07.09.2010, 12:39  Aktualisiert: 07.09.2010, 13:22 
Literatur

Kampusch-Biografie - Zitate aus dem achteinhalbjährigen Martyrium

Auf 282 Seiten schildert Natascha Kampusch ihre achteinhalb Jahre dauernde Gefangenschaft.
Natascha Kampusch präsentiert ihre Autobiografie am Donnerstag. Bereits jetzt sorgt sie für viel Gesprächsstoff. Foto: dpa
Foto: dpa/Marcus Brandt
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Wien - In zehn Kapiteln mit Titeln wie „Lebendig begraben“ und „Zwischen Wahn und heiler Welt“ schildert Natascha Kampusch auf 284 Seiten ihre achteinhalb Jahre dauernde Gefangenschaft im Haus ihres Peinigers Wolfgang Priklopil im niederösterreichischen Strasshof. Folgend einige Zitate aus ihrer offiziell am Donnerstag erscheinenden Autobiografie:

Über das Kidnapping:

„Alles geschah mit einer einzigen Bewegung, als wäre die Szene choreographiert worden, als hätten wir sie gemeinsam einstudiert. Eine Choreographie des Schreckens.“

Über die ersten Kontakte zu Priklopil in der Gefangenschaft:

„Er sah mich dabei an, wie ein stolzer Besitzer seine neue Katze betrachtet - oder schlimmer: wie ein Kind ein neues Spielzeug. Voller Vorfreude und gleichzeitig unsicher, was man damit alles anstellen kann.“

Über ihren Peiniger:

„Im einen Moment schien er mir den Zwangsaufenthalt in seinem Keller so angenehm wie möglich gestalten zu wollen. Im nächsten Moment sah er in mir - dem kleinen Mädchen, das keine Kraft hatte, keine Waffen und schon gar keinen Peilsender - einen Feind, der ihm nach dem Leben trachtete.“

„Sein Gesicht war sanft und verhieß auf den ersten Blick nichts Böses. Erst wenn man ihn länger beobachtete, bemerkte man den Anflug von Wahnsinn, der hinter der spießigen, bürgerlichen Fassade lauerte.“

„Gegen Ende meiner Gefangenschaft war er wohl am ehrlichsten: ‚Ich wollte immer schon eine Sklavin.‘“

„Er wollte einen Menschen, für den er selbst der wichtigste Mensch auf der Welt war. Er scheint keinen anderen Weg gesehen zu haben, als ein schüchternes, zehnjähriges Kind zu entführen und es so lange von der Außenwelt abzuschneiden, bis es psychisch so weit war, dass er es neu ‚erschaffen‘ konnte.“

„Diese Gesellschaft braucht Täter wie Wolfgang Priklopil, um dem Bösen, das in ihr wohnt, ein Gesicht zu geben und es von sich selbst abzuspalten. Sie benötigt die Bilder von Kellerverliesen, um nicht auf die vielen Wohnungen und Vorgärten sehen zu müssen, in denen die Gewalt ihr spießiges, bürgerliches Antlitz zeigt. Der Täter muss eine Bestie sein, damit man selbst auf der guten Seite stehen bleiben kann.“

„Priklopil wirkte immer so groß, ein übermächtiger Schatten, verzerrt von der Glühbirne im Vorraum - wie ein Kerkermeister in einem Horrorfilm.“

Über das Kellerverlies:

„Ich fühlte mich wie lebendig konserviert in einem unterirdischen Tresor.“

Über Anhaltspunkte für Komplizen Priklopils:

„Die Angst vor den angeblich ‚wahren Empfängern‘ ließ den Mann, der vorgab, mich in ihrem Auftrag entführt zu haben, als fürsorgliche, freundliche Stütze erscheinen: (...)“

„Wahrscheinlich hatte er sich die Hintermänner nur ausgedacht, um mich einzuschüchtern.“

„Dennoch weiß ich bis heute nicht sicher, ob Priklopil - wie er am Anfang immer behauptete - mich im Auftrag anderer gekidnappt oder ob er allein gehandelt hatte.“

„Während meiner Gefangenschaft sprach allerdings, von den anfänglichen Andeutungen Priklopils abgesehen, nichts für Mittäter.“

