“.

Die EU muss nun einen Weg finden, den Betroffenen eine Zukunft zu geben - auch aus wirtschaftlichen Gründen. Die Kosten der Jugendarbeitslosigkeit werden der EU-Kommission zufolge auf 150 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt, 1,2 Prozent des EU-Bruttoinlandsprodukts. Die Kommission und das EU-Parlament fordern daher eine „Jobgarantie“: Die EU-Staaten sollen ihren Bürgern unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten irgendeine Form von Beschäftigung garantieren - was aber etwa für Spanien und Griechenland schwierig sein dürfte.

Leere Staatskassen

Auch wenn Deutschland vom Zuzug qualifizierter Arbeitskräfte profitiert, sorgt sich die Bundesregierung ebenfalls um soziale und politische Folgen der Entwicklung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete die Jugendarbeitslosigkeit jüngst als „unsere große Last zur Zeit“ und nannte es die „Hauptaufgabe“ der Politiker, diesen jungen Menschen „Perspektiven aufzuzeigen“.

Auf Pump finanzierte Konjunkturprogramme lehnt Merkel aber angesichts leerer Staatskassen ab. Eher setzt die deutsche Regierung auf gezielte Investitionen etwa mit EU-Mitteln und eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Dazu gehörte in der Krise auch, Arbeitsmarktregelungen flexibler zu machen.

Doch solche Reformen machten „Berufseinsteigern den Weg in eine verlässliche, fair bezahlte und langfristige Arbeitsstelle immer schwerer“, kritisiert die Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Studie. Immer mehr junge Menschen drehten daher „Warteschleifen“ in unbezahlten Praktika, Scheinselbstständigkeit, Schwarzarbeit oder gering bezahlten Jobs unter ihrer Qualifikation. „Und es waren gerade diese Jobs, die Arbeitgeber in der Krise abbauten, beziehungsweise nicht verlängerten.“ Viele junge Europäer erlebten so ein ständiges Hin und Her und hätten das Gefühl: „Das Leben fängt nicht an.“ (AFP/tt.com)

Jan Dörner ist Korrespondent der Agence France-Presse