29.04.2012
Architektur

„Ich kann etwas sagen, also muss ich es tun“

Über die mühsame Kunst, um der Ordnung willen zu differenzieren, und die strikte Notwendigkeit, nicht alle Politiker für Trottel zu halten: der Satiriker Florian Scheuba.
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Zur Person

Geb. am 5. 4. 1965 in Wien, verheiratet, drei Kinder (20, 18, 9). Karriere: 1981 gründeten die Schulkollegen Scheuba, Mini Bydlinski, Wolfgang Pissecker und Werner Sobotka „Die Hektiker“ (bis 2006 14 Kabarettprogramme); als Darsteller und Autor arbeitet der vielfach ausgezeichnete Scheuba für zahlreiche Kollegen und mit ihnen zusammen (u. a. „Freundschaft“, „Männer fürs Grobe“, „Die 4 da“); Kolumnen u. a. für Der Standard.

Von Irene Heisz

Wie viele Zeitungen haben Sie heute schon gelesen, was sind die Quellen Ihres Vertrauens?

Florian Scheuba: Zum Basisprogramm gehören Standard, Presse, Kurier, Krone und Magazine wie profil, Format, Spiegel und Falter. Mit Vertrauen hat das nur teilweise zu tun. Wenn man aus beruflichen Gründen Zeitung liest, liest man nicht nur anders, sondern auch anderes als zum Privatvergnügen.

Lesen Sie auf Papier?

Scheuba: Ja, größtenteils, ich hab’ das lieber. Man liest konzentrierter mit der Zeitung in der Hand. Es wäre ein Kulturverlust, wenn es Print eines Tages nicht mehr gäbe.

Bedeutet das auch, dass Sie ganz altmodisch Artikel ausschneiden, die Sie brauchen könnten?

Scheuba: Durchaus.

Finden Sie sich in der Zet- telwirtschaft zurecht?

Scheuba: Ein wunder Punkt! Meine Ordnung ist verbesserungswürdig, ich verwende viel Zeit darauf, Dinge zu suchen.

Erleichtern die Möglichkeiten unserer vernetzten Welt die Arbeit des Satirikers?

Scheuba: Jein. Einerseits kommt man viel leichter an Material heran. Andererseits wird es immer schwieriger, die Übersicht zu behalten. Das ist letztlich auch ein Motiv, von dem wir bei „Wir Staatskünstler“ ausgegangen sind: der Versuch, Ordnung zu schaffen. Ich denke ja, dass es den Zuschauern nicht anders geht als uns. Man müsste viel öfter sagen: „Moment, stopp, noch einmal langsam.“ Es passiert so viel gleichzeitig, es kommen so viele Dinge gleichzeitig heraus.

Was bisweilen Taktik ist, um von den eigentlichen Themen abzulenken.

Scheuba: Natürlich! Der Lobbyist Peter Hochegger hat das mit seinen Nebelgranaten gegen Politiker und Expolitiker aller Parteien exemplarisch gezeigt. Man muss sich die Mühe machen, das Ganze auseinanderzudividieren und zu schauen: Was war bei wem wirklich?

Die Alternative wäre nämlich der beliebte Reflex: „Typisch, das sind sowieso alles Gauner.“

Scheuba: Und weil das nicht stimmt, muss man so präzise wie möglich sein und das wirklich Skandalöse beim Namen nennen.

Treibt Sie ein moralischer Impetus an?

Scheuba: Eher banaler Zorn! Ich will das Moralische nicht zu hoch hängen, es kann mühsam sein, wenn einer ständig den Moralapostel spielt. Aber ich sehe momentan wirklich die ernste Gefahr, dass alles von einem großen Schwamm der Indifferenz aufgesaugt und neutralisiert wird. Ich kann etwas dagegen sagen, also muss ich es tun: auf der Bühne, im Fernsehen, in Zeitungstexten.

Und Sie laufen nicht Gefahr, zu resignieren oder zum Zyniker zu werden?

Scheuba: Nein. Das ist vielleicht eine Naturellfrage. Resignation und Zynismus ärgern mich, speziell bei intelligenten Menschen.

Wie treten Sie der Welt gegenüber?

Scheuba: Ich empfinde es als Privileg, dass ich machen darf, was ich tue. Es ist schon etwas Ungewöhnliches, dass man auf die Bühne geht, und da unten sitzen Leute, die sich das freiwillig anhören.

