Aufruf gegen die Erschließungswut
Deutscher Wintersport
Die Deutsche Sporthochschule Köln (DSHS) erhob anlässlich der Olympia-Bewerbung Münchens das Wintersportverhalten der Deutschen. 15 Mio. fahren Ski, 8,8 Mio. betreiben nordischen Skisport, 4,3 Mio. verfügen über Snowboard-Erfahrung. Dennoch betreiben nur knapp 50 % regelmäßig jedes Jahr Wintersport. 72 % der Wintersportler leben in Haushalten ohne Kinder. Knapp ein Drittel ist älter als 60. DSHS-Professor Ralf Roth ortet ein „massives Nachwuchsproblem“. Für 34 % sind die hohen Preise der Hauptgrund, keinen Wintersport zu betreiben.
Von Beate Troger
Innsbruck – Mit knapp einer halben Milliarde Nächtigungen ist der Tourismus in den Alpenregionen ein riesiger Wirtschaftsfaktor. Doch die Globalisierung mit internationaler Konkurrenz, der Preisdruck mit mangelnder Rentabilität der Branche macht der Branche ebenso zu schaffen wie Strukturprobleme und die Nachwehen der Wirtschaftskrise, wie der Schweizer Tourismsuexperte Hansruedi Müller am Montag im Rahmen der Fachmesse theAlps erläuterte. Der Leiter des Forschungsinstitutes für Freizeit und Tourismus an der Universität Bern sparte aber auch nicht mit Kritik an den touristischen Strukturen im Alpenraum. So ortet Müller einen Stau bei der Umsetzung von Innovationen. Anstelle einzigartiger Attraktionen gebe es „immer mehr vom Gleichen“. Zudem sei die natürliche Attraktivität der Natur in den Alpenregionen durch den Massentourismus und nicht enden wollender Erschließung in Gefahr. „Der Gast fordert Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit“, sagt Müller. Diese Qualitätskriterien werden künftig stärker an Bedeutung gewinnen.
Aufgrund der Globalisierung werde nicht nur die internationale Konkurrenz und der Preisdruck größer, sondern es drohe auch „ein schleichender Verlust der Vielfalt“. Die Alpenregionen müssten dieser Entwicklung selbstbewusst mit ihrer Einzigartigkeit entgegenhalten.
Darüber hinaus sei die Zielgruppe schwieriger zu erfassen, weil sich das Reiseverhalten verändert hat. „Der moderne Gast verreist häufiger, bleibt aber kürzer. Er reist billiger aber exotischer, und er reist vor allem erlebnisorientiert“, erklärt Tourismusforscher Müller. Das Problem sei nicht, dass die Alpen keine Erlebnisse mehr bieten könnten: „Das Attraktionsgefälle zwischen Ferien und Alltag hat sich verringert“, sagt Müller. Authentische Erlebnisse im Urlaub könnten dabei nicht künstlich inszeniert werden. „Das natürliche Umfeld für Erlebnisse zu optimieren, ist eine hohe Kunst“, so Müller, „Dilettantismus ist hier fehl am Platz.“
Der Innsbrucker Altbischof Reinhold Stecher führte aus, dass kein Sport derart viele Werte vermitteln könne wie der Bergsport: „Mut, Ausdauer, Kraft, Verantwortungsgefühl, Selbstbewusstsein.“ Der 89-Jährige fordert aber auch, die Berge für alte Menschen zugänglicher zu machen, „wenn die Trittfestigkeit etwas nachlässt“. Neben der Ästhetik der unberührten Natur brachte Stecher zudem die Spiritualität der Berge als „Vorhof der Seelsorge“ ins Spiel. Was er selbst oft erfahren habe: „Bergsteigen bietet einen edlen Rausch, der keinen Kater hinterlässt.“




