Platz für Riesen und Zwerge
Von Edith Schlocker
Innsbruck – Wer erinnert sich nicht mit durchaus gemischten Gefühlen an jene Zeiten zurück, in denen die Dinge der Erwachsenenwelt riesengroß waren. Als die Welt noch voller Wunder war, man sich so sehnlich ein Stockbett wünschte, aus Kleidern Zelte baute und in den Schuhen der Mutter herumstöckelte.
Dem Innsbrucker aut ist es seit Jahren ein zentrales Anliegen, durch ein ambitioniertes Kinder- und Jugendprogramm Raumerfahrungen mit spielerischem Ernst zu vermitteln. Und so wird in der aktuellen Schau das gesamte aut zum Freiraum für Illusionen: für Junge aller Altersstufen.
Ausstellungsmacher sind die Designer von EOOS und die Architekten von the next ENTERprise. Die Menschen dahinter sind – genauso wie aut-Chef Arno Ritter – Eltern von Kindern zwischen drei und sechs. Es ist ihr erstes gemeinsames Projekt, entwickelt bei mehreren Abendessen, in denen sie offensichtlich lustvoll in ihrem persönlichen Erinnerungs- und Erfahrungsschatz kramten. Um eine eigene Welt zu erschaffen, in der Maßstäbe und Perspektiven immer wieder wechseln, übliche Raumerfahrungen und Normen in Frage gestellt werden.
Die Umsetzung gestaltete sich zu einem technisch aufwändigen Unternehmen, das mit der gestrigen Eröffnung nicht abgeschlossen ist, sondern sich in den kommenden Wochen durch ihre Benutzer ständig verändern soll. Den Eingang haben EOOS und the next ENTERprise – architects für die Dauer der Schau einen Stock höher verlegt. In gleißendes Licht getaucht, betritt man einen kleinen Vorraum, immer kleiner werdende Schatten auf eine riesige schwarze Tür werfend, die nach dem Proportionsschema von Le Corbusier geteilt ist.
Und die drei Türschnallen hat: Drückt man die höchste nieder, öffnet sich eine für Riesen maßgeschneiderte Türe, bei der mittleren eine für mittelgroße Erwachsene passende Tür in der Tür, bei der untersten eine für kleine Kinder. Oder Kleinwüchsige, wie die Markierung an der Wand einer nur 58 Zentimeter großen Pauline andeutet, die sich, wenn auch einen Stock höher, mit der eines 272 Zentimeter großen Robert trifft.
Hinter der Tür tritt der Besucher ein in verknotete, zusammengeknöpfte und verschlungene bunte Kleiderlandschaften. Auf den Boden geworfen als Baustoffe für die Fantasie, während die in Beton gegossenen Jacken und Hosen hart Höhliges suggerieren, dazu angetan, sich in ihnen zu verkriechen.
„Kinder haften für ihre Eltern – Eltern haften für ihre Kinder“ steht warnend an dem neun Meter hohen, sich durch einen Spiegel scheinbar ins Unendliche verdoppelnden Bettenturm, für den the next ENTERprise – architects den Boden des aut geöffnet hat. 20 ganz normale Hochbetten wurden hier zu einem raffiniert in sich verschachtelten, bekletter-, besitz-, beliegbaren Kinderzimmer gestapelt, um gleichzeitig auch ein Raumobjekt von skulpturaler Qualität zu sein.
Im Untergeschoß projizieren EOOS ein Video an die Wand, basierend auf dem Film von Charles Eames aus dem Jahr 1968, in dem dieser von einer Wiese in New York ins ganz Große bzw. ganz Kleine zoomt. Um dieses Spielen mit Maßstäben geht es auch in den von EOOS entworfenen Tischen, die genauso Bänke sind. Hier kann der Besucher hautnah erleben, wie sich die für Erwachsene möblierte Welt aus der Perspektive eines Kindes anfühlen muss. In diesem maßstabslosen Systems ist der Tisch aber genauso Bank. Ausgereizt bis zum Spielzeug- bzw. Modellformat.
Begleitet wird die Schau durch ein umfangreiches Rahmenprogramm für Kinder aller Altersstufen.





