14.05.2012, 15:17  Aktualisiert: 15.05.2012, 14:20 
International

Jamie Dimon: Der „König der Wall Street“ geht in Sack und Asche

Bis vor wenigen Tagen war Jamie Dimon der unumschränkte Herrscher der Wall Street. Damit ist es nach dem Milliardenverlust vorbei. Auf der Hauptversammlung wird er sich bohrende Fragen gefallen lassen müssen.
Jamie Dimon wird den Aktionären einiges erklären müssen.
Foto: Reuters

Von Daniel Schnettler, dpa

New York - Jamie Dimon steht vor seinem wohl schwersten Gang: Am Dienstag (15. Mai) muss er den Aktionären von JPMorgan Chase auf der jährlichen Hauptversammlung erklären, warum eine Handvoll Londoner Händler in wenigen Wochen rund zwei Milliarden Dollar ihres Geldes verzockt haben. Er muss die Aktionäre beruhigen, die an einem einzigen Tag fast ein Zehntel ihres Vermögens durch den Einbruch ihrer Anteilsscheine verloren haben. Und er muss ihnen beibringen, dass nun schärfere Regeln für die ganze Bankbranche drohen.

Seit Tagen schon übt sich Dimon in der Rolle des Büßers. „Wir haben einen schrecklichen, ungeheuerlichen Fehler gemacht. Dafür gibt es eigentlich keine Entschuldigung“, sagte er in einem am Sonntag ausgestrahlten Interview mit dem US-Sender NBC. „Wir wissen, dass wir nachlässig waren, wir wissen, dass wir dumm waren, wir wissen, dass es am Urteilsvermögen mangelte. ... Es hätte niemals passieren dürfen. ... Wir haben uns selbst und unserer Glaubwürdigkeit geschadet.“

Derartige Worte aus dem Mund des mächtigsten Bankers der USA wären früher undenkbar gewesen. In den vergangenen Tagen ist es sein Standardvokabular. Er gibt den Reumütigen. Stocksteif und kerzengerade sitzt Dimon in der bekannten Sendung „Meet the Press“, die Hände zu Beginn über dem Tisch gefaltet. Er weiß, was auf ihn zukommt. Zuerst lächelt er noch, dann wird der Karrierebanker immer ernster.

Moderator David Gregory konfrontiert Dimon damit, dass er Berichte über gigantische Finanzwetten und deren Risiken vor wenigen Wochen noch als „Sturm im Wasserglas“ abgetan hatte. „Ich lag total falsch, als ich das gesagt habe“, räumt Dimon nun vor der amerikanischen Fernsehöffentlichkeit ein. Er habe es damals aber schlicht nicht besser gewusst.

Schadlos durch die Finanzkrise

Ob sich die Aktionäre mit derartigen Entschuldigungen zufrieden geben werden, ist fraglich. Andererseits: Die Anteilseigner konnten sich bislang nicht über Dimon beklagen. Er steuerte JPMorgan Chase fast schadlos durch die Finanzkrise, er überholte die Bank of America als US-Branchenprimus und erzielte im vergangenen Jahr trotz der brodelnden Schuldenkrise in Europa einen Rekordgewinn von 19 Milliarden Dollar.

Dimon selbst wurde für seine Leistung königlich entlohnt. Er kassierte ein Gehalt von 23,1 Million Dollar - kein anderer US-Bankchef verdiente mehr. Die mit Privatkundengeschäft und Investmentbanking breit aufgestellte JPMorgan Chase galt als Vorbild für andere Kreditinstitute, auch für die Deutsche Bank.

Ohne die nun verzockten 2 Milliarden Dollar (1,5 Mrd Euro) wäre Dimon auf der Hauptversammlung im sonnigen Florida wohl ein triumphaler Empfang bereitet worden. „Ich möchte das aber in den richtigen Kontext setzen“, sagt der Bankboss. „Das ist eine dumme Sache, die wir niemals hätten tun sollen, aber wir werden in diesem Quartal immer noch viel Geld verdienen. Es ist nicht so, dass das Unternehmen gefährdet wäre.“

Auch die Ratingagentur Fitch hält die Spekulationsverluste am Ende für „beherrschbar“. Der wahre Schaden der verlorenen Milliarden liegt darin, dass Dimon nun nicht mehr als der wortgewaltige Gegner einer strengeren Bankenregulierung auftreten kann, der er bislang war. Vor allem hatte er sich vehement gegen die „Volcker Rule“ ausgesprochen. Diese aus den Erfahrungen der Finanzkrise heraus geborene Regel besagt, dass Banken nicht mit ihrem eigenen Geld zocken sollen. JPMorgan tat genau das.

Ob er den Regulierern neue Munition geliefert habe, will der Moderator wissen. „Ja, absolut“, sagt Dimon. Und er bekennt offen: Es sei die denkbar schlechteste Zeitpunkt gewesen, einen solchen Fehler zu begehen. Die JPMorgan-Aktionäre spüren es in ihrem Portemonnaie.

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mo, 14.05.2012  15:17
aktualisiert: Di, 15.05.2012  14:20
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