Erfolg steigt mit den Zentimetern
Von Judith Sam
Welche Gemeinsamkeit teilen 88 Prozent der US-Präsidenten und 90 Prozent der ** der 500 umsatzstärksten Unternehmen der Welt? Naheliegend wäre die Antwort, sie seien besonders entschlossen, führungsstark, gebildet oder herausragend ehrgeizig. Das mag alles stimmen. Der Münchner Volkswirt Fabian Spanhel weiß jedoch, was diese Führungspersönlichkeiten noch verbindet: „Sie alle sind überdurchschnittlich groß.“
Spanhel befasste sich intensiv mit dem Zusammenhang von Erfolg und Körpergröße: Er untersuchte den deutschen Mikrozensus, wo nach Zufalls- prinzip deutsche Haushalte befragt wurden, um einen repräsentativen Schnitt an Daten für die gesamte Nation zu erstellen. „So war erstmals möglich, die Entwicklung der Lohndiskrepanz zwischen Arbeitnehmern festzuhalten“, schildert er.
Seine Ergebnisse besagen eindeutig, dass größere Leute mehr verdienen. Demnach erzielen Männer mit einer Körpergröße von 192 Zentimetern einen um 26,7 Prozent höheren Nettostundenlohn als 30 Zentimeter kleinere. Promovierte Männer seien um 4,16 Zentimeter größer als Männer, die eine Lehre machen und Wissenschafterinnen in der Regel um 2,44 Zentimeter größer als Frauen, die als Hilfsarbeitskräfte tätig sind.
Spanhel versuchte im Rahmen dieser Untersuchung auch die Ursache der unterschiedlichen Bezahlung zu ergründen: „Zahlreiche Studien besagen, dass gar nicht unbedingt die aktuelle Größe eines Menschen ausschlaggebend ist.“
Zwar sei ein Großteil der erfolgreichen Menschen im Kindes- wie Erwachsenenalter größer als der Durchschnitt, doch die eigentliche Ursache für Erfolg liege in der Größe, die ein Mensch als Teenager hat. Spanhel begründet diese These mit zwei Argumenten: „Größere, männliche Jugendliche nehmen öfter an außerschulischen Aktivitäten teil, was Kompetenzen wie Führungsstärke und Teamarbeit schult.“ Die zweite Theorie besagt, dass große Jugendliche aus besseren sozialen Verhältnissen stammen. Sie werden mehr gefördert, haben weitreichenderen sozialen Zugang und erhalten bessere Lebensmittel. Daher wachsen sie mehr, haben Zugang zu besserer Bildung und kennen gewichtigere soziale Kontakte.
Dem stimmt auch Klaus Kapelari zu, der Kinderarzt der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Innsbruck ist zuständig für die Wachstumsambulanz. Er befasst sich hauptberuflich mit dem Phänomen Größe: „Im Teenageralter, der psychologisch sensibelsten Phase des Lebens, machen ein paar Zentimeter viel aus. Mich suchen immer wieder Kinder auf, die gehänselt werden, weil sie kleiner sind, und sich darum sogar aus sozialen Veranstaltungen gänzlich zurückziehen“, stimmt der Arzt Spanhels Thesen zu.
Er muss wissen, wovon er spricht, denn mehr als 1000 Kinder, die sich für zu klein oder groß halten, suchen den Arzt in der Wachstumsambulanz jährlich auf. Kapelari findet die hohe Zahl erschreckend: „Der Großteil der Überweisungen, die ein Hausarzt für Kinder ausstellt, betrifft die vermeintlich unpassende Körpergröße.“ Dabei leiden nur drei von 10.000 Kindern wirklich an hormonell bedingtem Kleinwuchs.
Im Endeffekt liege es immer am Menschen und dessen sozialem Umfeld, wie man seine Körpergröße wahrnimmt und wie glücklich man damit ist. „Sehr oft kommen Kinder zu mir, die zufrieden mit ihrem Erscheinungsbild sind, doch deren Eltern nicht“, schildert er seine täglichen Erfahrungen. Andere Patienten seien durch die Medien stark beeinflusst: „Man würde sich wundern, wie viele schöne Mädchen todunglücklich um Wachstumsstopps bitten, weil sie größer werden als 1,78 Meter.“ In Fernsehformaten wie Modelcasting-Serien wird jeden Abend erklärt, wie die optimalen Maße auszusehen hätten. „Liegen die Kinder und Jugendlichen außerhalb der Norm, sind sie oft grundlos unzufrieden“, prangert Kapelari diese Tendenz an.
Wer mit der Größe unzufrieden ist, könne dagegen oft gar nichts unternehmen: „Die Zentimeteranzahl, die man wächst, ist größtenteils genetisch bestimmt. Die familiär vorgegebene Endgröße kann durch eine Hormontherapie nicht ohne Weiteres nach oben verbessert werden.“
Größenveränderung bei gesunden Kindern ginge nur, wenn die Dosis an Wachstumshormonen drastisch erhöht würde, was man in Innsbruck aufgrund von möglichen Nebenwirkungen allerdings nicht praktiziert. Ob die Nebenwirkungen, die Kapelari nennt, in einer Relation zu den zu erzielenden Zentimetern liegen, ist fraglich: „Junge Mädchen erhalten die vier- bis achtfache Menge an Hormonen, die eine reife Frau täglich produziert. Für Mädchen besteht die Gefahr von Gewichtszunahme, Thrombosen, unpassender Gewichtsverteilung oder psychischen Problemen.“ Außerdem würde die Pubertät weit nach vorne verlagert. Bei Jungen könnten sich Herzmuskelverdickungen oder Leberstörungen entwickeln. Erhöhte Tumorrisiken bestünden bei beiden Geschlechtern.
Außerdem gibt Kapelari zu bedenken, dass sich eine Wachstumsbehandlung im Idealfall über zwölf Jahre hinzieht und täglich eine Injektion erfordert: „Wenn ein Kind unter fünf Jahren jeden Tag eine Spritze bekommt, steht das psychische Trauma, das daraus resultieren kann, in keiner Relation zu den paar Zentimetern, die man zusätzlich erlangen kann.“





