01.03.2012, 16:42 
International

Russische Paris Hilton macht gegen Putin mobil

Sie war lange Zeit der Inbegriff der Reichen und Schönen Russlands. Mit einem Video auf Youtube macht It-Girl Ksenia Sobchak jetzt gegen Wladimir Putin mobil.

Moskau – Sie ist die russische Antwort auf Paris Hilton: Von Beruf Tochter und passioniertes Partygirl, landete Ksenia Sobchak bisher vor allem mit freizügigen Fotos und Party-Eskapaden in den Schlagzeilen der russischen Medien. Ihr Vater Anatolij Sobchak war der erste liberale Bürgermeister von St. Petersburg, Reformer der ersten Stunde – und politischer Förderer und guter Freund von Wladimir Putin.

Ksenia Sobchak, Moderatorin einer Reality-Show, galt trotz ihres Politikwissenschaft-Studiums als Symbol einer unpolitischen, nur an Vergnügen und Luxus orientierten Jugend, die sich von den Idealen der Perestroika- und Glasnostzeiten weit entfernt hat. Umso mehr überraschte die 30-jährige Blondine in den vergangenen Monaten mit ihrem politischen Engagement.

Sympathie für Putin, aber nicht für seine Politik

Einer Zeitung sagte sie einmal, Putin sei ihr als Mensch sehr sympathisch, aber nicht als Politiker. Seit dem vergangenen Herbst ist Sobchak in der Anti-Putin-Bewegung aktiv – und erfuhr bald am eigenen Leib, was es heißt, sich gegen Russlands „starken Mann“ aufzulehnen: Ihre Polit-Sendung „Gosdep“ im russischen MTV wurde nach der ersten Folge abgesetzt. Offiziell hieß es, man wolle das „Format überprüfen“. Via Twitter verkündete die Moderatorin aber den wahren Grund: Sie wollte den bekanntesten Oppositionellen, den temperametvollen Alexej Nawalnyj, interviewen.

Viele in der Opposition wollten Sobchak ihr Engagement gegen Putin nicht so recht abkaufen und beäugten die politischen Aktivitäten des ehemaligen It-Girls argwöhnisch. Als Sobchak bei einer Kundgebung vor Putin-Gegnern Neuwahlen forderte, der Menge aber im selben Atemzug zurief, dass das Volk die Macht nicht stürzen, sondern Einfluss auf sie nehmen solle, wurde sie ausgepfiffen. Ksenia Sobchak merkte, dass sie für ihre Glaubwürdigkeit kämpfen muss.

Mit einem Video, das seit etwas mehr als einer Woche auf der Internet-Plattform Youtube zu sehen ist und bereits 1,8 Millionen Mal angeklickt wurde, ist die 30-Jährige in der Gunst ihrer Kritiker ein großes Stück gestiegen.

In dem Clip wirkt die in der Regel makellos gestylte Blondine blass und erschöpft. Sie fühlt sich sichtlich unwohl, als sie vor laufender Kamera einen Text herunterleiert. „Ich habe beschlossen, für diesen Kandidaten zu stimmen, weil die Wirtschaft und der Lebensstandard in unserem Land viel besser geworden sind“, sagt sie mit unsicherer Stimme.

Als die Kamera wegzoomt, erkennt man den Grund für ihr Unbehagen: Die junge Frau ist mit Klebeband an einen Stuhl gefesselt. Ein Mann in Lederjacke, dem man im Dunklen wohl lieber nicht über den Weg laufen will, sagt „Gut gemacht“ uns klebt der Blondine den Mund zu. Zwei Maskierte Polizisten tragen die zappelnde Frau weg.

Prominente zu Putin-Kampagne genötigt?

Der Kandidat, für den sich die Frau im Video einsetzt, wird nicht namentlich genannt. Dass es sich dabei um Wladimir Putin handelt, ist jedoch eindeutig: Das Video ist nämlich eine Parodie auf einen Versuch des Kreml, kurz vor der Präsidentenwahl am 4. März die Reichen und Schönen Russlands zur Unterstützung Putins zu bewegen – wenn notwendig, offenbar auch unter Zwang.

So soll sich Schauspielerin Chulpan Khamatova dazu genötigt gesehen haben, ein Video im Internet zu veröffentlichen, in dem sie sich für Putin stark macht. Kurz darauf wurde bekannt, warum: Vor der Aufnahme des Videos soll sie eine Drohung erhalten haben, man würde ihren Ruf zerstören und ihrer Wohltätigkeitsorganisation für krebskranke Kinder die Mittel streichen, falls sie sich nicht für den Regierungschef einsetzte. Dass Khamatova nicht freiwillig vor die Kamera getreten ist, sieht man ihr in dem Video deutlich an.

Ksenia Sobchak will sich mit solchen Machenschaften offenbar nicht länger abfinden. An der Seriosität ihres Engagements gibt es seit der Veröffentlichung des Videos kaum mehr Zweifel. Die 30-Jährige ist vom It-Girl zu einer ernst zu nehmenden Stimme der russischen Opposition herangewachsen,

An der politischen Situation in Russland wird sich zwar vorerst wohl nichts ändern. Eine erneute Amtszeit als Präsident ist Putin so gut wie sicher, die Wahl am 4. März wohl nur noch Formsache. Ksenia Sobchak scheint aber gewillt, auch in Zukunft für ein besseres, neues Russland zu kämpfen. Ein Russland ohne Wladimir Putin. (ema)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Do, 01.03.2012  16:42
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