Über Einschüchterungen und Gewalt durch Priklopil:

„‘Wenn du schreist, dann muss ich dir etwas antun. Alle Ausgänge und Fenster sind mit Sprengfallen gesichert. Wenn du ein Fenster öffnest, jagst du dich selbst in die Luft.‘“

„‘Wenn du schreist, bringe ich dich um. Wenn du rennst, bringe ich dich um. Ich töte jeden, der dich hört oder sieht, wenn du so dumm bist, auf dich aufmerksam zu machen.‘“

„Als ich ein anderes Mal zu langsam auf eine seiner Anweisungen reagierte, warf er ein Stanleymesser gezielt nach mir. Die scharfe Klinge, mit der man Teppichböden wie ein Stück Butter zerschneiden kann, bohrte sich in mein Knie und blieb stecken.“

„Ich verließ meinen Körper, wenn der Täter ihn traktierte, und sah von weitem zu, wie das zwölfjährige Mädchen am Boden lag und mit Tritten bearbeitet wurde.“

Über Erniedrigungen in der Gefangenschaft:

„Ich muss ein erbärmliches Bild abgegeben haben. Meine Rippen standen weit hervor, meine Glieder waren von blauen Flecken übersät, meine Wangen eingefallen. Der Mann, der mir das angetan hatte, fand offenbar Gefallen an diesem Anblick. Denn er zwang mich von nun an, im Haus halbnackt zu arbeiten. Meist trug ich eine Kappe und eine Unterhose.“

„Ich habe ihn kein einziges Mal in all den Jahren, in denen er es vehement von mir forderte, ‚Gebieter‘ genannt. Ich habe nie vor ihm gekniet.“

„Er hat das ein paar Mal gemacht - mich nackt vor die Haustüre gestoßen und gesagt: ‚Lauf doch. Schau doch, wie weit du kommst.‘ Mit jedem Mal wurde die Welt draußen bedrohlicher.“

„Ich musste fragen, wenn ich aufstehen oder mich setzen wollte, bevor ich den Kopf drehte oder die Hand ausstreckte.“

Über sexuelle Übergriffe:

„Der Täter war in vielerlei Hinsicht eine Bestie und grausamer, als man es sich überhaupt ausmalen kann - doch in dieser war er es nicht. Natürlich setzte er mich auch kleinen sexuellen Übergriffen aus, sie wurden Teil der täglichen Drangsalierungen, wie die Knüffe, die Fausthiebe, die Tritte im Vorbeigehen gegen das Schienbein. Doch wenn er mich in den Nächten, die ich oben verbringen musste, an sich fesselte, ging es nicht um Sex. Der Mann, der mich schlug, in den Keller sperrte und hungern ließ, wollte kuscheln.“

Über die Gefangenschaft im Haus:

„Ich fühlte mich oben im Haus wie in einem Aquarium.“

Vor der Flucht:

„Der Fisch springt nicht über den Glasrand, dort lauert nur der Tod.“

Nach der Flucht:

„Ich hatte eine Bombe gezündet. Die Zündschnur brannte, und es gab keine Möglichkeit, sie zu löschen. Ich hatte das Leben gewählt. Für den Täter blieb nur der Tod.“

Über Kritik an der Öffentlichkeit:

„Schleichend schlug die Anteilnahme in Missgunst und Neid um - und manchmal sogar in offenen Hass.“

Kritik an den Behörden:

„Ich bekam den Eindruck, dass sie es mir in gewisser Weise übelnahmen, dass ich mich selbst befreit hatte.“

„Rückblickend wundert es mich, dass man mich damals nicht direkt an einen ruhigen Ort brachte und mit den Vernehmungen zumindest einen Tag wartete.“

Über das Leben nach der Flucht:

„Die Gefangenschaft wird mich mein Leben lang beschäftigen, aber ich habe langsam das Gefühl, dass ich davon nicht mehr bestimmt werde.“

„Erst jetzt kann ich mit diesen Zeilen einen Schlussstrich ziehen und wirklich sagen: Ich bin frei.“ (APA)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Di, 07.09.2010  12:39
aktualisiert: Di, 07.09.2010  13:22
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