Ötzi erst Monate nach Tod am Gletscher bestattet
Rom/Bozen – Der Steinzeitjäger „Ötzi“ starb im Tal, seine mumifizierte Leiche wurde erst Monate nach seinem Tod an die spätere Fundstelle im Südtiroler Teil der Ötztaler Alpen gebracht. Diese Hypothese stellte Wissenschafter Alessandro Vanzetti (Universität Rom) nach fünfjähriger Recherche auf, berichtete die Tageszeitung „Die Presse“ in ihrer Donnerstagausgabe.
Vanzetti verwies unter anderem auf die bisherige Theorie, dass Ötzi vor 5.300 Jahren nach einer gewaltsamen Auseinandersetzung auf den Berg geflüchtet und dort gestorben sei. Dem widerspreche die 2007 in der Leiche entdeckte Pfeilspitze. Außerdem sei eine Hand halb zerschnitten, vielleicht bei der Abwehr eines Messers. Zudem habe Ötzi einen Schlag auf den Kopf bekommen, oder er sei nach der Pfeilverletzung gestürzt.
Der Wissenschafter zeigte sich überzeugt, dass all das nicht am Similaungletscher passiert sei: „Der Eismann wurde auf niederer Seehöhe in einem Streit getötet, die Leiche wurde eingelagert, sie mumifizierte; Monate später wurde sie auf den Pass gebracht, dort bestattet und mit Grabbeigaben versehen.“
Das soll auch erklären, warum manche von Ötzis Waffen nicht gebrauchsfähig waren, sein Bogen und zwölf der 14 Pfeile seien nur halb fertig gewesen. Das könnte auch erklären, warum man überhaupt so viele Dinge bei der Mumie gefunden hat - wertvolle Dinge, ein Sieger im Kampf hätte sie wohl mitgenommen -, und warum nicht mehr der ganze Pfeil in seiner Schulter war, sondern nur die Spitze. Und das könnte zu den merkwürdigen Pollen in Ötzi und um ihn herum passen: Analysen seines letzten Mahls hätten gezeigt, dass er es vermutlich im April zu sich genommen habe, aber die Pollen an der Fundstätte deuteten auf August/September. Da war der Schnee weg, da konnte man hinauf, im April nicht.
Das ergibt laut Vanzetti das Szenario, dass Ötzi im April irgendwo im Tal starb, nicht bestattet werden konnte und vorläufig in einen kühlen Raum kam - so hielt man es in Tirol vom 16. bis ins 20. Jahrhundert -, dort mumifizierte er. Man sehe es ihm an, der Steinzeitjäger sei an der Luft ausgetrocknet und sei nicht im Schnee begraben gewesen. Als der in den Bergen getaut war, sei er hinauf gebracht, auf eine Steinplattform bzw. eine Grasmatte gebettet worden - dies sei das, was man bisher als Umhang gedeutet habe. Dann sei der Schnee gekommen, dann taute es, wieder und wieder, er und seine Gegenstände seien verfrachtet worden, Ötzi um fünf Meter, kleinere Dinge weiter, nur sein Rucksack sei auf dem Stein geblieben.
Warum an so ein Szenario bisher nicht gedacht worden sei, erklärte Vanzetti mit der „Pompeji-Prämisse“: Archäologen würden leicht der Versuchung erliegen, Funde für exakte Konservierungen zu halten.
2011 ist es 20 Jahre her, dass „Ötzi“ durch Zufall im Südtiroler Teil der Ötztaler Alpen entdeckt wurde. Aufbewahrt wird der Fund mittlerweile in einer Spezialkühlzelle des Bozner Archäologiemuseums. (APA)





