08.03.2011, 18:04  Aktualisiert: 09.03.2011, 12:43 
Interview

Murnberger: „Nazis kennt man aus der eigenen Verwandtschaft“

Regisseur Wolfgang Murnberger spricht im Interview über seinen neuen Film „Mein bester Feind“, Tragik und Komik im Leben Nazis, die man kennt.
Regisseur Wolfgang Murnberger am Set der Tragikomödie „Mein bester Feind“, die ab Freitag im Innsbrucker Leokino zu sehen ist.Fotos: Dorfilm/Petro Domenigg
Foto: Filmladen/Petro Domenigg FILMSTI

Von Köksal Baltaci

Innsbruck – Wien in den Dreißigerjahren. Seit Kindestagen ist Victor Kaufmann (Moritz Bleibtreu), der Sohn wohlhabender jüdischer Galeriebesitzer (Udo Samel und Marthe Keller), mit Rudi Smekal (Georg Friedrich) befreundet. Victors Freundin, die attraktive und lebenslustige Lena (Ursula Strauss), macht ein unzertrennliches Trio komplett, das gemeinsam durch dick und dünn geht.

Der Schock ist groß, als Rudi nach dem Anschluss in SS-Uniform auftaucht. Die Familie Kaufmann kommt – gegen Rudis Willen – ins KZ. Jahre später wollen die Nazi-Größen in Berlin eine beschlagnahmte Michelangelo-Zeichnung aus dem Besitz der Kaufmanns dem italienischen Duce zum Geschenk machen. Doch das Bild ist gefälscht. Der echte Michelangelo muss her.

Rudi bekommt den Befehl, Victor aus dem KZ zum Verhör nach Berlin zu holen. Das Flugzeug wird aber von Partisanen abgeschossen und Victor bringt es nicht übers Herz, den verletzten Rudi einfach liegen zu lassen. Er schleift ihn in eine Hütte und bietet ihm an, mit ihm seine KZ-Kleidung zu teilen.

Einer in der Hose, einer in der Jacke, so haben sie beide bei den polnischen Partisanen nichts zu befürchten. Während Rudi die KZ-Jacke anzieht, hört Victor die vermeintlichen Partisanen deutsch sprechen. Geistesgegenwärtig schlüpft er in Rudis Uniform und präsentiert den deutschen Soldaten, die in die Hütte poltern, den heftig protestierenden Rudi als seinen Gefangenen.

Der jüdische Gefangene wird zum SS-Mann und der Sturmbannführer zum KZ-Häftling. Ein Spiel mit vertauschten Rollen. Und ein Spiel um Leben und Tod, bei dem sich Lena entscheiden muss, auf wessen Seite sie steht.

Regisseur Wolfgang Murnberger („Der Knochenmann“, „Silentium“, „Komm, süßer Tod“) erzählt in „Mein bester Feind“ (Kinostart: 11. März) eine spannende und dramatische Geschichte über Freundschaft, Liebe und Verrat.

Murnberger im Interview:

Welchem Genre gehört „Mein bester Feind“ Ihrer Meinung nach an?

Wolfgang Murnberger: Tragikomödie, hätte ich gesagt.

Halten Sie es für berechtigt, dass immer noch darüber diskutiert wird, ob es in Ordnung ist, einem solchen Thema auch komödiantische Elemente abzugewinnen?

Murnberger: Diese Frage habe ich mir zu Anfang nicht gestellt. Das Drehbuch etwa, das ich ursprünglich bekommen habe, war noch lustiger gedacht, als der Film schließlich geworden ist. Ich wollte weder einen rein tragischen Film wie „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg noch einen auf einigen Versatzbaustücken der Geschichte basierenden Italowestern wie „Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino machen. Was die Komik angeht, wollte ich nicht, dass sie gespielt wird, sondern sich aus der Situation ergibt, in der sich die Charaktere befinden. Wenn das Drehbuch nicht von einem Juden stammen würde, wäre dieser Drahtseilakt wahrscheinlich noch schwieriger geworden. Ich habe beispielsweise mit vielen Juden gesprochen, die es satt hatten, sich selbst in Filmen, die in dieser Zeit spielen, immer nur als abgemagerte Opfer hinter Stacheldrahtzäunen zu sehen. Damit verschreckt man ja auch das Publikum, das nach jedem Film, der dieses Thema behandelt, tief betroffen den Kinosaal verlässt. Warum soll nicht mal der Jude der Held sein, der die Nazis an der Nase herumführt?

Wie kamen Sie eigentlich zu diesem Film?

Murnberger: Das Drehbuch von Paul Hengge wanderte jahrelang von Produktionsfirma zu Produktionsfirma, aber in Deutschland wie in Österreich konnte man weder eine Drehfassung des Buches noch eine Finanzierung auf die Beine stellen bzw. Hengge fing sogar damit an, das Drehbuch zu einem Roman umzuschreiben, mit dem Titel „Wie es Victor Kaufmann gelang, Adolf Hitler doch noch zu überleben“, der mittlerweile auf dem Markt ist. Bis es schließlich Josef Aichholzer gelang, den Film auszufinanzieren – der Roman war zu diesem Zeitpunkt fast fertig und Moritz Bleibtreu stand als Darsteller fest. Erst dann wurde er mir angeboten.