Nicht nur das: Sie zahlen sogar noch dafür.

Scheuba: Eben. Ich käme mir dekadent vor, wenn ich das nicht nützte, um zu transportieren, was mir ein Anliegen ist. Natürlich wäre es illusorisch zu glauben, man verbessere die Welt. Aber wenn von 300 Zuschauern nur zwei einen neuen Gedanken aus einer Vorstellung mitnehmen, dann hat man etwas bewirkt. Das ist mehr als nichts und mit Humor kann man auch gegen Angst kämpfen. Es hilft, das, wovor man sich fürchtet, der Lächerlichkeit preiszugeben.

„Wir Staatskünstler“ ist wie viele andere Ihrer Arbeiten politische Bildung in vergleichsweise bekömmlicher Form: Man schmeckt die Bitterkeit der Medizin erst, wenn sich die zuckrige Süße des Lachens verflüchtigt hat. Haben Sie Anfragen von Schulen?

Scheuba: Das nicht, aber die „Staatskünstler“ sind tatsächlich ein didaktisches Format. Man muss aber auch hier aufpassen, es nicht zu übertreiben. Als Oberlehrer der Nation sehen wir uns nicht.

An der Innsbrucker Gemeinderatswahl hat nur die Hälfte der Berechtigten teilgenommen. Wenn Sie die Macht hätten: Würden Sie den Befehl erlassen, heute zur Bürgermeisterstichwahl zu gehen oder eine „Staatskünstler“-Vorstellung zu besuchen?

Scheuba (lacht): Sehr schwierig! Ich würde mich, glaube ich, doch fürs Wählen entscheiden. Ich fand nämlich die Wahlbeteiligung auch erschütternd und sehe darin eine Ernte der Saat der Resignation. Diese postdemokratischen Zustände können uns nicht freuen.

Sie sehen die viel diskutierte Krise der repräsentativen Demokratie auch?

Scheuba: Natürlich. Vor allem wegen dieser Abwärtsspirale bei der Qualität des politischen Personals. Es ist schwach und wird dadurch unweigerlich noch schwächer. Kein vernünftiger Mensch will sich das noch antun. Das ist ein riesengroßes Problem.

Was kann man dagegen tun – als Satiriker oder in anderer Form öffentlich wirksamer Mensch?

Scheuba: Differenzieren! Der Satz „Alle Politiker sind Trottel!“ löst vielleicht einen kurzen spontanen Applaus aus, aber ich werde ihn nie sagen – genau darum geht’s nämlich nicht.

Bei aller Kritik am ORF kann man der Führung doch nicht absprechen, dass sie bitterböse Kritik am ORF zulässt. Was täte einer wie Sie in einem totalitären Regime?

Scheuba: Ich hätte große Probleme. Schon in Ungarn könnten wir sicher nicht spielen. Auch in dieser Hinsicht sind wir privilegiert. Man muss den ORF dafür loben, obwohl ich Kritik am ORF im ORF als Staatsbürger für selbstverständlich halte.

Bei den meisten Medien in Österreich ist Vergleichbares undenkbar.

Scheuba: Mediale Selbstkritik gibt’s in ganz Österreich – wie auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland – wirklich nur rudimentär.

In Österreich ist es nicht allzu schwierig, gegen den Stachel zu löcken. Wie mutig wären Sie als Sati- riker, wenn Sie oder Ihre Lieben bedroht würden?

Scheuba: Das kann ich wirklich nicht beantworten. Von meinem Naturell her würde ich wohl versuchen, auszuloten, was geht. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, den Heldentod zu sterben. Das Schlimmste, was uns in Österreich passiert, ist, in bestimmten Zeitungen nicht vorzukommen. Unser Tun ist also nicht völlig konsequenzlos, aber im Vergleich mit ernsten Repressionen ist das Pipifax.

Sie stehen seit mehr als 30 Jahren auf der Bühne – aber nie solo. Warum?

Scheuba: Das hat wohl mit meiner „Hektiker“-Sozialisation zu tun. Ich tausche mich gern mit anderen aus und erachte es als größten Luxus, dass ich mir aussuchen kann, mit wem ich ar- beite. Ich habe nicht das Be- dürfnis, mich auf der Bühne mit einem Seelenstriptease zu verwirklichen.

Teamarbeit bedeutet Ihnen mehr, als allein Lorbeeren einzuheimsen?

Scheuba: Absolut.

