03.05.2012
Amadeus Award

Sternderln schauen und einen Star betrauern

Österreichs Musiklandschaft ist bunt, die Verleihung der Amadeus Awards war am Ende aber doch dunkelgrau. Ludwig Hirsch sei Dank.

Von Christiane Fasching

Wien – Conchita Wurst trägt ein Dirndl. Und keinen Amadeus in den Händen. Zur Verleihung des österreichischen Musikpreises war die Beinahe-Song-Contest-Starterin am Dienstag aber trotzdem geladen. Weil die bärtige Lady nun einmal zur Klang-Familie des Landes zählt. Wie die Trackshittaz, die ebenfalls ohne gläserne Trophäe durch das Wiener Volkstheater schlendern und coole Miene zum leer ausgegangenen Spiel machen. Immerhin durften die Traktorgangster zum Showstart effektvoll mit dem Popo wackeln, um hernach die siegreiche Konkurrenz mit Applaus zu bedenken. Kein Problem für Lukas Plöchl und Manuel Hoffelner – wie es sich anfühlt, knapp am Erfolg vorbeizuschremmen, haben sie schon oft genug erfahren.

Alpen-Elvis Andreas Gabalier kurvt indes die Siegerstraße entlang. Seinen tourfreien Tag nutzte der Volks-Rock‘n‘Roller, der landauf, landab die Massen in Ekstase versetzt, um seinen Trophäenschrank aufzumotzen und zwei Amadeus-Awards auf seinen muskulösen Oberarmen zu balancieren. Österreichs kernigster Musikexport dankte dann auch artig für die Würdigung seiner Live-Qualitäten, wunderte sich allerdings auch über die Adelung zum besten Schlager-Interpreten der Nation. „Für Volks-Rock‘n‘Roll gibt‘s noch keine Schublade“, lachte Gabalier verschmitzt. Und bekrittelte den Amadeus-Abstimmungsmodus, der auf einem Internet-Voting basierte. Gabalier: „Vielleicht könnte man das ja noch mal überdenken – und auch miteinbeziehen, wer seine Songs selber schreibt.“

Hubert von Goisern tut das seit 25 Jahren – und erntete dafür am Dienstag die Lorbeeren. Wie Gabalier dominierte er zwei Kategorien („Album des Jahres“ und „Pop/Rock“) und war darob fast schon gerührt. Aber nur fast. „Ich fühl‘ mich schon seit 20 Jahren wie die Nummer eins“, schmunzelte der Weltmusiker – und gab einen mitreißenden Einblick in sein klangvolles Können. Dagegen sah der als Highlight des Abends angekündigte Auftritt von Grammy-Gewinner Jason Mraz leider etwas lahm aus. Oder war‘s die spätere Stunde, die den Besuchern des locker gefüllten Volkstheaters das Gähnen ins Gesicht trieb? Heiß und stickig war‘s obendrein. Und zwar so heiß, dass einem die Vamummtn ob ihres Textilüberflusses fast schon leid tun konnten. Irgendwie überflüssig war dann auch die Dankesrede der ausgezeichneten Hip-Hop-Combo­. „Wir danken uns selber für unser­ Talent, das nicht alle Nominierten haben“, tönte ein Vamummter­ schallgedämpft. Wer hinter dem Mundschutz steckte? Keine Ahnung, gehörte wohl zum Konzept.

Manuel Rubey, der mit Puls-4-Beauty Bianca Schwarzjirg lakonisch durch den Abend führte, machte indes das Familienprinzip zum Konzept des Abends. Dieser Logik entsprechend dürften Die Jungen Zillertaler, die mit zipfelbemützten Background-Mädels antanzten und einen Amadeus für die beste volkstümliche Performance abstaubten, der schräge Onkel sein. Der fehlt auf keinem Fest, wird aber trotzdem immer belächelt. Welche Rolle Produzenten-Legende Rudi Dolezal innehat, ist dagegen unklar. Rubey zog ihn auf alle Fälle gehörig durch den Kakao. Ob‘s ihm der „beste Freund von gar allen“ übel nahm, ist nicht bekannt.

Die Protagonisten von 5/8erl in Ehr‘n, die in der Sparte „Jazz/World/Blues“ gewannen, nahmen den Amadeus-Organisatoren dafür den geringen Frauenanteil auf der Nominierungsliste übel. Und wünschten sich „mehr eigenwillige österreichische Musik“. Ein Stück davon – „Vo Mello bis ge Schoppornou“ des Holstuo­narmusigbigbandclub – wurde überraschend zum „Song des Jahres“ erklärt. Und zwar so überraschend, dass die Sieger aus dem Ländle nicht mehr als ein „Es ist schön. Dankeschön“ herausbrachten.

Eloquenter war da Ernst Grissemann, der die Laudatio für den verstorbenen Liedermacher Ludwig Hirsch hielt, der posthum für sein Lebenswerk geehrt wurde. Plötzlich wurde nicht mehr gegähnt, sondern geschluchzt – und in die Sternderln geschaut, wo jetzt wohl ein ganz Großer wohnt. Und sich ein bisschen über die kunterbunte Verwandtschaft wundert.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 03.05.2012
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