17.05.2012
Architektur

Vereinte einsame Hochsommernacht

Festwochen-Uraufführung von Peter Handkes „Die schönen Tage von Aranjuez“ am Akademietheater.

Von Bernadette Lietzow

Wien – „Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende“, wendet sich Beichtvater Domingo in Schillers „Don Karlos“ an den Kronprinzen, und auch in Handkes neuem Theatertext, am vergangenen Dienstag als Beitrag des Burgtheaters zu den diesjährigen Festwochen uraufgeführt, scheint gegen Schluss des „Sommerdialogs“ der nahende Herbst schon spürbar. Widmete sich Handke in seiner letzten, bei den Salzburger Festspielen 2011 gezeigten Theaterarbeit „Immer noch Sturm“ der Kärntner Vergangenheit, so sind „Die schönen Tage von Aranjuez“ dagegen eine Art Rückzug ins Private, eine poetische wie zweifelnde Auseinandersetzung mit der scheinbaren Unvereinbarkeit von Mann und Frau. Diese zu durchbrechen oder auch manifest zu machen, so gewiss kann das keiner der beiden sagen, stehen sich bei Handke die „Frau“ und der „Mann“ gegenüber und befragen einander, unergründlichen Spielregeln folgend, zum Thema Liebe. Wobei offensichtlich wird, dass sich der Mann die Rolle des Fragenden zugeschanzt hat und sehr interessiert um Auskunft zu den „Fick- und Vögeljahren“ der Frau bittet. Ausdrücke, die diese übrigens nur „dank dem Sommerwindwehen“ verzeiht, sich jedoch bereitwillig auf die Reise zu vergangenen Gefühlen begibt, ihnen nachspürt und sie mit dem Hier und Jetzt, eventuell mit dem anwesenden Mann in Verbindung bringt. Ihm, dem durchwegs leidenschaftlichen Zuhörer, hat Handke für seine Fluchten vor zu tiefer Gefühlsäußerung poetische Hintertürchen eröffnet. Des Mannes lyrische Naturschilderungen von sich im Sand badenden Spatzen und prall gefüllten, aber bitteren Johannisbeeren stehen zwar immer in assoziativer Verbindung mit dem von der Frau so eminent ehrlich verhandelten Thema Liebe, umkreisen es aber ebenso angstvoll. Damit illustriert Handke seine Grundthese der Anziehung der Geschlechter bei gleichzeitigem Unvermögen, einander „verstehen“ zu können. „Es ist schmerzhaft, zugleich lebendig und allein zu sein“, resümiert die Frau an einer Stelle, und wenn beide am Ende, nach einem wie nebenbei erfolgten Kuss, am Gartentisch sitzend zur Ruhe gekommen sind, blinkt doch so was wie Harmonie am inzwischen nächtlichen Sternenhimmel. Luc Bondy, heuer in seiner vorletzten Saison als Intendant der Wiener Festwochen tätig, hat Handkes Text umgesetzt. Er lässt die Figuren in einem Zwischenreich agieren, einer Art Bühne, auf der sich neben Gartengestühl, gemalten Kulissenteilen auch das ein oder andere Stück Kostüm befindet, das auf „Don Karlos“ zu verweisen scheint (Bühne: Amina Handke). Bondy beschränkt sich in seiner Inszenierung auf kleine witzige Details, fast Zirkusnummern vergleichbar, die das intime Gespräch ironisch mehr begleiten als kommentieren. Im Übrigen überlässt er den Abend den beiden wunderbaren Protagonisten Dörte Lyssewski und Burgtheatergast Jens Harzer, denen zuzusehen und zuzuhören ein ausgesprochenes Vergnügen ist. Beide Schauspieler haben sich Handkes Text mit großer Natürlichkeit zu eigen gemacht, dabei sind Harzers gelegentliche Travestien ebenso geglückt wie Lyssewskis zeitweilig stilles Räsonieren. Nach dieser Leistung verwunderte dann doch ein eher matter Premieren-Applaus.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 17.05.2012
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