Was haben Sie sich mit 16 Jahren dabei gedacht, als Sie zusammen mit drei Schulkollegen „Die Hektiker“ gründeten?

Scheuba: Das ist uns passiert. Wir fanden es schade, dass das Schultheater nur einmal im Jahr stattfindet. Also haben wir – völlig größenwahnsinnig – mit unserem Taschengeld ein Theater gemietet. Wir waren einfach absolut sicher, dass Leute kommen.

Was ja auch stimmte.

Scheuba: Wir hatten Riesenglück. Nach der Matura habe ich zwar die klassische Kombination Publizistik und Theaterwissenschaften zu studieren begonnen, ein paar Monate bei der Presse geschrieben und im ORF „Okay“ moderiert. Aber mir wurde bald klar, dass ich nicht ständig Autoritäten über mir haben will. Auch blieb neben den „Hektikern“ bald kein Platz mehr für etwas anderes. Es hat kommerziell funktioniert, plötzlich haben wir 200 Vorstellungen im Jahr gespielt – auf einmal war es ein Beruf und seither ist es so geblieben.

Wann haben Sie begonnen, zu reflektieren, warum Sie auf der Bühne stehen und was Sie tun?

Scheuba: Erst nach einigen Jahren „Hektiker“, in denen alles wie selbstverständlich gelaufen war.

Ein paradiesischer Zustand der Ignoranz.

Scheuba: Absolut! In der „Hektiker“-Anfangsphase war der Hauptgedanke, zu tun, was den Leuten gefällt und was ihnen als Nächstes gefallen könnte. Im Laufe der Jahre verschob sich der Fokus nach und nach in Richtung „Was will ich eigentlich sagen?“. Ich will es gar nicht abwerten, wenn jemand nach dem Motto „Give the people what they want“ arbeitet. Nur mich hat es halt nicht länger zufriedengestellt.

Könnten Sie auch als Nur-Schreiber von Kabarett, Drehbüchern, Kolumnen überleben – und ich meine nicht finanziell?

Scheuba: Jein. Das sinnliche Vergnügen daran, das Geschriebene auch umzusetzen, ist hoch. Ich bin mir nicht sicher, ob mir etwas fehlen würde, aber ganz auf die Bühne zu verzichten, wäre schade. Wenn einem ein Projekt ans Herz wächst, hat man ja auch eine Vorstellung davon, wie es umgesetzt gehört, eine Idee von Tonfällen etc.

Wie machen Sie sich in der Rolle des Vaters?

Scheuba: Improvisiert! Das ist genauso passiert wie meine Rolle auf der Bühne. Ich habe praktischerweise alle drei Kinder mit derselben Frau. Und meine Frau verwirklicht ihr Organisationstalent nicht nur als Managerin, sondern auch in der Familie. Sie hält mir den Rücken frei, anders wäre es bei meinem zwangsläufig unregelmäßigem Tagesablauf gar nicht möglich, neben dem Beruf auch noch eine Familie zu haben. Das ist ein großes Glück für mich.

Ist es einfach, ein Kind von Florian Scheuba zu sein?

Scheuba: Ich hoffe es! Ich bin stolz auf alle drei, aber wie käme ich dazu, mir dafür auf die Brust zu klopfen? Auf jeden Fall haben sie es mit ihrer Mutter sehr, sehr gut erwischt. Beim Vater hoffe ich zumindest, dass sie denken: „Es hätte schlimmer kommen können.“

Sie sind bekennender Fußballfanatiker. Wer wird Europameister?

Scheuba: Mein Herz schlägt an sich für Spanien und den FC Barcelona. Aber ich bin natürlich auch eiserner Grün-Weißer, da leidet man auch viel.

Nicht so viel wie zurzeit als Barcelona-Fan. Oder als Grün-Schwarze in Innsbruck!

Scheuba: Stimmt auch wieder, es ist alles relativ.

Was also ist Ihr Euro-Tipp?

Scheuba: Früher war’s einfach zu sagen: „Bitte nicht die Deutschen!“ Mittlerweile ist die Mannschaft sympathischer geworden. Aber wenn ich mir vorstelle, was die Bild-Zeitung am nächsten Tag schreiben würde ... So oder so wird die Europameisterschaft eine gute Zeit. Wir haben uns diese drei Wochen praktisch spielfrei gehalten und werden mit einem guten Wein vor dem Fernseher sitzen. Darauf freue ich mich.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 29.04.2012
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