08.02.2012, 15:38  Aktualisiert: 08.02.2012, 16:01 
Klimastudien

Extrem kalte Winter in Europa könnten zur Norm werden

Die rasche Eisschmelze in der Arktis könnte laut Klimastudien die Wahrscheinlichkeit für extrem kalte Winter in Europa und Nordasien verdreifachen.
Dieser Tage bewegen sich die Temperaturen in Europa vielerorts um die minus 20 Grad.
Foto: EPA

Berlin - Der momentan klirrend kalte Winter in Europa erscheint wie eine Bestätigung jüngster Klimastudien. Einige Forscher sagen kältere Zeiten im Winter voraus, wenn das Eis in der Arktisregion nördlich Europas weiter so stark schmelzen sollte wie bisher. Das Phänomen könnte demnach die Wahrscheinlichkeit für extrem kalte Winter in Europa und Nordasien verdreifachen.

„Hier zeigen wir, dass der anormale Rückgang des winterlichen Meereises in der Barents-Kara-See extrem kalte Zeitenspannen bringen könnte“, schrieben Vladimir Petoukhov vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Vladimir Semenov vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel in einer Studie von 2010. Ihr Computermodell ECHAM5 zeigt: Eine Erwärmung der Luft in der Barents-Kara-See nördlich von Skandinavien und Russland kann kalte Winterwinde nach Europa bringen.

Forscher am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven kamen wenig später zu ähnlichen Ergebnissen. „Die Wahrscheinlichkeit für kalte, schneereiche Winter in Mitteleuropa steigt, wenn die Arktis im Sommer von wenig Meereis bedeckt ist“, schrieb das AWI erst am 26. Jänner 2012.

Komplexe Wechselwirkungen

Und das geht so: Das Sonnenlicht erwärmt die dunkle Meeresfläche stärker als eine helle Eisdecke. Aufgrund der kleiner werdenden Eisfläche wird demnach mehr Wasser erwärmt, wodurch sich die Lufttemperaturen in der Arktisregion bis in Herbst und Winter erhöhen. „Dies lässt durch komplexe Wechselwirkungen den Luftdruckgegensatz zwischen der Arktis und den mittleren Breiten Europas geringer werden und kalte arktische Luft kann im Winter besser bis nach Europa vordringen“, erläuterte AWI-Forscher Ralf Jaiser, der zusammen mit Kollegen im Jänner eine entsprechende Studie im Journal „Tellus A“ veröffentlicht hat. Dies sei natürlich keine „wasserdichte Prognose“, räumt er ausdrücklich ein. „Dafür ist das Klima zu komplex und es sind tatsächlich zu wenige Details verstanden.“

Regenrekord in Spitzbergen

Sicher ist aber, dass die Thesen der Extremtemperaturen im europäischen Winter nicht die globale Erderwärmung oder den Weltklimareport infrage stellen. Sie beziehen sich vielmehr nur auf einen Teil der Winterzeit in einer Region der Erdoberfläche. „Wir sagen, dass es in der Arktis wärmer und bei uns kälter wird“, erläuterte Jaiser. „Auf Spitzbergen ist es im Moment ungewöhnlich warm und es regnet.“ In der vergangenen Woche habe es auf dieser nördlich von Skandinavien liegenden Inselgruppe einen Regenrekord gegeben.

„Europa ist eine relativ kleine Region und die Winter sind nur eine von vier Jahreszeiten. Die anderen werden durchaus wärmer“, betonte Jaiser. Das äußere sich bereits durch längere Vegetationszeiten. „Unsere Studie ist ein Puzzlestück im großen Klimageschehen.“ (TT.com, dpa)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mi, 08.02.2012  15:38
aktualisiert: Mi, 08.02.2012  16:01
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