Ein Überzeugungstäter aus Timisoara
Zur Person
Geboren am 18. 7. 1935 in Timisoara, Rumänien, als Sohn eines jüdischen Fabrikanten. Maschinenbaustudium, 1956 als politischen Gründen vom Studium ausgeschlossen. Seit 1959 in Wien, Gesangsstudium (Bariton) am Konservatorium, ab 1966 Bühnenagent; 1982 Generalsekretär der Wr. Staats- und der Volksoper; 1992–2010 Direktor der Staatsoper. Weltweit gefragt als Juror, Berater und Lehrender in Sachen Klassik.
Sie haben in Innsbruck für ServusTV ein Porträt über Brigitte Fassbaender gedreht. Aus welcher Perspektive?
Ioan Holender: Sie ist eine ausgesprochen erfolgreiche Theaterleiterin und außergewöhnliche Frau – die einzige, die in der Oper eine Weltkarriere und danach eine zweite Karriere als Theaterleiterin und Regisseurin gemacht hat.
Bereitet es Ihnen Freude, die Kulturszene nicht mehr vom Schreibtisch des Operndirektors, sondern durch die Fernsehkamera zu betrachten?
Holender: „kulTOUR mit Holender“ ist keine kritische Sendung für Insider. Aber ich bin unendlich froh darüber, dass ich mit den so genannten Insidern, den Wiener Kulturkritikern, nichts mehr zu tun habe.
Warum?
Holender: Ich bin sehr für sachliche Verrisse. Aber ich muss mich jetzt nicht mehr über Leute ärgern, die aus reiner Subjektivität und Unkenntnis heraus Dinge zu Papier bringen.
Sie haben den Schritt, der Frau Fassbaender mit Saisonende bevorsteht, schon 2010 vollzogen. Haben Sie einen Rat für Ihre Kollegin?
Holender: Den braucht sie nicht, sie ist klug und gelassen genug. Ich ging nach 19 Jahren, Fassbaender geht nach 13, ihr ist so klar wie mir, dass das kein Grund für Trauer ist. Egal, wie man seine Arbeit gemacht hat, es soll niemals zu lange ein Geschmack ein ganzes Haus prägen.
Sagt der längstdienende Staatsoperndirektor aller Zeiten!
Holender: Das war eine Ausnahmesituation. Ich kann jedenfalls mit Freude zurück und mit Optimismus in die Zukunft schauen ... (stutzt und lacht): Das klingt jetzt wie ein kommunistisches Manifest, oder?
Tja, Sie sind eben auch in der Pension ein Held der Arbeit!
Holender (immer noch lachend): Ja genau!
Muss Ihres Erachtens ein Theaterleiter heute andere Qualifikationen mitbringen als Sie 1992?
Holender: Das Wichtigste war und ist, zu tun, woran man glaubt. Man muss nach seiner Überzeugung handeln und nicht nach Kalkül. Und man darf eines nicht vergessen: Die Menschen zahlen zweimal. Einmal in Form von Steuerleistungen und dann noch einmal, indem sie Karten kaufen. Mir war immer sehr bewusst, dass ich mit fremdem Geld wirtschafte.
Sie kamen mit Sänger- und Agentenerfahrung an die Oper, kannten das Geschäft also auch von zwei anderen Seiten.
Holender: Die paar Jahre als Sänger am Stadttheater Klagenfurt haben mir sicher viel geholfen. Helmut Wlasak hätte mich übrigens fast einmal nach Innsbruck engagiert. Ich hab’ sehr gehofft, hier zu landen, aber dann hat er Paul Neuner genommen.
Warum haben Sie das Singen aufgegeben?
Holender: Ich hätte als Sänger existieren können, für eine Weltkarriere war meine Stimme aber weder groß noch schön genug.
Tut Ihnen das leid?
Holender: Nicht unbedingt. Was ich heute sage, wusste ich schon damals. Und es kommt dazu, dass die Stimme als Instrument vollkommen von der körperlichen und psychischen Disposition abhängt. Das war einer der Hauptgründe, warum ich zu singen aufgehört habe.
