Großes Kino in Barcelona
Massenhaft Déjà-vus sind garantiert. Und noch mehr bekannte Gesichter fallen einem kinoerfahrenen Barcelona-Besucher bei einem Stadtbummel ein. Denn Pedro Almodóvar, Daniel Brühl, Penélope Cruz, Dustin Hoffman und Woody Allen haben alle schon Filme in Barcelona gedreht. Jean-Baptiste Grenouille jagte etwa das Mirabellenmädchen durch einige Gassen und Javier Bardem traf in der Stadt die schöne Scarlett Johansson zum ersten Mal.
Auf thematischen Stadtführungen kann man die beliebtesten Drehorte nun kennen lernen – und die eine oder andere Anekdote zu den Dreharbeiten in der spanischen Mittelmeermetropole hören. „Ich möchte Sie heute auf eine ganz besondere Stadtführung einladen“, hebt Reiseführerin Cristina Belenguer an.
„Regisseure haben häufig einen guten Blick für schöne, interessante, aber nicht immer unbedingt offensichtliche Dinge“, erklärt die 27-jährige Katalanin. „Deshalb wollen wir heute Barcelona mal ganz neu kennen lernen, und zwar anhand der beliebtesten Drehorte großer Filmemacher.“
In Barcelona finden sich von der Romanik über die Gotik bis zur Postmoderne einfach alle wichtigen Architekturstile, die sich ein Regisseur nur wünschen kann, sagt Belenguer. Deshalb werden in Barcelona jährlich bis zu 100 Kinofilme, Fernsehserien und Werbespots gedreht. Der Startpunkt der Tour, die Kolumbusstatue, diente Pedro Almodóvar in seinem Film „Alles über meine Mutter“ ebenfalls als erste Kulisse. Über den Passeig de Colom geht es zu Fuß zur nahen Plaça del Duc de Medinaceli. In der Mitte sprudelt ein Neptunbrunnen. Der niedliche Platz ist umgeben von prachtvollen, aber heruntergekommenen Häuserfassaden.
Belenguer holt die Fotos der Filmszene aus „Alles über meine Mutter“ heraus. „Erinnern Sie sich an diese Szene? Hier trifft Penélope Cruz als ehemalige Nonne zum ersten Mal ihren an Alzheimer erkrankten Vater, der mit seinem Hund über den Platz spazieren geht.“
Belenguer führt ihre Gruppe weiter durch eine enge Altstadtgasse zur Plaça de la Mercè. „Können Sie sich vorstellen, wie es hier gestunken haben muss, als auf dem riesigen Platz rund zwei Tonnen stinkender Fisch auf dem Boden verteilt wurden?“, fragt sie in die Runde. Der Übeltäter war Starregisseur Tom Tykwer, Anlass war die Verfilmung des Bestsellers „Das Parfum“.
Tykwer brauchte den Fisch, um die Plaça de la Mercè glaubhaft in einen stinkenden mittelalterlichen Markt umzuwandeln, die Geburtsstätte des Geruchgenies und späteren Frauenmörders Jean-Baptiste Grenouille. Wer genau hinschaut, erkennt die Kirchenwände im Film wieder und sieht, dass einige der modernen Fassaden mit ihren Elektrokabeln verdeckt wurden. Fast alle Stadtszenen aus „Das Parfum“ wurden in Barcelona gedreht. Tykwer musste die Plätze, verwinkelten Gassen und arkadengesäumten Alleen kaum verändern, um das Paris und das Grasse des 18. Jahrhunderts nachzustellen.
Über die schöne Plaça del Rei, die im Mittelalter als Arena für Stierkämpfe und Hexenverbrennungen diente, führt Belenguer ihre Gruppe zu einem Laden, den man alleine niemals finden würde. Die Herboristeria del Rei, das älteste Reformhaus der Stadt, stellte in „Das Parfum“ das Geschäft des Parfümeurs Baldini dar.
Über die Carrer de Ferran und die Carrer del Bisbe geht es weiter bis zur Plaça de Sant Felip Neri. Es ist der gleiche Weg, den auch Jean-Baptiste Grenouille auf der Suche nach dem Mirabellenmädchen nimmt, bevor er es tötet. Auf den Fotos der Filmszenen lässt sich alles genau wiedererkennen. Den meisten Barcelona-Touristen bleibt der Platz unbekannt, doch auch Woody Allen schätzte ihn als Schauplatz. Hier ließ er in seiner Komödie „Vicky Cristina Barcelona“ Penélope Cruz und Scarlett Johansson auf der Terrasse des Platzes einen Café con leche trinken.
Nicht weit von hier befindet sich das traditionelle Lokal „Quatre Gats“, in dem Allen erstmals Javier Bardem auf Scarlett Johansson treffen lässt. Das „Quatre Gats“ hat eine besondere Ausstrahlung, jahrzehntelang trafen sich hier Barcelonas Künstler, Poeten und Intellektuelle.
Auch Pablo Picasso war Stammkunde, seine ersten Bilder befestigte er hier mit Heftzwecken an der Wand. Doch Barcelona ist natürlich nicht nur das Barrio Gótico, das gotische Altstadtviertel. Allen und Almodóvar schätzten die fantasievollen Architektur-Kunstwerke Antoni Gaudís wie seine Casa Milà, die Sagrada-Familia-Kirche, das Wahrzeichen der Stadt, oder den Parc Güell als Drehplätze, Tom Tykwer inszenierte im Museumsdorf Poble Espanyol auf dem Stadtberg Montjuïc die große Schlussszene: die Hinrichtung des Mörders, die zur Massenekstase gerät.
„Viele Drehorte waren uns schon bekannt, aber wir kannten die interessanten Anekdoten der Filmdrehs nicht“, sagen Neus Callis und Xavier Planas. „Andere Gebäude oder Straßen haben wir in unserem ganzen Leben noch nicht gesehen oder es war uns zumindest nicht bewusst, wie schön sie eigentlich sind. Dabei kommen wir aus Barcelona.“ (APA, dpa)





