05.02.2012
Reise

Wenn das Domizil das Urlaubsziel ist

Jahreszeit? Land? – Manchen Urlaubern ist das egal, aber die Architektur des Domizils muss stimmen. 200 Ziele – vom alten Boot bis zum hippen Haus – empfiehlt ein Architekt im Internet. Auch Tiroler Objekte sind dabei.

Von Elke Ruß

Eigene Erfahrungen mit miesen Quartieren und Freunde, die für ihre liebevoll gestalteten Ferienhäuser in Dänemark auch die passenden Gäste suchten: Das inspirierte den Hannoveraner Architekten Jan Hamer (42) zu der Homepage www.urlaubsarchitektur.de. Das junge Portal stellt inzwischen jede Woche ein neues Objekt vor und findet Fans, die ihren Urlaub gänzlich danach ausrichten, wann ein Wunschhaus frei ist.

Seit wann gibt es die Homepage und wie viele Zugriffe verzeichnet Sie?

Jan Hamer: Wir haben 2007 begonnen und sind selbst überrascht vom Ergebnis. Es war nie ein Businessplan dahinter. Irgendwie hat das seine Leser gefunden. Wir haben am Tag zwischen 1000 und in Spitzenzeiten 5000 Besucher.

Manchen Urlaubern ist das Essen wichtiger als das Zimmer. Auch eine schleißige Matratze kann viel kaputtmachen. Aber wie erklären Sie sich das Phänomen, dass das Quartier sogar mehr Bedeutung hat als das Land, in dem es steht, oder die Jahreszeit?

Hamer: Es gibt viele Leute, die etwas suchen, das in sich stimmig ist. Der Alltag ist so turbulent, da will man im Urlaub eine schöne Umgebung. Von den Hausbesitzern hören wir oft, dass die Gäste ganz viel unternehmen wollten, dann aber viel im Haus und im Garten waren. Das sind Augenmenschen, die eine schöne Umgebung zu schätzen wissen.

Was sind für Sie die wichtigsten Kriterien, die gute Architektur erfüllen muss?

Hamer: Wichtig ist ein durchgehendes Konzept. Das kann eine moderne Interpretation einer klassischen Bauform sein oder ein soziales Thema, etwa wie man da zusammenlebt, oder die Frage: Was lässt sich aus einem alten Haus machen? Das kann modern und komfortabel sein, muss aber ehrlich bleiben, Charakter haben. Im Alpenraum läuft z. B. eine Welle von Stadelumbauten.

Was muss das Urlaubsquartier im Vergleich zur eigenen Wohnung können? Zählt der Kontrast oder das Gefühl: Hier könnte ich auch dauerhaft wohnen?

Hamer: Möglich ist beides. Was vielleicht dazukommt: Viele dieser Ferienhäuser sind sehr privat, man ist wie bei Freunden zu Gast. Generell sind mir die Checklisten der Tourismusverbände nicht wichtig, etwa, ob da eine Tür zwischen Wohnraum und Küche ist. Wenn das Haus schön ist, würde ich es auch ohne Internet und mit Ofenheizung nehmen. Manches ist auch nur zu einer gewissen Jahreszeit nutzbar.

Einige Quartiere sind recht skurril, wie ein ehemaliges Rettungsboot, ein Leuchtturm oder ein Hafenkran.

Hamer: Es gibt auch Baumhäuser, demnächst kommt ein ausgebautes Auto dazu. Skurril ist okay, wenn es gut ist. Spannend finde ich Objekte, bei denen man zunächst denkt: Da kann man nichts draus machen, und dann wird es tolle Urlaubsarchitektur.

Sie beklagen speziell, dass die Küchengestaltung oft übel ist. Manchmal hat man den Eindruck, dass etwas nur wegen eines Kriterienkataloges da sein muss, die Nutzung aber absichtlich vereitelt wird, z. B. wenn der Wannenstöpsel fehlt, damit man kein Vollbad nehmen kann.

Hamer: Ja, man kriegt manchmal den Eindruck, dass Vermieter gar nicht wollen, dass ihre Gäste z. B. die Küche benutzen. In unseren Häusern sind manchmal sogar Lebensmittel da. Ein anderer Punkt sind schlechte Leselampen bzw. ein fehlendes Beleuchtungskonzept. Da hat man sich nicht damit auseinandergesetzt, was die Leute in dem Haus tun.

Müssen die Objekte auf Ihrer Homepage für diese Werbung zahlen?

Hamer: Jahrelang war dies kostenlos, das geht jetzt nicht mehr. Wir listen ein gewähltes Haus ein halbes Jahr umsonst, dann entscheiden die Besitzer, ob sie weitermachen. Je nach Größe zahlen sie einen Jahresbeitrag von 240 bis 580 Euro. Manche steigen aus, weil sie ohnehin auf Jahre ausgebucht sind.

Wer bestimmt, was gelistet wird? Sie sagen ja, dass Sie nicht mehr alles per­sön­lich anschauen können.

Hamer: Es gibt Tipps von Lesern. Immer mehr Häuser bewerben sich jetzt selbst. Wir lassen uns Konzept und Pläne schicken, manche haben Auszeichnungen. Im Wesentlichen entscheide ich. Im Zweifel hole ich andere Urteile ein. Die Leser können auch Kommentare abgeben. Negative sind extrem selten, in der ganzen Zeit hatten wir keine Probleme – außer halt einen Gast, der in Marokko eine Heizung erwartet hat.

Top-Neueinsteiger beim Publikum war 2011 die Naturresidence „Dahoam“ bei Meran. Es sind auch Objekte in Nord- und Osttirol, u. a. die ASI-Lounge, dabei. Gibt es eine Gemeinsamkeit, die die Tiroler Projekte auszeichnet?

Hamer: Dafür sind es zu wenige. Aber es ist ein Gegenhalten gegen den folkloristischen Stil. Da wird geschaut: Wie kann ich in den Bergen modern bauen, wie haben lokale Handwerker immer gebaut? Diese Häuser sind gar nicht teuer gebaut.

Sie sagen, man sollte mindestens drei Argumente finden, warum man ein Quartier buchen will. Region und Preis gelten aber nicht. Was zählt für Sie?

Hamer: Das Apartmenthaus Aradira in Kappl hat z. B. tolle Materialien, ein tolles Wohnkonzept mit Rückzugsräumen und gemeinsamen Bereichen, es ist auch eine Verbindung zur Sauna dran. Es ist gut überlegt und sehr funktional – das macht Spaß.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 05.02.2012
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