Wie waren Sie überhaupt auf das Singen gekommen? Ursprünglich haben Sie ja Maschinenbau studiert.
Holender: Weil ich versucht hatte, mir in meinem Land eine Existenz aufzubauen und nach dem Krieg Techniker gefragt waren. Das Theater war aber immer meine persönliche Leidenschaft. Und als ich 1959 als gescheiterte Existenz nach Wien kam, hat’s mich, wie Qualtinger sagte, unters Theater gebracht.
Sie haben in Ihrem Leben mehrmals ganz unten neu angefangen. Was zeichnet Sie gegenüber jemandem aus, der liegen bleibt, statt immer wieder aufzustehen?
Holender: Die meisten Menschen sind nicht entscheidungsfreudig, wollen sich nicht exponieren, haben keine Meinungen.
Sie haben welche?
Holender: Und immer gehabt. Und ich kann Menschen motivieren.
Was muss ein Operndirektor den Künstlern sein – Vorgesetzter, Verbündeter, Blitzableiter für den Irrsinn?
Holender: Alles! Ein Sonderfall ist Brigitte Fassbaender, die auch Pädagogin ist – und noch dazu eine Agentin ohne Provision, weil sie die Leute weitervermittelt.
Sie ist groß darin, Stimmen zu erkennen.
Holender: Das kann fast jeder – vor allem die schlechten! Was fast niemand kann, ist Entwicklungspotenzial zu sehen. Man irrt sich auch, aber was bleibt, sind die Entdeckungen, die man gemacht hat.
Haben Sie mehr Irrtümer begangen oder mehr richtig gemacht?
Holender: Ich habe nicht darüber Buch geführt, aber ich kann mich auch an alle Irrtümer gut erinnern.
Was war der Kern Ihrer persönlichen Beziehung zu den Künstlerinnen und Künstlern?
Holender: Ich habe ein Leben lang versucht, ihnen zu ermöglichen, das Beste zu geben, das sie haben. Das gilt für Regisseure, Dirigenten und Sänger. Und man muss unterschiedliche Interessen so bündeln, dass das Bestmögliche dabei herauskommt. Bühnenarbeiter ist ein elender Beruf, schlecht bezahlt, mit Nachtarbeit und langen Wartezeiten. Aber auch der Bühnenarbeiter soll mit Hingabe arbeiten und stolz darauf sein, Mitglied der Staatsoper zu sein. Daher muss man ihm vermitteln, dass er wichtig ist.
Was er ja ist – spätestens in dem Moment, in dem etwas schiefgeht.
Holender: Richtig. Ich habe mich für alles zuständig gefühlt. Das war ein Problem – aber eines, das andere mit mir hatten.
Ihr Weg vom politisch unliebsamen Studenten bis zum Ehrenbürger Ihrer Heimatstadt Timisoara und dem Vorsitz der Kulturhauptstadt-Bewerbung 2020 war ein langer.
Holender: Mir kommt der Weg gar nicht so weit vor, aber das war er wohl ... lang und unverhofft. Es hat sich eben so ergeben und man kann sagen, dass sich der Kreis geschlossen hat.
Sie sind unter wechselnden, aber immer prekären politischen Umständen aufgewachsen.
Holender: Ich war ein Mensch mit einer „ungesunden Abstammung“.
Und die Fabrik Ihres Vaters wurde nach dem Weltkrieg enteignet.
Holender: Ich kenne die schrecklichen Seiten diktatorischer Regimes, auch die Diktatur des Proletariats ist eine Diktatur. Dennoch habe ich lange Zeit daran geglaubt und die Fehler, die gemacht wurden, nicht für Systemfehler, sondern für Schwächen in der Ausführung gehalten. Nach dem Faschismus, als die Welt zwischen dem kapitalistischen Westen und der Sowjetunion aufgeteilt war, schien mir der Sozialismus bzw. der Kommunismus mit 16, 17 Jahren als brauchbare Alternative.
