08.02.2012
Gesundheit

Neuer Ausgang, neues Leben

Wenn es auf natürlichem Weg nicht mehr funktioniert, hilft manchmal nur ein künstlicher Darmausgang. Doch auch mit einem Stoma lässt es sich unbeschwert leben.

Von Maria Reisigl

Innsbruck – Juliana Steiner marschiert wacker mit ihrem Stock durch die Klinikgänge. Unter ihrer Bluse verbirgt sich wenige Zentimeter unter dem Hosenbund ein kleiner Sack. Von außen sieht man nichts. Doch der kleine Beutel hat Steiners Leben verändert – zum Besseren, wie sie sagt. Seit zwei Jahren hat die 78-Jährige einen künstlichen Darmausgang. In ihrer Bauchdecke befindet sich seither ein so genanntes Stoma.

Der Darm wurde dazu in einer etwa einstündigen Operation durch die Bauchdecke gezogen und durchtrennt. Das eine Ende wurde wieder in den Bauchraum verlagert, das obere Ende zu einer kleinen runden rosa Wulst geformt und außen an der Bauchdecke angenäht. Diese Wulst dient nun als Ausscheidungsorgan. „Man muss sich das wie einen After am Bauch vorstellen“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Felix Aigner von der Uni-Klinik für Visceral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie in Innsbruck. Auf das Stoma können die Patienten selbst in wenigen einfachen Handgriffen eine Platte aufsetzen und darauf die entsprechenden Beutel montieren. Diese fangen die Ausscheidungen auf.

Juliana Steiner ist eine von vielen Stoma-Patienten in Innsbruck. Etwa vierzig bis fünfzig künstliche Darmausgänge werden an der Klinik pro Jahr operiert. In vielen Fällen machen Krebserkrankungen oder auch Entzündungen im Magen-Darm-Bereich sowie chronische Kontinenz-Probleme die künstlichen Ausgänge notwendig. Manchmal werden sie wie etwa bei Magendurchbrüchen zum Schutz des Darmes angelegt. Nach mehreren Monaten können diese so genannten Schutz-Stomata wieder rückoperiert werden. „Doch, ob es sich um ein ständiges oder vorübergehendes Stoma handelt, hängt von der Art der Erkrankung ab“, erklärt der Arzt. Betroffen sind übrigens alle Altersgruppen – vom Kleinkind bis zum älteren Menschen.

Aufklärung wird bei Stoma-Patienten groß geschrieben. Schon vor der Operation – außer im Fall von Notoperationen – werden die Patienten darauf vorbereitet, was sie später erwartet. „Wir erklären ihnen genau, was gemacht wird und wie sie die Spezial­utensilien richtig verwenden und sich versorgen können“, sagt Schwester Gerda Hutter. Seit sieben Jahren betreut sie an der Stoma- und Kontinenzambulanz an der Klinik Patienten mit künstlichem Ausgang. Regelmäßig werden ihre Stomata kontrolliert, ob die Säcke richtig sitzen, die Haut rund um den künstlichen Ausgang die richtige Pflege bekommt oder auch Fragen rund um das Thema Sexualität beantwortet. „Für uns ist es wichtig, dass die Patienten wissen, dass sie hier jederzeit einen Ansprechpartner und die entsprechende Betreuung haben“, sagt Hutter. Viele der Patienten kennt und betreut sie seit Jahren. „Manche haben ihren Ausgang seit über 20 Jahren“, erzählt sie. Die anfängliche Skepsis verfliege bei den meisten schnell, dann seien sie mit ihrem künstlichen Ausgang zufrieden.

Juliana Steiner kommt nur noch selten zur Kontrolle auf die Stoma-Ambulanz. „Bei mir funktioniert es wunderbar und es geht ja ganz leicht zum Selberversorgen. Die Schwestern haben mir das von Anfang an ganz genau erklärt und es ist wirklich einfach.“

Die kleinen Spezialsäcke, die die Ausscheidungen auffangen, sind bei richtiger Anwendung völlig dicht und auch geruchsneutral. Unter lockerer Kleidung sind sie nicht auszumachen, doch für Betroffene können sie eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität bedeuten. „Man merkt das Sackerl eigentlich gar nicht“, sagt Steiner. Sie geht schon längst wieder zum Turnen und könnte sogar ins Schwimmbad, wenn sie wollte. „Man kann praktisch alles damit machen und ich kann mein Leben endlich wieder genießen.“

Die meisten Patienten seien positiv überrascht, wie unkompliziert die Handhabung sei, bestätigt auch Aigner. Zunächst würden zwar viele glauben, ihre Welt gehe unter. „Aber diese Angst braucht man wirklich nicht zu haben, ganz im Gegenteil“, winkt Steiner ab. Sie habe vor der Operation das Haus praktisch nicht mehr verlassen können. „Ich musste immer Abführmittel nehmen und da weiß man ja nie, wann und wie man darauf reagiert.“ Jetzt hat sie einfach ein frisches Beutelchen und die zur Reinigung notwendigen Utensilien in ihrer Handtasche mit. Und wenn der Beutel voll ist, dann tauscht sie ihn eben aus. „Das ist in einer Minute erledigt und ganz unkompliziert.“

Damit die Patienten leichter mit ihrem künstlichen Ausgang zurechtkommen, bekommen sie auf Wunsch auch eine Ernährungsberatung. „Wir erklären den Patienten genau, wie und was sie am besten essen, damit sie ihren Stuhlgang ein wenig steuern können“, erklärt Schwester Gerda. Wichtig sei, dass die Patienten lernen, auf ihren Körper zu achten. „Dass sie spüren, welche Lebensmittel sich wie auswirken“, sagt sie. Wer etwa von Sauerkraut Blähungen bekomme, der werde wohl vor einem Konzert auf das Kraut verzichten. Denn Winde seien bei einem Stoma nicht kontrollierbar. „Da kann es schon einmal vorkommen, dass man das hört, wenn jemand an der Kassa steht“, sagt Schwester Gerda.

Steiner nimmt so etwas mit Humor. „Ich sage dann immer, mein Bauch redet wieder mit mir“, erklärt sie mit einem spitzbübischen Grinsen im Gesicht. Wirklich Unangenehmes sei ihr aber noch nicht passiert.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 08.02.2012
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