28.01.2012
Tirol

Beethoven im Zimmerer entdecken

Dirigent Christian Gansch fand beim Treffen der Zimmerer in Alpbach den richtigen Ton.

Alpbach – Ob in dem einen oder anderen Zimmerer ein Beethoven steckt, versuchte Dirigent Christian Gansch bei der Bildungswoche der österreichischen Holzbau- und Zimmermeister in Alpbach zu ergründen. Mit Wagner, Bruckner, Beethoven & Co. entführte Topreferent Gansch die Holzbauer in die Welt der großen Sinfonieorchester – übrigens eine Welt, die der Zimmermeister nicht ganz unähnlich ist. Denn der Kunde kauft ein Holzhaus als Ganzes genauso wie der Zuhörer ein Sinfoniekonzert als Gesamtkunstwerk wahrnimmt. „In beiden Welten stehen dahinter Handwerk, Technik und Präzision.“

Musikproduzent Gansch zog noch weitere Parallelen zwischen einem Orchester und den österreichischen Zimmermeistern. So seien Wertschätzung und Motivation für das Orchester genauso wie für den Zimmereibetrieb Garanten für ein Erfolgsmodell. „Wenn das Triangl nicht weiß, warum es reinkommen soll, um einen Ton pro Stunde zu schlagen, wird es unmotiviert bleiben. Sagen Sie ihm, warum es reinkommen soll und der Ton wird ganz anders klingen.“ Gansch rät auch zu mehr Wertschätzung in den Unternehmen. „Ein Orchester besteht eben nicht nur aus der 1. Geige, sondern auch aus der Flöte, dem Cello, dem Triangel. Das ist orchestrales Bewusstsein.“

Den Chef bzw. Dirigenten brauche es in der Musikwelt genauso wie bei den Holzbauern. „Die einzelnen Abteilungen, von den Streichern bis zu den Bläsern, müssen geführt werden, damit alle aufeinander hören und miteinander handeln.“ Nicht zuletzt sei es die Aufgabe des Dirigenten, exzentrische Diven zusammenzuführen, damit Homogenität entsteht. „Wenn die Flöte es nicht schafft, sich 70 Geigern anzupassen, müssen die 70 Streicher ihre Bogenausrichtung ändern. Das nennen wir orchestrale Präzision. Der Kunde zahlt schließlich für Homogenität im Konzertsaal. Auch in Ihren Betrieben gibt es unterschiedliche Verantwortungsbereiche und daher braucht es Führungskräfte, um Homogenität zu erreichen.“

Wie im Berufsleben mache auch im Orchesterboden der Ton die Musik. „Man muss den Mitarbeitern ihre Solostellen lassen. Sonst gehen die Talentierten weg und die Mitläufer bleiben übrig. Gansch rät den Zimmermeistern auch zu mehr Bauchgefühl und Seele. „Finden Sie den Tonfall, der zu Ihnen passt, haben Sie eigene Ideen, entwickeln Sie Ihr eigenes Erfolgsmodell, dann sind Sie ein echter Beethoven.“

In Tirol gibt es 180 Zimmermeisterbetriebe. (TT)

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 28.01.2012
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