Als Sie das Drehbuch gelesen haben, hatten Sie sicher konkrete Bilder vom fertigen Film im Kopf. Sind Sie jetzt – nach Dreh und Schnitt – auch mit dem Ergebnis zufrieden?

Murnberger: Grundsätzlich bin ich das nie, aber das muss man natürlich relativieren. Wenn ich daran denke, von welcher Drehbuchfassung wir ausgegangen sind und welche finanziellen Mittel mir zur Verfügung standen, bin ich sehr glücklich. Wir mussten eine derart komplexe Geschichte erzählen, dass es unrealistisch wäre, einen „naturalistischen“ Film machen zu wollen. Gewisse Verknappungen in der Handlungsführung, Überhöhungen in der Figurenzeichnung und eben ein paar Kompromisse bezüglich „Naturalismus“ waren unvermeidbar.

Welche zum Beispiel?

Murnberger: Manche fanden Ursula Strauss’ Rolle nicht ganz nachvollziehbar, ihre Rolle sei in der ganzen Geschichte zu kurz gekommen. Oder wunderten sich darüber, warum Moritz Bleibtreu im KZ nicht viel dünner geworden ist. Moritz wäre bereit gewesen, zehn Kilo abzunehmen. Aber dafür hätten wir den Dreh mindestens vier Wochen lang unterbrechen müssen und zwischen 500.000 und 1 Millionen Euro mehr benötigt. Das war natürlich ausgeschlossen. In Deutschland etwa konnte kaum einer glauben, dass wir für diesen Film nur 3,8 Millionen Euro zur Verfügung hatten. Zum Vergleich: der Fernsehzweiteiler „Hindenburg“ kostete zwölf Millionen Euro. Diese Umstände sollte man schon beachten, wenn man Filme miteinander vergleicht. Was mich besonders freut ist, dass wir „Mein bester Feind“ bereits nach Israel, Amerika und England verkauft haben. Und dass die wärmsten Gratulationen von Juden kamen, die sich endlich mal in anderen Rollen sehen konnten als in der typischen Opferposition.

Man warf Ihnen auch vor, der Film könne sich nicht zwischen tragischen und komödiantischen Elementen entscheiden…

Murnberger: Diesen Vorwurf kann ich überhaupt nicht verstehen. Denn so ist das nun mal im Leben. Wer kann schon von sich sagen, dass sein ganzes Leben lustig oder traurig war? Warum lebt man so gern, trotz der tragischen Ereignisse? Komik und Tragik liegen eben so nah beieinander wie in meinem Film.

Moritz Bleibtreu sagte mal, dass ihn negative Kritik selten verletze. Er finde immer irgendeine positive Kritik, die er sich aneigne und die ihm dann genüge. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Murnberger: Ich wurde bisher ja sehr verwöhnt, was Kritiken angeht. Soweit ich weiß, gibt es über den „Knochenmann“ keine einzige negative Kritik. Falls Sie eine kennen, zeigen Sie sie mir bitte, es interessiert mich. Bei diesem Film hingegen gab es schnell auch negative Kritiken wie den Vorwurf, den Sie erwähnt haben. Oder Dinge wie Moritz Bleibtreus Gewicht im KZ, die sich wie gesagt aus dem Budget ergeben haben. Aber ich war von Anfang an darauf gefasst, dass der Film polarisieren würde und bin gespannt darauf, welche Diskussionen er noch lostreten wird.

Wie kam es, dass Sie sich für Georg Friedrich als zweiten Hauptdarsteller entschieden haben?

Murnberger: Nachdem Moritz Bleibtreu ja bereits feststand, haben wir nur drei Leute gecastet, denen ich diese Rolle zugetraut habe. Und schon bald hat sich Friedrich als Rudi Smekal herauskristallisiert. Er spielt so herrlich österreichisch, den ganzen Film über. Man kennt ja Nazis aus der eigenen Verwandtschaft und weiß, dass sie sich zwar einer falschen Ideologie hingaben, aber durchaus nicht dumm waren und komplexe Persönlichkeiten aufwiesen. Friedrich hat den etwas naiven Sohn einer Putzfrau, der seine Zeit gekommen sieht, perfekt verkörpert. Und Moritz Bleibtreu den Lebemann und Angeber, der er als Spross reicher Eltern eben war, auch.

Hat der Film Ihrer Meinung nach eher das Zeug zu einem Festival- oder zu einem Publikumshit?

Murnberger: Also ich habe ihn für das Publikum gemacht. Habe versucht, das Drehbuch konventionell im positiven Sinn und publikumstauglich umzusetzen. Auf Festivals könnte er wegen seiner Thematik funktionieren. Über die Frage also, ob man so einen Film machen darf. Das wird auch der Grund gewesen sein, warum wir in Berlin eingeladen waren.

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Di, 08.03.2011  18:04
aktualisiert: Mi, 09.03.2011  12:43
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