Mittels künstlicher Wellen ins Meer eintauchen
Von Edith Schlocker
Yeosu – 2009 eröffnete der damals 32-jährige Innsbrucker Stefan Rutzinger gemeinsam mit drei Partnern das Architekturbüro soma. Um noch, bevor die professionellen Bürostrukturen in Wien und Salzburg standen, sozusagen von der Wohnzimmercouch aus (Rutzinger) einen Riesencoup zu landen: den Gewinn des international offenen Wettbewerbs zum Bau des zentralen Pavillons der Expo im südkoreanischen Yeosu, die am 12. Mai eröffnet werden wird.
136 Büros aus aller Welt haben an dem Wettbewerb teilgenommen, darunter Stars wie Zaha Hadid. Überzeugt hat das junge österreichische Büro die Jury durch seinen direkten Zugang zum Thema der Expo „The living ocean and coast“, das in diesem zentralen Pavillon auf mehreren Ebenen zelebriert werden wird. Um das Thema unmittelbar erfahrbar zu machen, haben soma ihr Haus auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern direkt ins Meer gebaut. Wellenförmig ein- bzw. auftauchend in bzw. aus dem Wasser, zum Land hin eine künstliche, neue, reizvoll mäandernde Küstenlinie definierend.
„Uns wird schnell fad“, sagt Stefan Rutzinger, weshalb sie sich am liebsten in experimentelle Projekte stürzen, die einen unkonventionellen, freien Zugang zur Architektur zulassen. Beim Expo-Pavillon ist dieses grundsätzlich Neue dessen gemeinsam mit einem deutschen Ingenieurbüro bis inzwischen zur Patentreife entwickelte kinetische Lamellenfassade, die sie letztlich der Natur abgeschaut haben. Denn was diese Lamellen von üblichen unterscheidet, ist, dass sie sich durch Aufbiegen fast organisch öffnen lassen. Tagsüber wird auf diese Weise der Lichteinfall gesteuert, nachts lassen an den Innenseiten der Lamellen angebrachte LEDs das Gebäude aus seinem Bauch heraus leuchten.
Die aus glasfaserverstärktem Kunststoff gemachten Lamellen sind aber auch einzeln – und mit sehr geringem energetischem Aufwand – zu steuern, was reizvolle Choreographien, etwa in Wellenform, möglich macht.
Vom Land aus betrachtet, entwickelt sich das Gebäude als begehbare künstliche Landschaft mit geschwungenen Wegen, Dachgärten und Aussichtsplattformen. Über den durch eine große Auskragung für die Besucher wohltuend beschatteten Haupteingang gelangt man ins Foyer, das als offener, fließender Raum konzipiert ist, dessen Grenzen durch die einzelnen Ausstellungskörper definiert werden. Die als Zylinder unterschiedlicher Größe und Raumhöhe inklusive einer schwimmenden Plattform modelliert sind. Die Ausblicke zum offenen Meer werden durch kleine dreieckige Öffnungen reizvoll schräg gerahmt. Auch das Dach funktioniert als Ausstellungsfläche inklusive 360°-Panorama. Und von hier aus verlässt der Besucher auch den Pavillon über einen geschwungenen Panorama-Weg.
Auftraggeber für den Expo-Pavillon ist das Land Korea. Im Gegensatz zu den meisten an- deren Pavillons wird er die Weltausstellung überdauern. Seine Nachnutzung ist allerdings ungewiss. Ein Museum zum Thema Ozean ist genauso möglich wie ein Shoppingcenter. Letzteres wäre für Rutzinger schade, der gern im musealen Kontext unterwegs ist und es bedauert, in Tirol noch nichts gebaut zu haben.





