04.02.2012
Gesundheit

Tirols Kältepol ist eine Kammer

Jammern über minus 20 Grad? Kein Thema, wenn man sich drei Minuten lang minus 110 Grad ausgesetzt hat. Ein Besuch in einer Kältekammer in Seefeld, wo niedrigste Temperaturen positive Auswirkungen haben.

Von Irene Rapp

Seefeld – Normalerweise hätte ich mir schon die vierte Bekleidungsschicht übergestreift. Wäre einmal mehr zum Gespött der Freunde geworden, die auf niedrige Temperaturen gelassen reagieren, während neben ihnen bereits das fleischgewordene Michelin-Männchen steht. Doch jetzt müssten sie mich sehen. Von vier Bekleidungsschichten keine Spur. Nur im Bikini, mit Wollmütze, Socken und Winterschuhen sowie Mundschutz steht die Kälteempfindliche da. Und wartet – ein wenig nervös – auf den Eintritt in den eisigsten Ort im AlpenMedHotel Lamm in Seefeld.

„Unsere Kältekammer besteht aus drei Räumen: Im ersten herrschen minus 10 Grad Celsius, im zweiten minus 60, im dritten minus 110 Grad“, erzählt Sabine Scherl, medizinische Masseurin. Minus 10 Grad? Kein Problem, bei der Ankunft in Seefeld Freitagfrüh hat es nämlich minus 15 Grad. Minus 60 Grad? Schwer vorstellbar. Minus 110 Grad? Unvorstellbar – genau gesagt schießt eine Frage in ein noch warmes Gehirn: Gibt es zwischen minus 60 und minus 110 Grad überhaupt einen fühlbaren Unterschied?

Die Antwort darauf folgt sofort. Scherl gibt das Startkommando, dann tauche ich ein in die erste Kammer. Nach wenigen Sekunden geht es in die zweite, auch hier ist der Aufenthalt kurz. Schnell alles hinter mich bringen, lautet die Devise. „Zwischen 30 Sekunden und 3 Minuten sollte man in der dritten Kammer bleiben“, hat Scherl vorher erzählt. Und nach 30 Sekunden ertönt schon aus dem Lautsprecher ihre Stimme mit einem aufmunterndem „Bravo!“. Den Rest höre ich gar nicht mehr, ebensowenig wie die Musik, die aus dem Lautsprecher ertönt. Denn langsam beginnt die Mutation zur steifen Holzpuppe Pinocchio.

Die minus 110 Grad machen sich mit jeder Runde mehr bemerkbar. Die Haut kribbelt, die Knochen scheinen steif zu werden. Durch den Mundschutz entweicht der Atem- dampf. Wo es mir überall am Körper eine Gänsehaut aufgezogen hat, will ich gar nicht wissen. Und hatte ich mir vorher eingebläut, nur ja nicht zu viel an die eisige Kälte zu denken, so bestimmt mich jetzt mantraartig nur ein Satz. „Ist das kalt, ist das kalt.“

Sabine Scherl hat zwar nicht an der Uhr gedreht, doch irgendwann sind die drei Minuten vorbei. Mit steifen Gelenken wanke ich zurück in die zweite Kammer, wo es regelrecht angenehm ist, dann in die erste und endlich zurück ins Paradies. „Ist das kalt“, entkommt es mir noch ein letztes Mal, bevor ein Bademantel für Wärme sorgt.

„Wie fühlen Sie sich?“, fragt nach einer Erholungspause Hannes Seyrling, Chef des AlpenMedHotels Lamm. 2007 wurde im Rahmen des Ausbaus der medizinischen Abteilung die Kühlkammer errichtet, bis vor Kurzem war man weltweit das einzige Hotel mit einem derartigen Angebot.

„Kälte wirkt entzündungshemmend, schmerzbefreiend, außerdem werden Glücksgefühle ausgeschüttet“, weiß Seyrling von der so genannten Kryotherapie zu berichten. In sein eisiges Reich würden nach ärztlicher Abklärung aber nicht nur Schmerzpatienten mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen, Personen mit Schlafstörungen oder Neurodermitis sowie Burnout-Betroffene eintauchen. Auch Sportler – wie die Mitglieder des FC Wacker – suchen hier regenerierende bzw. leistungssteigernde Effekte. In allen Fällen sei allerdings ein mehrmaliger Aufenthalt in der Kältekammer erforderlich.

Während ich Seyrling zuhöre, fängt meine Haut angenehm zu kribbeln an. Offensichtlich setzt die Durchblutung wieder ein. „Das mit der Kälte spielt sich ja vor allem im Kopf ab“, meint der Hotel-Chef. Die meisten Menschen seien nämlich auf Wärme „gepolt“, Kälte würde als unangenehm empfunden. Viele müssten sich daher erst einmal psychisch an die Eises­temperaturen in der Kältekammer herantasten. „Manche halten die minus 110 Grad gleich beim ersten Mal drei Minuten lang aus, manche brauchen dazu mehrere Anläufe“, sagt Seyrling.

Und dann gibt es noch jene, die es unbedingt wissen wollen. Der FC-Wacker-Spieler Inaki Bea hat es demnach einmal 7:15 Minuten im kältesten Hotelraum ausgehalten. Ein Urlaubsgast wollte diese Marke übertrumpfen und brachte es auf 7:50 Minuten. Eisige Duelle gäbe es mitunter sogar bei Paaren. „Da halten es die Frauen allerdings länger aus“, erzählt Seyrling. So viel zur Sache mit dem Kopf. Alle drei, vier Wochen muss übrigens die Kältekammer – die wie ein Kühlschrank mit Kompressoren kühl gehalten wird – abgetaut werden. Dann ist 12 Stunden lang die kälteste Stelle im Hotel Lamm woanders zu suchen. Bei der Autofahrt zurück nach Innsbruck leuchtet die Außentemperatur mit minus 14 Grad auf. Lachhaft!

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 04.02.2012
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