Neue Projekte - Tiefseebohrungen boomen trotz Ölkatastrophe
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Weltweit treiben Staaten ihre Pläne für Bohrungen am Meeresgrund voran. Die Sicherheitsbestimmungen werden häufig nicht eingehalten. Foto: EPA
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Rio de Janeiro – Das Öldesaster im Golf von Mexiko beherrscht seit zwei Monaten die Schlagzeilen weltweit und hat sich mittlerweile zur größten Umweltkatastrophe in der US-Geschichte entwickelt.
Hunderte Millionen Liter Öl sind ins Meer geflossen, die Strände der Region sind auf einer Länge von mindestens 190 Kilometern verschmutzt. Umweltschützer warnen vor unvergleichbaren Folgen für die Natur.
„Geschenk Gottes“
Dennoch treiben weltweit Staaten ihre Pläne für Bohrungen in immer tieferen Gewässern voran. Verzögerungen bei der Erschließung der Schätze aus der Tiefe sind für aufstrebende Länder wie Brasilien, Nigeria und Angola - in denen das „Schwarze Gold“ als Rückgrat des künftigen Wirtschaftswachstums gilt - undenkbar.
Brasiliens Präsident Lula da Silva etwa hat das vor kurzem entdeckte Ölreservoir vor der Küste als „Geschenk Gottes“ im Kampf gegen die Armut gepriesen. In dem südamerikanischen Land zeichnet sich daher trotz der Ölpest im Golf von Mexiko nur wenig Widerstand gegen die Bohr-Projekte ab.
„Es ist eine Katastrophe, aber ich erwarte nicht, dass sie unsere Pläne ausbremsen wird“, sagt Isaias Massetti, Berater und Experte für Tiefsee-Technik des staatlichen Ölkonzerns Petrobras.
Globale Abhängigkeit wächst
Für die Rohstoffmärkte dürften das gute Nachrichten sein. Denn die globale Abhängigkeit vom Öl aus der Tiefsee wächst. Die weltweite Rohöl-Produktion in einer Tiefe von mehr als 600 Metern unter der Meeresoberfläche hat sich der Beratungsfirma IHS CERA zufolge vom Jahr 2000 bis 2009 auf fünf Millionen Barrel pro Tag (1 Barrel = 159 Liter) mehr als verdreifacht.
Bis 2015 könnte sie sich demnach noch einmal auf zehn Millionen Barrel verdoppeln. Dies entspricht annähernd dem erwarteten Anstieg der weltweiten Ölnachfrage bis 2014, wie aus der im vergangenen Jahr veröffentlichten mittelfristigen Prognose der Internationalen Energieagentur (IEA) hervorgeht.
Wenig politischer Gegenwind
Auch in Industriestaaten wie Australien ist bisher kaum politischer Gegenwind spürbar. „Es bringt nichts, die Branche lahmzulegen und Energiesicherheit, Jobs und Wirtschaft des Landes zu gefährden“, sagt Rohstoffminister Martin Ferguson auf die Frage nach einem Bohrstopp.
Aus einem Feld vor der australischen Küste Australiens sprudelte im vergangenen Jahr drei Monate lang Rohöl, ehe das Leck gestopft werden konnte. Obwohl die Ursache immer noch nicht abschließend geklärt ist, wurden im vergangenen Monat trotz Protesten von Umweltschützern neue Seegebiete zur Erschließung freigegeben.
Das umweltbewusste Norwegen hat zwar neue Tiefsee-Vorhaben vorerst verworfen, bereits laufende Projekte wurden aber nicht gestoppt.
Nigeria setzt auf Offshore-Vorkommen
In Westafrika, einer der ärmsten Regionen der Welt mit zugleich ehrgeizigen Plänen für Tiefsee-Bohrungen, dürfte das Öldesaster im Golf von Mexiko ebenso kaum Folgen haben. Das gilt besonders für Nigeria, wo die Produktion vor allem Offshore gesteigert werden soll. An Land drosseln die Unternehmen ihre Förderung mittlerweile, um Auseinandersetzungen mit örtlichen Gemeinden und Anschlägen von Rebellen zu entgehen.
Nicht viel anders sieht es in Angola aus, wo Reserven in einer Meerestiefe von 2000 Metern angezapft werden sollen. Derzeit erschließt das Land mehr als 30 neue Ölfunde vor der Küste. Mit der Ausbeutung von Vorkommen in extrem tiefen Gewässern soll die Produktion 2011 um 16 Prozent auf 2,2 Millionen Barrel pro Tag steigen.
Katastrophen werden verdrängt
Experten warnen angesichts schwacher staatlicher Strukturen vor einer unzureichenden Überwachung der riskanten Projekte. Selbst den wesentlich besser ausgestatteten US-Behörden gelang es schließlich nicht, die Arbeiten in der Tiefe hinreichend zu kontrollieren.
Gleichzeitig wurde die Gefahr eines Unglücks im Golf von Mexiko nach Recherchen von Reuters heruntergespielt, obwohl nach einer größeren Panne auf einer mexikanischen Ölbohrinsel im Jahr 1979 bereits mehrere Monate lang Rohöl ins Meer geflossen war.
Norwegen setzte seine Öl-Förderung in der Nordsee auch nach der Explosion der Plattform Piper Alpha fort, bei der 167 Arbeiter ums Leben kamen. Und der brasilianische Petrobras-Konzern gehört mittlerweile zu den Branchenführern auf dem Markt für Tiefsee-Bohrungen, obwohl beim Untergang der Plattform P-36 2001 elf Menschen starben.
Besonders aufstrebende Länder sind bereit, die Risiken in Kauf zu nehmen. Das sehen auch Brasilianer so, trotz der Schönheit ihrer Strände. „Klar haben wir Angst - kannst du dir diesen Strand von einer Ölschicht bedeckt vorstellen?“, sagt Miguel Habib, Lehrer für brasilianisches „Fußvolley“, eine Mischung aus Fußball und Beachvolleyball in Rio. „Aber wir brauchen dieses Öl.“ (red, APA/Reuters)
aktualisiert: Di, 15.02.2011 14:48