Darüber müsste man ja zumindest auf philosophischer Ebene auch heute diskutieren können. Wie es mittlerweile ausschaut, ist der Kapitalismus auch ziemlich dramatisch gescheitert.
Holender: Das ist richtig. Als gelernter Marxist wundere ich mich nicht darüber, dass sich der Kapitalismus zu einem Imperialismus entwickelt hat und immer weniger immer mehr besitzen. Aber man muss weder etwas können, noch lesen, um zu sehen, dass das keine Zukunft hat, immer weiter über seine Verhältnisse zu leben. Dass darüber hinaus – speziell in Österreich – eine tiefe politische Korruption herrscht, macht die Sache nur noch schwieriger.
Sie haben verschiedene politische Systeme durchlitten. Fühlen Sie sich in der österreichischen Ausprägung von Demokratie trotz aller Kritik wohl?
Holender: Ich fühle mich nicht unwohl und wüsste auch nicht, in welchem Land ich mich wohler fühlen würde. Aber ich bin ein sehr bewusst lebender politischer Mensch. Was soll ich sagen? Dass ich dankbar dafür bin, dass ich in Österreich bleiben durfte?
Sind Sie es denn?
Holender: Ja. Nein. Eigentlich bin ich vor allem erstaunt darüber, dass ich so weit gekommen und heute noch gefragt bin.
Das ist Koketterie!
Holender: Keineswegs, ich staune wirklich. Und es freut mich.
Demnächst steht wieder der Opernball an. Werden Sie dort sein?
Holender: Nein. Warum sollte ich?
Sie haben sich in Scharmützeln mit diversen Ballorganisatorinnen einen legendären Ruf als Rüpel erarbeitet. Hat Ihnen das Spaß gemacht?
Holender: Aber woher. Ich hatte keine Scharmützel, schon gar nicht mit Elisabeth Gürtler, die ich absolut in Ordnung fand. Ich bin auch kein Rüpel, ich hab’s nur nicht gern, wenn ich etwas drei Mal sagen muss und es dann immer noch nicht so funktioniert, wie ich es will. Man hat viel zu tun, man steht unter Druck, und jeder, der kommt, glaubt von sich, er sei der Wichtigste. Ich habe keine Sympathie für Menschen, die sich wichtiger machen, als sie sind.
Und wie wichtig etwas oder jemand wirklich ist, beurteilen Sie?
Holender: Ich habe großen Respekt vor vielen Menschen, es gibt sogar einige, die ich bewundere – aber sehr viele eben nicht. Und wenn du dich Moden und Trends verweigerst, bleibst du auch modern.
Was ringt Ihnen Respekt ab?
Holender: Leistung! Außerdem Können und Wissen, fast mehr Wissen als Können. Und entscheidungsfreudige Menschen, die nicht populistisch sind, sondern ein paar Zentimeter weiter als nur auf den Boden vor sich schauen.
Sie haben zu Beginn unseres Gespräches gemeint, man müsse tun, woran man glaube. Woran glauben Sie?
Holender: Dass sich Qualität in allen Lebensbereichen lohnt.
Im materiellen Sinn?
Holender: In dem Sinn, dass man den Weg zum Gipfel konsequent gehen muss – unter Anstrengungen und Schmerzen, man muss schwitzen und leiden. Dann ist man schneller und sicherer unterwegs und bleibt länger oben, als wenn man mit unlauteren Mitteln arbeitet.
Dass es mit ehrlicher Arbeit schneller geht, bezweifle ich.
Holender: Darüber könnte man philosophieren! Aber schauen Sie mich an: Ich komme aus Timisoara und war der längstamtierende Staatsoperndirektor. Dazu fällt mir ein Witz ein: Kommt ein Mann zum Rabbi und sagt: „Rabbi, ich will heiraten, soll ich meiner zukünftigen Frau alles sagen, alle Fehltritte und dunklen Flecken in meinem Leben?“ Der Rabbi: „Unbedingt, du musst ihr alles beichten.“ „Also gut“, sagt der Mann. „Ich wurde in Rumänien geboren ...“ Darauf der Rabbi: „Äh, das würde ich weglassen!“





