Archiv

Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 06.02.2013

Ciao Bella: Italien im Sog der Krise

Die Krise ist seit Monaten Dauerthema in Italien. Ihre Auswirkungen ziehen sich quer durch das Leben der Italiener: Tauschmärkte boomen, Universitäten und Kinos werden seltener besucht, Nahrungsmittelverschwendung ist verpönt. Sogar an der Figur unserer Nachbarn hat die Rezession Spuren hinterlassen.

drucken

Lebensmittel wegwerfen ist in Italien neuerdings verpönt. Das neue Credo lautet: Tauschen, sparen, Reste essen. Klingt nach einem typischen Symptom der Wirtschaftskrise. Doch die Krise ist nur ein Grund für die neue italienische Denkweise.

„Ich habe ein Kilogramm Reis als Geschenk bekommen“, schreibt Regine aus Casarile in der Lombardei im Internet. Nun bietet sie es zum Tausch an. Ihre Familie bevorzuge nämlich eine andere Reissorte. Darunter hat Regine Dinge aufgelistet, die sie im Gegenzug gern bekäme: eine Waage, Kinderkleidung, Thunfisch in Dosen, Klopapier, Vollkornnudeln, Nüsse oder Honig. Ob sich dieses Online-Tauschgeschäft rechnet und die Portokosten nicht den Warenwert übersteigen, bleibt dahingestellt.

Nur zum Teil ist die neue Sparsamkeit in Italien eine Antwort auf die Krise. Ein bisschen ist es Sport, ein bisschen Weltanschauung. Wer früher etwas auf sich hielt, warf alte Sachen weg – so zeigte man Wohlstand. Reste im Restaurant mitzunehmen, galt als völlig undenkbar.

Inzwischen ist Sparen hoffähig und gehört bei den Jüngeren zum guten Ton. Es gibt sogar eine Internetseite mit Rezepten zur Verwertung von Essensresten und Tipps, die von der Handelskammer in Turin und der Region Piemont unterstützt wird (www.iononspreco.it). Auch Restaurants nehmen an dem Projekt teil. Eines bietet Kochkurse zur Resteverwertung an. Studien dieses Turiner Projekts zufolge werfe jeder Italiener jährlich 27 Kilo Essen weg – die Initiatoren ziehen hier an einem Strang mit den Vereinten Nationen, die sich ebenfalls gegen die dramatische Verschwendung von vielen Millionen Tonnen Essen wenden.

Allerdings gibt es zu der neuen Bewegung gegen Essensverschwendung auch eine Alternative: Italiener essen einfach weniger und kürzen die Ausgaben für Lebensmittel. Das sei eine direkte Folge der Rezession, die sich positiv auf ihr Körpergewicht auswirkt. Laut einer Studie des Landwirtschaftsverbands Coldiretti sei das Durchschnittsgewicht der Italiener in den vergangenen drei Jahren gesunken – und das erstmals seit 20 Jahren. Die Zahl der Italiener mit Idealgewicht sei folglich in den vergangenen drei Jahren um 2,2 Prozent gestiegen. Trotzdem leiden immer noch 45,8 Prozent der Italiener an Übergewicht.

Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass in manchen Gesellschaftsgruppen das Essen von Resten laut dem Turiner Projekt nach wie vor nicht als „elegant“ angesehen wird. Viele schämten sich, übrig gebliebenes Essen im Restaurant einpacken zu lassen, sagt Gaia Bacin, Mitarbeiterin des Turiner Projekts: „Aber das Bewusstsein ändert sich.“ U.a. eben auch wegen der Auswirkungen der Krise. Doch die beeinträchtigt nicht nur das Essverhalten: Unter dem Druck hoher Spritpreise erlebt neben Car-Sharing auch Radfahren in Italien eine Blüte. Die Zahl der zugelassenen Autos sank nach einem Bericht der Tageszeitung La Repubblica vom Herbst mit gut 1,7 Millionen auf ein Rekordtief. Zugleich wurde dieselbe Zahl an Fahrrädern verkauft – so viele wie kaum je zuvor im nicht gerade radlerfreundlichen Italien.

Dabei könnte man Räder bei unseren südlichen Nachbarn derzeit günstig erwerben. Denn wie in vielen Ländern boomen in Italien Tauschbörsen: Ein gebrauchtes Auto gegen eine Badrenovierung, Kindersachen gegen Esswaren, ein Ferienangebot gegen die Gestaltung einer Webseite. In Zeiten, in denen viele wenig Geld haben, erlebt Tauschhandel eine neue Blüte. Märkte für gebrauchte Kleidung, früher in Italien unüblich, gibt es zumindest in Rom inzwischen einige. Auf dem Land ist Nachbarschaftshilfe wieder angesagt – im Tausch gegen Naturalien. Besitzer von Olivenhainen in der Toskana holen ihre Nachbarn zur Ernte. Dafür bekommt der Helfer einen Teil des gepressten Öls.

Die Menschen haben wieder Zeit für solche Dienste – schließlich sind mehr als elf Prozent arbeitslos. Eine Studie des Gewerkschaftsverbands CISL ergab, dass in vier Jahren Krise 567.000 Jobs verloren gegangen sind und jährlich 500.000 Arbeitnehmer in Kurzarbeit geschickt wurden. Auch die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren ist derzeit besonders hoch – 606.000 von ihnen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren sind auf Jobsuche.

Genauso hakt es in Sachen Bildungsniveau: An den Universitäten ging die Zahl der Immatrikulationen während der letzten zehn Jahre um 50.000 Einheiten zurück. Der Trend hat laut Medien unter dem Druck der Krise der letzten Jahren kräftig zugenommen. „Das ist, als ob eine große Universität verschwunden wäre“, warnte der nationale Universitätsrat CUN in einem neu veröffentlichten Bericht. Auch für die nächsten Jahre sieht er schwarz: Wegen der Krise und der sinkenden Zahl der Stipendien wird die Zahl der Studenten noch mehr schrumpfen.

Bei der vielen ungewollten Freizeit der jungen Menschen überrascht es nicht, dass sich immer mehr von ihnen im Internet tummeln. Manche von ihnen sehen dort illegal Filme an – was sich wiederum negativ auf die Kinos auswirkt: Diese verbuchten einen zehnprozentigen Rückgang bei den Zuschauern und ein achtprozentiges Minus bei den Karteneinnahmen. Doch natürlich wird diese Einbuße nicht nur der Filmpiraterie zugeschrieben, sondern auch der schweren Rezession in Italien. (dpa, APA)

drucken