16.04.2012, 19:04  Aktualisiert: 16.04.2012, 22:11 
International

US-Mediziner Jim Yong Kim wird neuer Chef der Weltbank

Der 52-Jährige leitet derzeit noch die US-Elite-Universität Dartmouth. Am 1. Juli wird Kim die Nachfolge von Robert Zoellick als Chef der Weltbank antreten.
Die Weltbank hat den US-Kandidaten Jim Yong Kim zum neuen Präsidenten ernannt.
Foto: EPA

Washington - Der US-Mediziner Jim Yong Kim wird neuer Weltbank-Präsident. Der 52-Jährige werde die Nachfolge von Robert Zoellick antreten, der sein Amt zum Juli nach fünf Jahren abgebe, teilte die internationale Organisation am Montag in Washington mit. Der favorisierte Kim setzte sich mit der Unterstützung der Europäer, Japans und Kanadas gegen die nigerianische Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iweala durch. Auch einige Schwellenländer wie Russland, Mexiko und Südkorea stimmten für den 52-Jährigen.

Anders als bei früheren Wahlen um die Weltbank-Führung war das Votum aber nicht einstimmig. Dritter Kandidat war der frühere kolumbianische Finanzminister José Antonio Ocampo - er hatte aber wenige Tage vor der Wahl aufgegeben.

Kim leitet derzeit die Elite-Universität Dartmouth im Staat New Hampshire. Der gebürtige Südkoreaner ist Mitbegründer der humanitären Einrichtung „Partners in Health“, die sich seit 25 Jahren für die medizinische Behandlung von Armen in der Welt einsetzt. Zudem war der Arzt einst Direktor der Aids- und HIV-Abteilung bei der Weltgesundheitsorganisation WHO. Er war vor gut drei Wochen überraschend von US-Präsident Barack Obama nominiert worden, obwohl er anders als fast alle Vorgänger kein Finanzfachmann ist.

Die Weltbank wird seit ihrer Gründung traditionell von einem Amerikaner geführt, während der Internationale Währungsfonds (IWF) als Schwesterorganisation stets eine europäische Spitze bekommt. Erstmals waren diesmal aber auch Gegenkandidaten zu dem US-Bewerber zugelassen worden. Alle drei waren in der vergangenen Woche interviewt worden. „Ihre Kandidatur bereicherte die Diskussion über die Rolle des Präsidenten und die künftige Ausrichtung der Weltbank“, hieß es in einer Mitteilung des Exekutivrates. Alle drei hätten große Unterstützer mehrerer Mitgliedstaaten gehabt.

Kritiker bemängelten den Auswahlprozess als unfair gegenüber armen und aufstrebenden Ländern. Okonjo-Iweala räumte kurz vor Bekanntgabe der Entscheidung ein, keine Chancen auf das Amt zu haben. Es handle sich um einen Posten, bei dessen Besetzung politisches Gewicht und Einfluss eine Rolle spielen. „Daher kriegen ihn die USA“, zitierte sie die britische Zeitung „The Guardian“ auf ihrer Website.

Zoellick hatte im Februar erklärt, nicht für eine zweite Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Seinen Worten zufolge ist die Weltbank heute „stark, gesund und für neue Herausforderungen gut positioniert“, so dass er sich anderen Aufgaben widmen könne. Er lobte die Wahl seines Nachfolgers: „Jim hat Armut und Verwundbarkeit durch seine beeindruckende Arbeit in Entwicklungsländern aus erster Hand gesehen“, sagte er laut einer Mitteilung.

Die Hauptaufgabe der Weltbank mit 187 Mitgliedsländern und rund 9.000 Mitarbeitern weltweit liegt seit den 1960er Jahren in der Entwicklungshilfe und im Kampf gegen die Armut. Ihre vergebenen Kredite und Bürgschaften belaufen sich auf mehr als 50 Mrd. Dollar (38,2 Mrd. Euro). Ihre Gründung geht auf die Konferenz in Bretton Woods 1944 zurück. Ursprünglich sollte sie nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau fördern und in Zusammenarbeit mit dem IWF stabile Währungen schaffen, wovon auch Deutschland lange profitierte.

Sportskanone mit zwei Doktortiteln

Jim Yong Kim ist ein wahres Multitalent - er hat zwei Doktortitel in Medizin und Anthropologie, gilt nach allem, was aus seinem Umfeld zu hören ist, als Sportskanone und exzellenter Manager. Doch ein Finanzfachmann ist der künftige Chef der Weltbank nicht. Dass US-Präsident Barack Obama den 52-Jährigen dennoch zum neuen Herrn über milliardenschwere Kredite und Bürgschaften für arme Länder ernannte, muss andere Gründe haben. „Jims persönliche Erfahrung und sein jahrelanger Dienst machen ihn zum idealen Kandidaten für den Job“, sagte der Präsident bei der Nominierung.

Der Lebenslauf des Arztes lässt erkennen, was Obama damit meint: Seit rund 25 Jahren setzt sich Kim für die Gesundheitsversorgung der Menschen in armen Ländern ein. Nach seinem Studium an den Eliteunis Brown und Harvard gründete er mit Kollegen die humanitäre Einrichtung „Partners in Health“. In Peru entwickelte er ein Behandlungsprogramm gegen Tuberkulose, das speziell auf Entwicklungsländer zugeschnitten ist, wie es in seiner offiziellen Biografie heißt. Mittlerweile werde es in 40 Ländern angewendet, um die Krankheit zu bekämpfen.

Ähnliche Erfolge feierte er laut dem Weißem Haus auch als Direktor der Aids-Abteilung bei der Weltgesundheitsorganisation, wo er eine Initiative ermöglichte, durch die drei Millionen HIV-Infizierte behandelt worden seien. Das Magazin „Time“ ernannte ihn einst zu einem der „100 einflussreichsten Menschen in der Welt“. Später lehrte Kim als Professor am medizinischen Institut von Harvard, bis er 2009 die Leitung des renommierten Dartmouth College übernahm, wo er sich weiter für die globale Gesundheitsfürsorge einsetzte.

Seine Fokussierung auf Gesundheitsthemen zeigt, welche Vision Kim bei der Weltbank-Führung verfolgen könnte. Kritiker bemängeln daher, dass er der Idee, armen Ländern vor allem durch Konjunkturmaßnahmen zu helfen, skeptisch gegenüberstehe. Diesen Eindruck versuchte er bei einer Vorstellungstour durch acht Länder in zwei Wochen zu mindern. „Ökonomisches Wachstum ist wichtig, um Ressourcen für Investitionen in Gesundheit, Bildung und öffentliche Güter zu schaffen“, sagte er.

Kim wurde 1959 in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul geboren. Seine Eltern wanderten in die USA ein, als er fünf Jahre alt war. Sein Vater war Zahnarzt, seine Mutter hatte einen Doktor in Philosophie. Kim ist verheiratet und hat zwei Kinder. (APA/dpa/Reuters)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mo, 16.04.2012  19:04
aktualisiert: Mo, 16.04.2012  22:11
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