RS statt PS: Mit einer Rentierstärke unterwegs
Von Thomas Krämer /SRT
Salla – „Hallo Jokke.“ Doch Jokke hebt nicht einmal den Kopf, von einer irgendwie geröhrten Antwort ganz zu schweigen. Nun gut, das wäre vielleicht auch zu viel erwartet. Jokke ist ein Rentier. Ein stattliches Männchen mit prächtigem Geweih, neun Jahre alt und damit „im besten Rentieralter“, wie Oupi sagt. Der Finne könnte Modell stehen für eine Waldläufer-Geschichte. Er trägt Lederjacke und Lederhose, am Gürtel ein Messer, den Kopf mit einer Pelzmütze gegen den eisigen Winter Lapplands geschützt, dazu ein zufriedenes, ausgeglichenes Lächeln. „Ich fühle mich wohl hier draußen“, sagt der ehemalige Waldarbeiter, der nun mit Touristen in den Wald fährt und nicht mehr mit dem Vollernter.
Wir sind eine kleine Gruppe, die mit den Rentierschlitten hinausgleiten wird in die Wälder rund um Salla, einem kleinen Ort in Nordfinnland, gelegen in prächtiger Landschaft ganz in der Nähe der russischen Grenze. Der Himmel ist blau, ganz selten wird die wärmende Spätwintersonne von kleinen, weißen Wolkenfetzen verdeckt, die im leichten Wind über den Himmel segeln. Ich fange in meinem Thermoanzug an zu schwitzen, als ich dem Rentier zaghaft das Halfter anlege. So ganz vertraut bin ich mit Jokke noch nicht, und auf die Spitzen der Geweihe müsse man immer aufpassen, hatte Oupi gesagt. Jokke erweist sich aber als gutmütig. Er bewegt sich auch nicht von der Stelle, als das Gestänge eingeklinkt wird, das zum Schlitten führt. Los geht‘s!
Das Tier liebt es gemütlich, folgt willig dem Schlitten des Wildnisführers. Den Tieren kann man sogar die Richtung angeben. „Wenn du die rechte Hand rausstreckst, dann läuft das Rentier nach links, und umgekehrt“, erklärt Oupi die Kunst, Rentierschlitten zu steuern.
So gleiten wir über sanft geneigte Hügel, über gefrorene Moore und schneebedeckte Seen, passieren verkrüppelte Kiefern und langsam in die Höhe gewachsene Fichten. Zu hören ist nichts außer dem leisen, beruhigenden Schleifen der Kufen im Schnee. Der am Abend zuvor frisch gefallene Schnee ist längst von den Zweigen getropft.
In einem Rentiergehege setzen wir uns in den Schnee, genießen die Wintersonne und schauen den Tieren beim Fressen zu. Sie waren die Lebensgrundlage für die Sami, ihr Perpetuum mobile, das Fleisch und Stoff für Kleidung und Zelte lieferte. Noch heute leben 200.000 Rentiere nördlich einer gedachten Linie Oulu – Kuhmo, der Rentiergrenze. 56 Rentierzüchter-Kooperativen gibt es in Finnland. Im Herbst wird etwa die Hälfte des Bestandes geschlachtet, der im darauf folgenden Frühjahr, wenn die Jungtiere zur Welt gekommen sind, auf 300.000 Exemplare anwächst, wie Oupi sagt. Die rund 7000 Rentierzüchter können die Tiere anhand der Ohrmarken unterscheiden. In Salla leben auf einer Fläche von 5000 Quadratkilometern ungefähr 5000 Menschen und 10.000 Rentiere. „Wir sollten weiterfahren“, sagt Oupi und schließt das Gatter. Jokke lässt bei einer Abfahrt die Hufe fliegen, Schnee staubt nach hinten und mir ins Gesicht. Es geht also auch schneller, wenn das Tier will.
Noch rund eine Stunde sind wir unterwegs, dann tauchen einige Holzhütten zwischen den Bäumen auf. „Unser Wildniscamp“, sagt Oupi und parkt seinen Schlitten vor einem der Häuschen. Ich klinke Jokke aus seinem Geschirr, führe ihn zu einem Baum und binde ihn dort an. Gierig stürzt er sich auf das Futter, das ich vor sein Maul halte. Dann legt sich der zuverlässige Geselle in den Schnee und blickt umher. Die Holzhütten stehen auf einem Hügelrücken zwischen zwei Seen. Bald schon brennt das Holz in den Öfen. In respektvollem Abstand zu den Hütten steht im Wald ein Plumpsklo. Strom gibt es keinen, dafür fließendes kaltes und warmes Wasser – aus Eimern. Doch die müssen erst gefüllt werden wie der Warmwassertank in der Sauna. Und das geht nur mit einem Eisbohrer und Handarbeit.
„In zwei Stunden ist die Sauna warm“, weiß Oupi. Also erst einmal der obligate Kaffee, dann geht‘s zum Pilkki hinaus auf den See. Eisangeln ist finnischer Nationalsport, auch wenn der Erfolg mager ausfällt. Doch hungern müssen wir nicht. Oupi kramt Lachs aus einer Kiste, wir schneiden kleine Äste in kurze Stücke. Dann wird der auf einem Holzbrett ausgebreitete Fisch damit festgenagelt und an das Feuer im Windschutz gelehnt. So gart die Delikatesse, wir dagegen in der Sauna. Nach dem zweiten Gang schütten wir uns einen Eimer mit dem erhitzten Wasser über den Kopf. Genau so haben sich Generationen von Finnen gewaschen.
Mittlerweile ist der Fisch fertig. Wir sitzen am Lagerfeuer, blicken auf den See, der nur noch schemenhaft im blauen Licht der langen Dämmerung zu erkennen ist, genießen die Ruhe. Ein leichter Wind kommt auf, das Feuer flackert. Die anderen verabschieden sich in die Hütten. Ich will im Freien am Feuer übernachten, beim Einschlafen den Blick in die Nacht und zu den Sternen haben.
Das Feuer ist am nächsten Morgen schnell wieder aus einem Glutnest angefacht und spendet Wärme. Ein starker Kaffee und ein Wurstbrot wecken abgekühlte Lebensgeister. Der am Abend aufgekommene Wind hat eine Wolkendecke über das Land geschoben, die Landschaft präsentiert sich in einer anderen Stimmung. Statt Licht und Schatten dominieren nun die Nuancen aus diversen Grautönen.
Die Rentiere dösen noch friedlich in den Morgen hinein, schauen ein wenig verschlafen, als wir ihnen Futter bringen. Jokke erhebt sich aus seinem Schneebett. Wir packen zusammen, löschen das Feuer, legen den Zugtieren wieder das Geschirr an. Die scheinen zu wissen, dass es nun zurückgeht und legen ein gutes Tempo vor. Ein paar Schneeflocken taumeln vom Himmel, als wir wieder bei der Rentierfarm ankommen. Allzu weit waren wir nicht von der Zivilisation entfernt. Und trotzdem hatte sich das Gefühl eingestellt, mitten im Nirgendwo gewesen zu sein.





